„Wer unter den Mudschahedin noch nie verknüpfen Wutanfall gehabt hat, ist innerlich zerbrochen“

Abbas Khider stammt aus dem Irak – und erzählt in seinem neuen Roman von der Zeit, in der sein Herkunftsland unter der Herrschaft der Islamisten stand. Wie man in solchen Situationen seine Würde und seinen Stolz behält.

Wer unter den Mudschahedin lebt und noch nie einen Wutanfall gehabt hat, ist innerlich zerbrochen.“ Noah, der 14-jährige Protagonist von Abbas Khiders neuem Roman „Der letzte Sommer der Tauben“, kann zum Glück beides vermeiden. Das verdankt er seiner Familie, nicht zuletzt seinem Onkel Ali, der im Schutz des Hauses immer wieder solche Sätze sagt – gleichsam verbalisierte Talismane von immenser Alltagstauglichkeit.

Es sind die Jahre, in denen im bürgerkriegszerrütteten Irak der Islamische Staat (IS) dominiert und die rigiden Regeln seines „Kalifats“ durchgesetzt hat, mit unvorstellbarer Grausamkeit, und permanenter Gehirnwäsche. Abbas Khider, 1973 in Bagdad geboren, lebte zu dieser Zeit längst in Deutschland. Aus dem einstigen Flüchtling war inzwischen ein produktiver und preisgekrönter Schriftsteller geworden, der in einem verblüffend sinnlich-präzisen Deutsch schreibt und dessen Romane um Repression und Flucht kreisen – und um das Widerstehen Einzelner.

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Einst als 19-Jähriger unter der Diktatur Saddam Husseins ins Gefängnis geworfen und gefoltert worden, ist es Abbas Khider gelungen, die existenziellen Erfahrungen des Ausgeliefertseins auf eine Weise literarisch auf eine Weise universell werden zu lassen, die sich nie im Abstrakten oder gar Traktathaften verliert. So folgt man auch dieses Mal ab der ersten Zeile der Geschichte jenes Noah, der vom Dach des elterlichen Hauses den ästhetisch bezirzenden Flug seiner geliebten Tauben betrachtet, die sich im Unterschied zu den vom „Kalifat“ malträtierten Menschen frei bewegen können, zumindest vorerst.

Bereits 2010 in seinem Debütroman „Die Orangen des Präsidenten“ hatten Tauben diese Rolle gespielt, und wer will, könnte die literarische Freiheitslinie sogar noch weiter ziehen: Bis zu Eli Amirs Roman „Der Taubenzüchter von Bagdad“, in dem sich der bekannte israelische Schriftsteller an seine irakische Kindheit erinnert und an die Nischen inmitten der allgegenwärtigen Gefährdung.

Unter der schwarzen Flagge des „Kalifats“

Die Straßen und öffentlichen Plätze der bei Abbas Khider nun namenlos bleibenden Stadt sind längst vom IS okkupiert. Es weht die schwarze Flagge des „Kalifats“, sämtliche Internet-Cafés sind geschlossen, Frauen dürfen nicht mehr arbeiten und nur noch zum Einkaufen aus dem Haus gehen – verschleiert und stets in Begleitung männlicher Verwandter. Der Ehemann von Noahs schwangerer Schwester befindet sich in Haft, der Vater musste sein Café schließen, und die Mutter versucht so gut es geht, den Alltag zu organisieren.

Doch was heißt schon Alltag in einer Stadt, in der es immer wieder zu öffentlichen Hinrichtungen und Steinigungen kommt, an denen sich auch die vermeintlich „einfachen, normalen Leute“ beteiligten? Und wiederum benötigt Abbas Khider nur wenige, prägnante Sätze, um sogleich eine Atmosphäre, eine psychologische Konstellation sichtbar zu machen – ohne jeglichen epischen oder metaphernschweren Ballast.

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Noah findet Dank seines kundig betreuten Taubenschwarms, der Lockvögel und turtelnden Pärchen jene temporäre Stabilität, die ihm sein Freundeskreis nicht mehr geben kann – zwei seiner besten Kumpels befinden sich längst in den „Ferienlagern“ des IS, um dort zu Kämpfern geschult zu werden. Mitunter aber steigt der Rauch von der Straße bis hoch zu den Taubenschlägen – wenn auf Anweisung der Herrschenden wieder einmal Handys, DVDs, Zigaretten und Werbebroschüren mit unverschleierten Frauen abgegeben und verbrannt werden müssen.

Am Schluss trifft das Verdikt dann sogar die Flugtauben. Als sie sich nach der Vertreibung des IS endlich wieder in die Lüfte erheben dürfen, blickt der inzwischen erwachsenen gewordene Noah auf das Ruinenmeer der Stadt. Nicht viel hätte gefehlt, und auch er wäre zerbrochen. Was für eine Geschichte, was für ein Roman.

Abbas Khider: Der letzte Sommer der Tauben. Hanser, 215 Seiten, 24 Euro

Source: welt.de

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