Neben der gemeinnützigen „Wayback Machine“ (Archive.org) war das Angebot von „Archive Today“, das unter Adressen wie „archive.ph“ abrufbar ist, bislang ein geeignetes Werkzeug, um online Webseiten zu archivieren. Ändert sich der Inhalt einer Website, kann man dort frühere Versionen sichten. Das Angebot ist kostenlos und wird von Journalisten häufig zu Recherchezwecken genutzt. Ein Vorteil bei „Archive Today“ ist, dass es dort fast unmöglich erscheint, Inhalte rückwirkend zu löschen. Ausnahmen gelten für Kinderpornographie und andere kriminelle Inhalte. Doch wer hinter „Archive Today“ steht, das es seit ungefähr 2012 gibt, ist unklar. Spuren führen, laut dem Blog „Gyrovague“ nach Russland und Deutschland. und jetzt steht „Archive Today“ unter Manipulationsverdacht.
Und das hat mit dem Versuch zu tun, herauszufinden, wer hinter „Archive Today“ steckt. Obwohl die Spuren nach Russland und Deutschland falsche Fährten sein könnten, gibt es Indizien, dass es sich um ein Projekt einer einzigen Person handelt, die in Russland beheimatet ist. Finanziert wird das Projekt, so wird vermutet, über Spenden und Anzeigen. Man erkennt die Bedeutung von „Archive Today“ daran, dass in Wikipedia geschätzt 695.000 dieser Archivlinks in 400.000 Artikeln eingetragen sind. Doch nun beginnt die englischsprachige Wikipedia, diese Links zu entfernen. Grund ist, dass „Archive Today“ verwendet wurde, um einen Distributed-Denial-of-Service-Angriff, also die Überlastung mit Datenverkehr, gegen den Gyrovague-Blog zu lenken.
Die deutsche Wikipedia diskutiert den Fall noch
Dieser Blog hatte beschrieben, wie sich der Macher von „Archive Today“ hinter mehreren Decknamen versteckt. Zudem berichtet das Portal „Ars Technica“, wie Wikipedia-Mitwirkende entdeckten, dass „Archive Today“ Snapshots von Webseiten veränderte, um den Namen des Bloggers einzufügen, der ins Visier genommen wurde. Ob das tatsächlich passiert ist, konnte von der F.A.Z. nicht verifiziert werden. Die deutschsprachige Wikipedia diskutiert den Fall noch.
In der englischen Wikipedia-Diskussion heißt es: „Es herrscht ein großer Konsens darüber, dass Wikipedia seine Leser nicht auf eine Website lenken sollte, die die Computer der Benutzer nutzt, um einen DDoS-Angriff auszuführen. Darüber hinaus wurden Beweise dafür vorgelegt, dass die Betreiber von archive.today den Inhalt archivierter Seiten verändert haben und ihn unzuverlässig machen.“ Damit ist die Verlässlichkeit von „Archive Today“ nicht mehr gegeben.
Bei Wikipedia heißt es, Links zu den folgenden Domainnamen sollten entfernen und ersetz werden: archive.today, archive.is, archive.ph, archive.fo, archive.li, archive.md und archive.vn. Dies, „wenn die ursprüngliche Quelle noch online ist und identische Inhalte hat“. Der Ratschlag lautet: „Ersetzen Sie den Archivlink, so dass er auf eine andere Archivseite verweist, wie das Internet-Archiv (das gemeinnützige Archive.org, das ist die Wayback Machine), Ghostarchive oder Megalodon.“
Wie man hört, nutzen viele nun auch europäische Journalisten den japanischen Dienst megalodon.jp. Interessant ist außerdem, dass in Wikipedia ausdrücklich angeboten wird, „auf die Papierquelle zu verweisen“. Wenn Archivseiten kompromittiert sind und Künstliche Intelligenz dauerhaft halluziniert – weil die Onlinequellenlage unsicher ist –, bleibt am Ende womöglich nur gedrucktes Papier von Qualitätsmedien als sichere Informationsquelle. Das wäre eine Pointe.
Source: faz.net