Selbst in Österreich kann man mit Witzen über die Deutsche Bahn nichts falsch machen. Doch Dirk Stermann, der lustigste Deutsche Österreichs, spottet noch viel mehr über die zurückgebliebenen Nachbarn Wiens. Und erweist sich damit als perfekt integriert.
Das Saallicht geht aus, das Publikum stellt die Gespräche ein und blickt gespannt zur Bühne. Nur einer fehlt: der Star des Abends. Dirk Stermann, der lustigste Deutsche Österreichs, wie es in der Ankündigung für sein neues Soloprogramm heißt, lässt auf sich warten. Im unverwechselbaren Deutsche-Bahn-Sound verkündet eine eingespielte Stimme, dass sich der Kabarettist um wenige Minuten verspäten werde: „Grund dafür ist eine Verspätung in einem Nachbarland.“ Im von der ÖBB verwöhnten Wien kommen Witze über die inzwischen sprichwörtliche Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn bestens an. Und dann kommt auch Stermann an – mit nur zwei Wochen Verspätung, spottet er.
Selbst in Österreich kann man mit Witzen über die Deutsche Bahn nichts falsch machen. Und erst recht nicht, wenn man dem schwarzen Humor so sehr huldigt wie Stermann („Wer sich heute auf die Gleise legt, stirbt, weil er verhungert“). Doch mehr noch hat es der 1965 in Duisburg geborene Künstler auf Niederösterreich abgesehen. Insbesondere für die Wiener gilt das ab Stadtgrenze beginnende und flächenmäßig größte Bundesland als Inbegriff von provinzieller Rückständigkeit und Sensationsarmut, quasi als Brandenburg Österreichs. „In Berlin kann man so viel erleben, in Brandenburg soll es wieder Wölfe geben“, wie Rainald Grebe einst unvergesslich gesungen hat.
Witze über Niederösterreich? Darf er das denn, als Piefke? Allerdings! Seit fast 40 Jahren lebt und arbeitet Stermann in der österreichischen Hauptstadt, ist aus Funk („Salon Helga“) und Fernsehen („Willkommen Österreich“) bekannt und hat seine „Entpiefkenisierung“ sogar literarisch dokumentiert („Sechs Österreicher unter den ersten fünf“). Stermann verkörpert die Wiener Lebensart besser als so manche in der Stadt Geborene, was wieder einmal beweist, dass Kultur keine Frage der Biologie ist – anders als es die „Identitären“, das intellektuell verwahrloste Exportprodukt des Rechtsextremismus aus der Wiener Vorstadt Baden (Niederösterreich!), behaupten.
Außerdem geht es bei Stermann demokratisch zu: Alle bekommen ihr Fett weg, von den Niederösterreichern, Wienern und Slowaken über Philipp Hochmair bis zu den Ossis und Ruhrpottlern. Und in der Politik von Herbert Kickl bis Andreas „Andi“ Babler.
Die dichtgesäten Pointen des zweistündigen Abends verknüpft Stermann lose mit einem Erzählfaden, der sich um eine schweralkoholische Bahnfahrt von Wien nach Amstetten im niederösterreichischen Mostviertel dreht. Er habe nämlich von einem Musiker gehört, so Stermann, der auf den knapp eineinhalb Stunden Fahrtzeit ganze 20 weiße Spritzer, also Weißweinschorlen gekippt hätte – und nach Ankunft ein fantastisches Konzert spielte.
Als Bühnenfigur ist Stermann auch für einen Auftritt nach Amstetten unterwegs, als ihm diese Geschichte wieder einfällt, die allerdings nicht „reenacted“ wird. Bis auf einen kleinen Pfiff Bier am Ende bleibt Stermann auf der Bühne bei Wasser, trotz der ungeschönten Einblicke in die auch von Schriftstellerkollegen wie Joachim Lottmann („Hundert Tage Alkohol“) präzise beschriebene Trink- und Saufkultur des Alpenlandes.
Mit „20 Spritzer bis Amstetten“ pflegt Stermann die gute alte Wiener Schule des Humors, die sich durch schonungslose Selbstironie auszeichnet. Stermann präsentiert sich selbst als alternden Kabarettisten und Bühnenclown wider Willen, der eigentlich lieber einen Liederabend machen würde. Die Agentur druckt statt „Stermann singt“ allerdings „Stermann sinkt“ auf die Plakate und so wird aus dem Ganzen etwas wie ein Abgesang.
„Ich bin ein Schriftsteller im Körper eines Sängers, der zum Witzemachen gezwungen wird“, so Stermann über sich selbst. Doch für wie lange noch? „Willkommen Österreich“, die berühmte Late-Night-Show mit Christoph Grissemann, läuft 2027 aus. Nebenher hat sich Stermann auch als Schriftsteller etabliert, kürzlich erst hat er mit „Die Republik der Irren“ einen neuen, von der Kritik bejubelten Roman veröffentlicht.
An diesem Abend zeigt Stermann seine Qualitäten als Solo-Entertainer. Und gesungen wird auch. Das Publikum ist begeistert. Mit dem Rabenhoftheater hat sich Stermann zudem eines der schönsten Wiener Theater für seine Show ausgesucht. Gelegen mitten im denkmalgeschützten Gemeindebau aus der Glanzzeit des „Roten Wien“ hat sich das Rabenhoftheater seit über 20 Jahren zu einem angesagten Hotspot der Wiener Kulturszene entwickelt. Tom Neuwirth, auch bekannt als Conchita Wurst, spielt hier im Dauerhit „Luziwuzi. Ich bin die Kaiserin“ den schrägen Habsburgerprinzen Ludwig Viktor und Stefanie Sargnagel tritt mit „Opernball“ (kürzlich auch als Buch erschienen) auf. Intendant Thomas Gratzer hat kürzlich mit „Döbling Burning“, zusammen mit der Wienerlied-Legende Ernst Molden, die Wiener Tradition des Singspiels wiederbelebt. Und nun steht im 3. Gemeindebezirk auch noch Dirk Stermann auf dem Spielplan, der so charmant wie keiner sonst die deutsch-österreichischen Gemütslagen kommentiert.
„20 Spritzer bis Amstetten“ läuft bis Ende Mai am Wiener Rabenhoftheater
Source: welt.de