„Wer Mitschüler ,Digger‘ nennt, wird unbewusst denn weniger kunstfertig wahrgenommen“

Von der Kita bis zum Abschluss: Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsleistungen beginnt früh – und hält sich während der ganzen Schulzeit, zeigt eine Studie. Und dafür sind Lehrer mitverantwortlich.

Ob Kinder und Jugendliche eine Chance auf eine erfolgreiche Schulzeit haben, hängt nicht nur von ihren individuellen Fähigkeiten und der Ausstattung des Elternhauses ab. Auch die subjektive Bewertung durch Lehrer spielt eine große Rolle. Kinder aus armen und bildungsfernen Haushalten werden in der Schule offenbar systematisch schlechter beurteilt als ihre Mitschüler aus Mittelschichts-Akademiker-Familien.

Das ist das wohl frappierendste Ergebnis der bisher größten deutschen Studie über soziale Ungleichheit. Die Studie „Von der Kita bis zur Uni“ von Forschern des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe analysiert erstmals umfassend, wie die soziale Herkunft in Deutschland den gesamten Bildungsverlauf eines Menschen beeinflusst – von der frühen Kindheit bis zum Übergang in Studium und Ausbildung. Möglich wird dies durch die Analyse von Bildungsverläufen von der Geburt bis zum Alter von 26 Jahren mit den Daten des Nationalen Bildungspanels. Eine Längsschnittbetrachtung also, die die aus Bildungsvergleichen wie Pisa oder Iglu bekannten Ergebnisse zur Abhängigkeit von Herkunft und Schulleistung bestätigt – zugleich aber ein viel größeres Bild bietet.

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Und das ist durchaus erschreckend. Denn die Analyse zeigt, dass soziale Bildungsungleichheiten schon im frühesten Kindesalter einsetzen, sich rasch verstärken und dann lange stabil bleiben.

Das fängt bereits bei der frühkindlichen Betreuung an. Im Alter von 15 Monaten beträgt die Wahrscheinlichkeit des Besuchs einer Kita für Kinder aus einer „niedrigen sozialen Schicht“ nur acht Prozent. Für Kinder aus der Mittelschicht liegt sie bei 14 Prozent und für Kinder aus hohen sozialen Schichten bei 20 Prozent. Mit steigendem Alter besuchen zwar immer mehr Kinder eine Kita, die Unterschiede aber bleiben.

So sind im Alter von drei Jahren 87 Prozent aller Kinder aus höheren sozialen Schichten in der Kita – aber nur 77 Prozent der Kinder niedriger sozialer Herkunft. „Grundsätzlich kann man sagen, dass Kinder aus bildungsbürgerlichen Familien im Durchschnitt früher und häufiger eine Kita besuchen – auch weil gut ausgebildete Mütter schneller in den Beruf zurückstreben“, sagte der Bildungssoziologe Marcel Helbig, einer der Autoren der Studie, WELT.

Auch bei den Kompetenzen zeigen sich früh Unterschiede: Schon im Kleinkindalter unterscheiden sich Wortschatz sowie frühe mathematische und naturwissenschaftliche Fähigkeiten systematisch nach der sozialen Herkunft und vergrößern sich bis zum Schuleintritt. Genetische Faktoren wie die Vererbung von Intelligenz spielten dabei eine „eher untergeordnete Rolle“, meint Helbig. „Auswirkungen haben eher die ungünstigen Umweltbedingungen in benachteiligten Familien: ein wenig förderliches Lernumfeld, wenig Anregung durch Sprechen und Vorlesen, eine schlechtere Ernährung, die oft mit höherer Fettleibigkeit einhergeht. All diese Dinge kommen am Ende zusammen und produzieren Ungleichheiten.“ Auch die Tatsache, dass letztere im Alter von drei bis sieben Jahren noch einmal stark anwüchsen, spreche sehr stark gegen biologische Faktoren.

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„Es gibt inzwischen ein breites Bewusstsein dafür, dass Bildungsungleichheiten bereits im frühen Kindheitsalter beginnen“, sagt Helbig. Nicht umsonst habe sich die Kultusministerkonferenz jetzt darauf geeinigt, Sprachstandserhebungen bereits im Alter von vier Jahren durchzuführen, um Kinder mit Defiziten intensiv zu fördern. „Statt hier eine große Bürokratie aufzubauen, wäre allerdings zu überlegen, ob eine allgemeine Kita-Pflicht nicht viel sinnvoller wäre. Denn gerade in Migrantenfamilien scheitert es häufig nicht an dem Willen, das Kind in eine Kita zu geben, sondern eher an den knappen Plätzen.“

Vergleichbare Kompetenzen, unterschiedliche Noten

Wie die Analyse zeigt, verschärfen sich die herkunftsbedingten Leistungsunterschiede in der Grundschule. So gehören am Ende der Grundschulzeit nur zwölf Prozent der Kinder aus unteren sozialen Schichten zu den leistungsstärksten Schülern in Mathematik, aber 37 Prozent der Kinder aus hohen sozialen Schichten. Was mit Blick auf die Chancengerechtigkeit zusätzlich fatal ist: Die Lehrkräfte sind laut Erhebung bei der Notengebung offenbar keineswegs „blind“ gegenüber herkunftsbedingten Unterschieden. So erhalten privilegierte Kinder bei vergleichbaren Kompetenzen häufiger bessere Noten als Kinder aus Familien mit sozial niedrigem Status.

Ein ähnliches Muster zeigt sich bei den Empfehlungen für die weiterführende Schule. So konnten die Forscher nachweisen, dass Kinder aus höheren Schichten deutlich häufiger eine Gymnasialempfehlung bekommen als benachteiligte Kinder. „Das liegt zum einen daran, dass sie höhere Kompetenzen und bessere Noten haben“, sagt Bildungssoziologe Helbig. „Aber selbst bei gleichen Noten bekommen sie häufiger eine Gymnasialempfehlung – und diese Empfehlung wird von den Eltern auch häufiger angenommen als von Eltern aus niedrigeren Schichten.“

Dabei müsse nicht zwingend offene Diskriminierung vorliegen. „Selbst wenn der Lehrer sich bemüht, keine Vorurteile zu entwickeln und nicht zu diskriminieren, dann kann er unbewusst von soziologischen Codes gesteuert werden“, erklärt Helbig. Entscheidend sei die subjektive Einschätzung, ob eine Lehrkraft ein Kind für begabt und anstrengungsbereit hält.

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„Kinder aus den höheren Schichten bringen häufig Verhaltensweisen und Ausdrucksweisen mit, die von Lehrkräften eher als positiv konnotiert und honoriert werden, während Kinder aus unteren Schichten oft in ihrem ganzen Habitus weniger angepasst sind und es dadurch schwerer haben“, sagt Helbig. „Wer seine Mitschüler ,Digger‘ nennt, wird unbewusst als weniger begabt und anstrengungsbereit wahrgenommen.“ Hinzu komme, dass die Form der Leistungserbringung oft den privilegierten Schülern entgegenkomme, die zu Hause mehr Anleitung bekämen. „Eine Buchvorstellung oder eine PowerPoint-Präsentation schütteln sich die Kinder nicht einfach so aus dem Ärmel.“

In der weiterführenden Schule bleiben die bis dahin entstandenen Unterschiede den Erkenntnissen zufolge weitgehend bestehen. Am Ende der Schulzeit hat nur etwa ein Drittel der Jugendlichen aus niedrigen sozialen Schichten eine Studienberechtigung erzielt – gegenüber mehr als drei Viertel aus hohen sozialen Schichten. Dieser Unterschied ist nur teilweise auf Kompetenzunterschiede zurückzuführen. Jugendliche mit niedriger Bildungsherkunft und aus armen Familien haben – bei gleichen schulischen Kompetenzen – zudem ein höheres Risiko, maximal einen Hauptschulabschluss zu erreichen.

Insgesamt zeigten die Ergebnisse, wie stark das Bildungssystem in Deutschland „als Sortiermaschine wirkt und so dazu beiträgt, soziale Ungleichheiten in der Elterngeneration in ungleiche Bildungschancen und -ergebnisse der nächsten Generation zu reproduzieren“, heißt es in dem Bericht.

Zu einem differenzierten Bild kamen die Forscher mit Blick auf Kinder mit Migrationshintergrund. Sie erreichten im Mittel niedrigere Kompetenzwerte, vor allem beim Wortschatzerwerb und in den Naturwissenschaften. Das habe aber keine kulturellen oder ethnischen Gründe, sondern vorrangig soziale, sagt Helbig. „Kinder aus Migrantenfamilien sind deshalb benachteiligt, weil soziale Merkmale wie Armut, niedrige Bildung der Eltern und niedriger beruflicher Status der Eltern bei ihnen häufiger vorkommen.“

Wird der Faktor der sozialen Herkunftslage kontrolliert, also gewissermaßen „herausgerechnet“, seien Kinder mit Migrationshintergrund auf ihrem Weg durch das Bildungssystem aber nicht im Nachteil, stellten die Forscher fest. Für das Bundesland Bayern habe er nachweisen können, dass Zuwandererfamilien eine Gymnasialempfehlung sogar mit größerer Wahrscheinlichkeit angenommen hätten als Familien ohne Migrationshintergrund. „Wir beobachten hier einen gewissen migrantischen Optimismus“, sagt Helbig, nach dem Motto: „Ich kann in meinem neuen Land durch Bildung aufsteigen und will auch, dass meine Kinder aufsteigen.“

Sabine Menkens berichtet über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.

Source: welt.de

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