Für die meisten Menschen in Russland ist der Ukraine-Krieg noch immer weit weg. Die Grenzregionen spüren ihn inzwischen jeden Tag, vor allem in Belgorod. Der Kreml lässt die Bevölkerung dort im Stich – und sie reagiert entsprechend.
Eine kleine Nachricht aus dem Dorf Smorodino in der russischen Region Belgorod geht im Getöse der staatlichen Propaganda und der angeblichen Erfolgsmeldungen über Wladimir Putins Armee unter. Vergangene Woche sind bei Explosionen in der wenige Kilometer von der russisch-ukrainischen Grenze gelegenen Ortschaft vier Frauen ums Leben gekommen.
Laut Wjatscheslaw Gladkow, dem Gouverneur der Region, hatte die ukrainische Armee einen Angriff auf ein „soziales Objekt“ verübt. Solche Meldungen häufen sich in den vergangenen Monaten.
Die Ukrainer nehmen derzeit vermehrt die nur 34 Kilometer von der Grenze gelegene Gebietshauptstadt Belgorod und die umliegenden Dörfer und Gemeinden ins Visier. Zu ihren Zielen gehören militärische Objekte, aber auch die Energieinfrastruktur.
Die Waffen der Ukrainer sind zumeist weit weniger zerstörerisch als die der Russen, die die ukrainische Region Charkiw regelmäßig mit Hightech-Langstreckenwaffen, tonnenschweren Gleitbomben und Drohnen angreifen. Doch auch durch die ukrainischen Angriffe kommen Zivilisten zu Schaden.
Im russisch-ukrainischen Grenzgebiet stellt der Alltag den seltsamen Umgang Russlands mit dem Krieg infrage. Einerseits verkünden politische Hardliner wie Ex-Präsident Dmitrij Medwedew immer wieder, die „Spezial-Militäroperation“ sei ein „Volkskrieg“, der wie der Kampf gegen Nazi-Deutschland vor 80 Jahren die Anstrengung des ganzen Landes erfordere. Zugleich versucht der Kreml, den Krieg beim Volk möglichst auf Distanz zu halten.
Von der Zwangsmobilisierung, die Proteste im ganzen Land auslöste, rückte man ab und setzt stattdessen auf hohe finanzielle Anreize für Freiwillige. Der Ex-Verteidigungsminister und heutige Sekretär des Sicherheitsrates, Sergej Schoigu, sieht wegen der ukrainischen Drohnen „keine Region Russlands in Sicherheit“ – inzwischen kommen sie bis Sankt Petersburg im Norden und bis an den Ural im Osten.
Trotzdem ist der Krieg bislang weder in Moskau noch in Sankt Petersburg zu spüren, dafür umso stärker unweit der ukrainischen Grenze in Kursk oder Belgorod. Gelegentlich kommt es tief im Landesinneren zu ukrainischen Drohnenangriffen auf Rüstungsfabriken und Ölraffinerien.
Flugreisen sind im europäischen Teil Russlands riskant, weil es wegen ukrainischer Drohnen zu oft stundenlangen Unterbrechungen des Flugbetriebs kommt. Viele Flughäfen im Süden des Landes sind ohnehin seit Jahren nicht mehr in Betrieb.
Diese Unannehmlichkeiten sind aber nur ein Bruchteil der Probleme, mit denen die Bewohner der Grenzregionen konfrontiert sind. Nach Angaben des Gouverneurs wird die Region Belgorod täglich von bis zu 150 ukrainischen Drohnen attackiert.
Nach starken ukrainischen Raketenangriffen auf die Energieinfrastruktur Anfang Januar hatten mehr als 500.000 Bewohner der Region keinen Strom, keine Fernwärme und kein Gas. In den Häusern von fast 200.000 Bewohnern fiel die Wasserversorgung aus.
Auch im März gingen die Angriffe weiter, was zu neuen Ausfällen führte. Die Bewohner der Region Belgorod erleben, was für die Menschen in den großen Bevölkerungszentren auf der ukrainischen Seite der Grenze längst vertraut ist: Strom und Heizung nur stundenweise statt Dauerversorgung. Gouverneur Gladkow sagt, die Infrastruktur sei so nachhaltig beschädigt, dass sie nicht mehr „zu 100 Prozent wiederhergestellt werden kann“.
Einen Teil der Bewohner aus unmittelbarer Grenznähe hat die Regierung evakuiert. Wer es sich leisten konnte, flüchtete in Städte fernab der Grenze, etwa ins Moskauer Umland oder nach Sibirien. Seit dem russischen Großangriff haben jährlich mindestens 30.000 Menschen die Region verlassen, etwa die Hälfte mehr als in den Jahren zuvor.
Die Abwanderung war schon vor dem Krieg ein Problem für Belgorod. Seit der Großinvasion haben mindestens 4,5 Prozent ihrer Bewohner die Region verlassen. Das stützt nicht gerade Medwedews These vom „Volkskrieg“ – wer kann, bringt sich einfach in Sicherheit.
Winzige Schutzräume
Viele Bewohner Belgorods sehen angesichts von Stromausfällen und Sirenengeheul wegen der ständigen Gefahr ukrainischer Angriffe dort keine Zukunft mehr für sich. Statt unterirdischer Schutzräume hat die Regierung in der Stadt Anti-Drohnen-Netze aufgespannt und winzige oberirdische Schutzräume aus Beton aufgestellt, etwa so groß wie Haltestellenhäuschen. Gegen direkte Einschläge helfen sie nicht.
Das Machtzentrum in Moskau interessiert sich wenig für die Probleme der Belgoroder. Der Kreml bemühe sich nur um die Sicherheit Moskaus und anderer „politisch wichtiger Bevölkerungszentren“, sagt der Open-Source-Analyst Ruslan Leviev dem exilrussischen Recherche-Medium „The Insider“. Die Region Belgorod werde praktisch als ein Teil der Flugabwehr missbraucht, da ukrainische Drohnen unter anderem das Gebiet Belgorod auf dem Weg Richtung Moskau passieren.
Was in der Region passiere, werde nicht als „kritisch“ erachtet, so Leviev. Einen systematischen Schutz von Infrastruktur-Objekten gebe es, anders als in der Ukraine, bis heute nicht. Belgorod bekomme den Zorn der Ukrainer ab, weil ihnen schwere Langstreckenwaffen fehlen, um die Energieinfrastruktur in Moskau oder Sankt Petersburg zu treffen, glaubt Leviev.
Nicht nur für die Ukrainer, auch für die Bewohner der russischen Seite des Grenzgebiets ist der Krieg ein tiefer Schock. Dort machen sich Überdruss und Müdigkeit breit.
Vor dem Krieg war die Grenze zwischen den beiden Ländern offen, man fuhr von Dorf zu Dorf zum Tanken oder für günstige Einkäufe. Auf beiden Seiten der Grenze sprechen die Menschen häufig Surschyk, eine Mischform von Russisch und Ukrainisch. Noch vor fünf Jahren schien es, als hätten die Menschen zwischen Charkiw und Belgorod mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Wladimir Putins Angriffskrieg hat sie zu Feinden gemacht.
Pavel Lokshin ist Russland-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2017 über Russland, die Ukraine und den postsowjetischen Raum.
Source: welt.de