Die große Liebe im letzten Lebensdrittel, kann es so etwas geben? Thomas Hettche schreibt über einen späten Aufbruch, der kein Stück weniger radikal ist als zu Jugendzeiten. Über ein Gefühl, das man nicht erklären, sondern nur erzählen kann.
Ist es eher anmaßend oder im Gegenteil bescheiden, wenn man seinen neuen Roman wie Thomas Hettche schlicht und hoffentlich ergreifend „Liebe“ nennt? Und das nun nicht ironisch meint, sondern genau dies erzählen will: eine Liebesgeschichte zwischen Mann und Frau, heute, in Deutschland, in einem bürgerlichen Milieu, das vielen Lesern vertraut sein dürfte. Gegenwartsliteratur im WYSIWYG-Modus. Da ist drin, was auf dem Buchdeckel draufsteht, ein Liebesroman.
Max trifft Anna. Beide sind Anfang 60. Er ist Single, hat aber zwei Kinder aus früheren Beziehungen, lebt in Berlin; sie ist in Stralsund verheiratet mit einem reichen Notar, sorgenfrei, kinderlos, nicht glücklich, aber „zufrieden“. Sie lernen sich auf einer Party kennen, sind beide vom ersten Augenblick an hingerissen. Sie umarmen sich zum Abschied. „Und gleich, spürte er, fanden ihr Atem und sein Atem in denselben Takt.“ Sie schreiben Nachrichten; verabreden sich zum Museumsbesuch. Anna sagt Sätze wie „Ich werde nicht fremdgehen“ oder „Ich weiß, wo ich hingehöre“, aber wenn Geschichten damit enden, dann wird kein Roman daraus.
Doch bald stehen andere Sätze auf Max’ Display: „Wir sind eine Melodie, zu der ich den Text nicht kenne, und trotzdem will sie mir nicht aus dem Kopf, ich summe sie immer wieder, manchmal überfällt sie mich ganz unvermutet, mitten bei der Arbeit, in einem Gespräch, irgendwann.“ Da hat Amor, der im Roman durch Caravaggios berühmtes Gemälde vertreten wird, schon seine Pfeile abgeschossen.
Es folgen die zwar erwartbaren, aber dennoch für die Beteiligten herzzerspringend aufregenden Stationen des Passionswegs der Liebe: ein erstes richtiges Date mit Knutschen und Herumfummeln unter freiem Himmel (an Heiligabend zwischen verwaisten Weihnachtsmarktbuden); SMS, die immer kurzatmiger geraten, ein heimliches Wochenende auf Hiddensee. Phasen des Glücks wechseln ab mit solchen der Niedergeschlagenheit angesichts fehlender Perspektive.
Anna will ihren Mann nicht verlassen, damit nicht ihr einstiger bewusster Verzicht auf Kinder nachträglich zum sinnlosen Opfer für ein nie eingetretenes Eheglück wird. Nach einem von Max herbeigeführten Eklat bei einem Sommerfest folgt eine monatelange Funkstille. Schließlich gibt es dann doch den gemeinsamen Neuanfang, das gemeinsame Leben, die ultimative glückliche Wendung.
Dass Amor am Ende die Oberhand behält, weiß der Leser schon, bevor muskelbepackte Securitys mit „Amor vincit omnia“-Tattoos den verzweifelt-betrunkenen Max unsanft aus der Nähe des indignierten Ehemanns Annas (des Notars mit Luxusyacht) ins Taxi befördern. Denn den Rahmen des Romans bildet ein Sommertag zehn Jahre später, als Max allein im Haus auf dem Land auf die Rückkehr seiner Frau von einem Krankenhaustermin wartet. Dabei lässt er die Erinnerungen Revue passieren, liest noch einmal die atemlosen, glückstrunkenen Nachrichten aus der Anfangszeit und erinnert sich an die Jahre des Glücks – die sogar bei gemeinsamen Festen die beiden früheren Frauen und die Kinder einschlossen.
Thomas Hettche gilt seit seinen aufsehenerregenden Anfängen – mit „Ludwig muss sterben“ (1989), „Nox“ (1995) oder „Der Fall Arbogast“ (2001) – als einer der klügsten und zugleich stilistisch brillantesten deutschen Schriftsteller. Allerdings hatten seine Bücher oft etwas Überambitioniertes und -konstruiertes.
So wirkte sein jüngster, postapokalyptisch grundierter Roman „Sinkende Sterne“ von 2023 trotz einzelner glänzender Kapitel merkwürdig unfertig, so als hätte Hettche angesichts der Fülle der Themen – von Zivilisationskritik über Anti-Wokeness und Rechtspopulismus bis zum Altern – irgendwann die Lust oder die Energie verlassen.
„Liebe“ wirkt dagegen kraftvoll angetrieben von einer emotionalen Dynamik, die sich auch auf den Leser überträgt. Es ist ein schmales Buch, novellistisch geschlossen und mit wenigen Abschweifungen erzählt. Und Hettche wäre nicht Hettche, hätte er nicht auch die Lovestory mit kulturhistorisch einschlägigen Motiven unterlegt. Neben der Kunstgeschichte sind das Reflexionen des jungen Hegel zum Thema und die schwarze Romantik von E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“. (Einmal schauen sich die Liebenden Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ an.)
Dieses Unheimliche grundiert und unterläuft die Geschichte von Anfang an: Max ist von Beruf Okularist, ein Hersteller von Kunstaugen aus Glas, die er beispielsweise auch seiner früheren Freundin einsetzt. Dem Augenspiel der Liebe steht immer das Tote in Gestalt der Prothesen gegenüber. Der Horror-Sandmann bei Hoffmann, der den Kindern die Augen stiehlt, ist die Gegenfigur zum siegreichen Amor; das Leben ein Ringen der beiden um die Herrschaft. Einen Roman einfach „Liebe“ zu nennen, ist so einerseits eine Art Understatement. Aber es ist auch eine Setzung: der tiefe Wunsch, dass Liebe die Himmelsmacht sein möge, die am Ende den Sieg davonträgt.
Thomas Hettche: „Liebe“. Kiepenheuer & Witsch, 176 S., 22 Euro.
Source: welt.de