Wenn sich Grüne behindertenfeindlicher Sprüche servieren

Mit einem menschenverachtenden Spruch will eine Grünen-nahe Aktionsgruppe auf Frauenhass aufmerksam machen. Kritiker der Aktion werden als „Rechte“ bezeichnet, die „Sturm laufen“. Die Wege führen ins Europaparlament.

An einem sonnigen Frühlingstag im März fährt ein Laster mit einem übergroßen Display auf der Ladefläche am Reichstagsgebäude in Berlin vorbei. Auf dem Display ist ein Foto von „Nius“-Chefredakteur Julian Reichelt zu sehen. Daneben steht: „Das ist kein Chef-Redakteur, das ist ein geistig zurückgebliebener Menschenfeind.“ Rechts oben im Bild ist eine kleine weiße Blume zu sehen. Am 19. März um 15.35 Uhr verbreitet der grüne Europaabgeordnete Erik Marquardt auf der Plattform X ein Foto davon. Er schreibt dazu: „Das hier fährt übrigens heute um den Bundestag.“

Tatsächlich ist der Bundestag aber kein Ort, um den man herumfahren kann. Der Bundestag bezeichnet die Volksvertretung, also die Institution des Parlaments. Aber das muss jemand, der Abgeordneter des Europaparlaments ist, natürlich nicht wissen.

Jedenfalls, nur um es noch einmal festzuhalten: Ein grüner Europaabgeordneter verbreitet, oder „reproduziert“, wie es in seinem eigenen Milieu heißt, „ableistische“ (deutsch: behindertenfeindliche) „Narrative“. Warum er das tut? Zunächst unklar.

Die Reaktionen auf seine Veröffentlichung sind aber recht eindeutig. Menschen aus SPD, Union und FDP kritisieren den Beitrag. Der erfolgreiche Politik-Podcaster Micky Beisenherz findet: „Wie schnell die eigenen Standards doch gerissen werden.“ Und auch Ulrich Schneider – der Mann mit den Koteletten und bis 2024 Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – schreibt: „‚Geistig zurückgeblieben‘ ist voll daneben.“

Auch auf mich wirkt die betont beiläufige Verbreitung dieses Bildes mit der menschenfeindlichen Aussage durch den Grünen-Abgeordneten Marquardt wie eine Zustimmung zum Inhalt. Ich schreibe dazu: „Julian Reichelt und Nius darf und muss man kritisieren. Aber diesen Tweet als Europa-Abgeordneter affirmativ zu verbreiten, ist ne krasse Nummer.“

Am Abend desselben Tages, am 19. März um 20.36 Uhr, veröffentlicht der Grünen-Abgeordnete Marquardt dann einen weiteren Tweet. „Plottwist“, schreibt er, mit einem Victory-Emoji versehen. Wohlgemerkt: Das Victory-Zeichen leitet sich nach einer populären Erzählung von einer verhöhnenden Geste von Bogenschützen ab. Daraus soll sich später auch der Mittelfinger als Symbol der Ablehnung entwickelt haben. Der Plottwist, wie Marquardt es nennt und ein Video des sogenannten Edelweiss Netzwerks teilt, ist folgender:

Das Edelweiss-Netzwerk ist ein Unternehmen, das sich als „Netzwerk gegen die Medienmacht der Neuen Rechten“ beschreibt. Jener Lkw mit dem Bild von Julian Reichelt und dem Zitat war – so legt es das Video, das der Grünen-Abgeordnete Marquardt teilt, nahe – eine Aktion des Edelweiss-Netzwerks. Bei dem gezeigten Zitat soll es sich um ein Zitat aus Leserkommentaren bei „Nius“ gegenüber einer Frau handeln. Nur, dass diese Frau hier auf dem Plakat durch Julian Reichelt ersetzt wurde. Die behindertenfeindliche Beleidigung des „Nius“-Chefredakteurs soll also, so verstehe ich es, auf Frauenfeindlichkeit aufmerksam machen. Was mich wiederum an Christian Ulmen denken lässt, der mit seiner Sendung „Who wants to fuck my girlfriend“ auf Chauvinismus hinweisen wollte.

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Im Video hört man jedenfalls eine Stimme aus dem Off sagen: „Die Rechten laufen gerade Sturm.“ Dazu wird auch ein Tweet von mir eingeblendet. Ich interpretiere es so, als würde mich der Ersteller des Videos für einen „Rechten“, der „Sturm läuft“ halten. Der Grünen-Abgeordnete Marquardt verbreitet das Video dann ein zweites Mal. Auch er, so deute ich es, zählt mich offenbar zu „hunderten Rechten“, die sich empören. Micky Beisenherz, den Koteletten-Mann und die anderen kritischen Stimmen aus Union, SPD und FDP erwähnt er nicht.

Interessant ist dabei, dass 59 Minuten vor der Veröffentlichung des Videos durch das Edelweiss-Netzwerk bereits die „Taz“ einen Artikel dazu veröffentlichte. Der Artikel ist überschrieben mit: „Kampagne gegen Nius und Frauenhass – Reichelt in die Falle gelockt“. In der ursprünglichen Variante des Artikels komme auch ich namentlich vor. Nach einer E-Mail an den Autor des Artikels, Berlin-Ressortleiter Erik Peters, entfernt dieser aber meinen Namen und ändert eine Formulierung. Um Missverständnisse auszuschließen, wie er mitteilt.

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Ebenso interessant ist, wer hinter Edelweiss-Netzwerk steckt. Dessen „Vertretungsberechtigter Vorstand“ ist laut Website ein Mann mit dem Namen Peter Jelinek. Schaut man sich auf Social-Media-Seiten von Peter Jelinek um, wird klar: Er ist auch der Mann in dem Video. Er arbeitete laut seinem LinkedIn-Profil von August 2019 bis November 2022 als „Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“ bei den Grünen im Europaparlament. Seit 2019 ist Erik Marquardt auch Grünen-Abgeordneter im Europaparlament. Dass Jelinek und Marquardt sich also kennen, dürfte man voraussetzen.

Dazu schreibe ich sowohl Peter Jelinek als auch Erik Marquardt mit der Bitte um Antwort. So will ich unter anderem wissen, ob Marquardt und/oder Mitarbeiter seines Abgeordnetenbüros von der Aktion im Voraus wussten und/oder daran beteiligt waren. Ich will wissen, ob der Abgeordnete Marquardt behindertenfeindliche Sprache für angemessen hält, um Journalisten Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen. Ich möchte wissen, ob Erik Marquardt auch andere Kritiker der Aktion – wie Micky Beisenherz oder die „Stern“-Journalistin Miriam Hollstein – zu „Rechten“ erklärt, die „gerade Sturm“ laufen. Weder der Grünen-Abgeordnete Marquardt, noch Edelweiss-Netzwerker Peter Jelinek antworten.

Der Name Edelweiss-Netzwerk hingegen beantwortet eigentlich alle Fragen: Die Edelweißpiraten waren jugendliche Widerstandskämpfer in Deutschland, die gegen den NS-Staat vorgingen. So sehen sich offenbar Menschen wie Erik Marquardt und Peter Jelinek.

Frédéric Schwilden ist Autor im Politik-Ressort. Er interviewt und besucht Dorf-Bürgermeister, Gewerkschafter, Transfrauen, Techno-DJs, Erotik-Models und Politiker. Er geht auf Parteitage, Start-up-Konferenzen und Oldtimer-Treffen. Seine Romane „Toxic Man“ und „Gute Menschen“ sind im Piper-Verlag erschienen.

Source: welt.de

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