Er kritisierte Israel-Hass von Linke-Mitgliedern mit „spezifischem Migrationshintergrund“: Deshalb wird der Abgeordnete Gysi aus seiner eigenen Partei scharf kritisiert – er bringe „migrantisierte Mitglieder“ pauschal mit Antisemitismus in Verbindung.
Der Linke-Politiker Gregor Gysi wird nach einem Interview zum Thema Antisemitismus aus den eigenen Reihen heftig attackiert. Anlass der Kritik ist ein Interview, das der frühere langjährige Vorsitzende der Linke-Bundestagsfraktion im März dem „Focus“-Podcast „Machtmenschen“ gegeben hatte.
Auf die Frage, wie groß antiisraelische und antisemitische Strömungen innerhalb seiner Partei seien, erwiderte Gysi in dem Interview: „Also, das ist jetzt deshalb gefährlicher geworden, weil viel mehr Menschen mit Migrationshintergrund, auch mit spezifischem Migrationshintergrund, in unsere Partei gekommen sind, was ich eigentlich sehr begrüße. Aber sie bringen eben Sichten auf Israel mit, die falsch sind, und dagegen werde ich mich immer wehren, und eine bestimmte Grenze darf nicht überschritten werden.“
Gysi sagte in dem Gespräch weiter, dass es ihn sehr beruhigt habe, dass kürzlich ein Linke-Mitglied aus der Partei ausgeschlossen wurde, der die Hamas als „Befreiungsorganisation“ bezeichnet habe.
Für diese Äußerungen wird Gysi nun scharf kritisiert, wie eine WELT-Recherche zeigt. Demnach beabsichtigt die Bundesarbeitsgemeinschaft Migrantische Linke, die im November 2025 als offizieller Zusammenschluss der Partei anerkannt wurde, einen zweiseitigen Brief an den 78-Jährigen sowie den Vorstand um Ines Schwerdtner und Jan van Aken zu schicken. Der vom Bundessprecherrat der Arbeitsgemeinschaft um die baden-württembergische Linke-Spitzenkandidatin Mersedeh Ghazaei sowie rund 180 weiteren Mitgliedern unterzeichnete Brief liegt WELT vor.
„Mehrere Passagen deines Interviews sind äußerst problematisch, da sie rassistische Narrative reproduzieren und zentralen Prinzipien unserer Partei widersprechen“, heißt es darin. „Die Verknüpfung von Mitgliedern mit Migrationsgeschichte mit einem angeblich zunehmenden Antisemitismus-Problem ist inakzeptabel.“
Gysis Wortwahl, die Situation sei durch den Zuwachs von Mitgliedern mit Migrationshintergrund „gefährlicher“ geworden, reproduziere „ein rassistisches Bedrohungsszenario“, behauptet die Bundesarbeitsgemeinschaft weiter. „Solche Begriffe verstärken antimuslimische und antiarabische Ressentiments und dürfen in einer antirassistischen Partei keinen Platz haben.“
Die Unterzeichner erheben in dem Brief weitere schwere Vorwürfe gegen den früheren Spitzenpolitiker: Gysis Rhetorik in dem Interview trage „zum weiteren politischen und gesellschaftlichen Rechtsruck bei“ – und dessen angebliche „Gleichsetzung von Israel und Jüdinnen*Juden“ sei „im Kern antisemitisch“. Gysi hatte im „Focus“-Interview betont, „sehr für ein souveränes sicheres Israel“ und „genauso für ein souveränes sicheres Palästina“ einzustehen. Sein Vater Klaus Gysi, der im kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv war und später SED-Politiker wurde, war Jude.
Die BAG Migrantische Linke wirft Gregor Gysi zudem die Mitwirkung an einer „innerparteilichen Spaltung“ vor. „Es entsteht der Eindruck, dass einzelne bekannte und langjährige Parteifunktionär*innen hier autoritär Grenzen des Sagbaren definieren“, heißt es in dem Brief. „Deine Äußerungen bauen strukturellen Rassismus nicht ab, sondern verschärfen und verankern ihn weiter, innerparteilich sowie öffentlichkeitswirksam.“
Die Unterzeichner versuchen, Gysi aufgrund der Kritik an migrantischem und israelbezogenen Antisemitismus unter Druck zu setzen. Um einer „Spaltung entgegenzuwirken“, wird der Alterspräsident des Bundestags aufgefordert, den betreffenden Interviewausschnitt „sofort“ von seinem Instagram-Account zu löschen sowie öffentlich klarzustellen, „dass migrantisierte Mitglieder nicht pauschal mit Antisemitismus in Verbindung gebracht werden dürfen“.
Zudem fordern die Kritiker „eine öffentliche Entschuldigung bei den migrantischen und jungen Mitgliedern unserer Partei für die Wirkung und die dadurch entstandene Verletzung durch deine Aussagen“ und „die zeitnahe Teilnahme von dir und deinem Team an einer antirassistischen Weiterbildung“.
Neben der BAG Migrantische Linke wurde der Brief unter anderem von mehreren Kreisvorsitzenden, Landesvorstandsmitgliedern und Fraktionsvorsitzenden aus Kommunalparlamenten unterzeichnet. Gysis Sprecher teilte auf WELT-Anfrage mit, dass der Brief Gysi noch nicht zugeschickt worden sei und er sich deshalb nicht dazu äußern könne.
Kontroverse Auseinandersetzung in der Linken
Im November 2025 schickte Gysi selbst einen Brief an die Parteivorsitzenden Schwerdtner und van Aken, gemeinsam mit dem früheren Bundestags-Fraktionschef Dietmar Bartsch, dem Bundestags-Vizepräsidenten Bodo Ramelow und 14 weiteren Linke-Bundestagsabgeordneten. Di eser liegt WELT ebenfalls vor. „Offenbar ist in unserer Partei etwas ins Rutschen gekommen“, hieß es darin in Bezug auf einen israelfeindlichen Beschluss der Linksjugend. Die Führungsgremien müssten „deutlich vernehmbar und deutlich wahrnehmbar klare Grenzen ziehen“.
Die Debatte um linken Antisemitismus wird in der Partei seit Langem kontrovers geführt. Im Februar entzog die Landesschiedskommission der Thüringer Linkspartei der Linksjugend-Bundessprecherin Martha Chiara Wüthrich sämtliche Parteiämter sowie für zwei Jahre die Mitgliedsrechte, nachdem diese in Bezug auf Israels Krieg in Gaza von einem „fucking Holocaust“ gesprochen hatte.
Am Sonntag trat der Brandenburger Antisemitismus-Beauftragte Andreas Büttner aus der Partei aus, nachdem die niedersächsische Linkspartei am Wochenende einen Beschluss gefasst hatte, in dem es heißt, dass der Landesverband den „heute real existierenden Zionismus“ ablehne.
Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Zweiwöchentlich erscheint seine Kolumne „Gegenrede“. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“.
Source: welt.de