Wenn Helfer zu Opfern werden: Konflikt im Südsudan weitet sich aus

Stand: 22.02.2026 • 08:33 Uhr

Der seit Jahrzehnten von Gewalt gezeichnete Südsudan gilt als einer der gefährlichsten Orte weltweit für humanitäre Helfer. Vielerorts können sie nicht mehr arbeiten. Dabei spitzt sich die Notlage der Bevölkerung derzeit wieder zu.

Das Kind weint vor Hunger. Doch mehr als ein paar gesammelte Nüsse, die sie mit einem Stein knacken, hat die geflüchtete Familie nicht zu essen. Bilder des arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera zeigen die Not im Südsudan.

Rund eine Viertelmillion Menschen soll sich auf der Flucht befinden, vertrieben von den jüngsten Kämpfen in mehreren Landesteilen. „Wir wissen nicht, was die Regierung da macht“, so die abgemagerte Großmutter. „Sie kämpfen. Wir befinden uns im Dunkeln. Nur die humanitären Organisationen haben bislang geholfen.“

Einer der „gefährlichsten Orte für humanitäre Helfer“

Doch die humanitäre Hilfe im Südsudan ist in Gefahr: Es häufen sich Übergriffe auf Helfer. „Der Südsudan zählt zu den gefährlichsten Orten der Welt für humanitäre Helfer“, sagt UN-Vertreter Jean-Pierre Lacroix.

„Im vergangenen Jahr wurden 350 Angriffe auf humanitäres Personal und Einrichtungen registriert. Trotz Zusicherungen der Regierung berichten Partnerorganisationen von anhaltenden Zugangsproblemen, insbesondere in von der Opposition kontrollierten Gebieten. Und das inmitten eines Choleraausbruchs“, erklärt Lacroix.

Jahrzehnte der Gewalt

Der Südsudan wurde erst 2011 unabhängig vom Sudan und ist damit der jüngste Staat der Welt. Schon vor seiner Gründung war der damalige Süden des Sudan gezeichnet von Krieg und Not.

Nach der Unabhängigkeit folgten ein langjähriger Bürgerkrieg, dann 2018 ein Abkommen zwischen den beiden rivalisierenden Völkern, die daraufhin den Präsidenten und dessen Stellvertreter stellten. Doch die Einheitsregierung zerbrach: Präsident Salva Kiir und sein Vize Riek Machar überwarfen sich. Machar steht nun wegen Hochverrats vor Gericht.

Heftige Kämpfe zwischen Regierungstruppen und der Opposition brachen aus. Zwischen den Fronten: Humanitäre Helfer, die versuchen, die Not der Zivilbevölkerung in dem bitterarmen Land zu lindern.

Übergriffe und Plünderungen von Hilfskonvois

„Wir wurden aufgefordert, eine unserer Krankenstationen zu räumen“, so Emmerson Gono von Ärzte ohne Grenzen. „Auch in anderen Landesteilen mussten wir unsere Aktivitäten teilweise reduzieren oder ganz einstellen.“ Anfang des Monats sei eines ihrer Krankenhäuser bombardiert und zerstört worden. „Und eine andere Krankenstation wurde zeitgleich geplündert.“ Sie seien die einzigen Ärzte vor Ort gewesen. Jetzt hätten 250.000 Menschen keine medizinische Versorgung mehr.

Auch das UN-Welternährungsprogramm WFP hat mit Übergriffen auf Hilfskonvois zu kämpfen, eine ganze Ladung mit Lebensmitteln wurde kürzlich geplündert. Und das ausgerechnet kurz vor Beginn der Regenzeit, der letzten Gelegenheit, Konvois in entlegene Gebiete zu transportieren, bevor die Straßen überflutet sind.

„Wir haben etwa zwei Millionen unterernährte Kinder und rund eine Million Mütter, die von Tag zu Tag leben“, sagt Tomson Piri vom UN-Welternährungsprogramm. „Wir könnten ihnen helfen, aber wir stehen im Südsudan vor großen Herausforderungen. Der Zugang zu den Bedürftigen wird uns verweigert, wir bekommen Flugverbote und notwendige Genehmigungen werden verzögert.“ Und das, obwohl sie aktuell nur ein schmales Zeitfenster hätten: „Wir befinden uns im Wettlauf gegen die Zeit, um vor der Regenzeit die Hungernden noch zu erreichen.“

Warnung vor Hungerkrise und neuem Krieg

Hilfsorganisationen warnen vor einer massiven Hungerkrise im Südsudan. 1,3 Millionen Menschen leiden Berichten zufolge unter extremem Nahrungsmittelmangel und akuter Mangelernährung. 28.000 Menschen drohen akut zu verhungern.

Ist im Südsudan ein neuer Bürgerkrieg zu befürchten? Beobachter sehen die Zuspitzung der Gewalt mit großer Sorge. Trotz der Friedensmission der Vereinten Nationen UNMISS gelingt es bislang nicht, den Konflikt zu beruhigen.

„Der Südsudan droht aktuell zurück in einen offenen Konflikt zu rutschen“, sagte kürzlich Daniel Akech von der International Crisis Group in einem TV-Interview. „Der Prozess gegen Vizepräsident und Oppositionsführer Machar war der Auslöser, aber auch andere Gruppen bekämpfen jetzt Präsident Salva Kiir: andere Oppositionelle und bewaffnete jugendliche Banden, die arbeitslos sind.“ Der Fall Machar werde genutzt, um sie zu mobilisieren und „gegen den gemeinsamen Feind vorzugehen“.

Krieg im Sudan verschlimmert Situation

Befürchtet wird, dass im ethnischen Konflikt zwischen den Volksstämmen auch die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung zunehmen könnte. Schon jetzt müssen zahlreiche Verletzte mit Schusswunden behandelt werden.

Der Krieg im Nachbarland Sudan heizt die Not im Südsudan weiter an. Zehntausende sind vor den Kämpfen dort in das bitterarme Nachbarland im Süden geflohen und müssen zusätzlich zur eigenen notleidenden Bevölkerung versorgt werden.

Und das in Zeiten, wo für Entwicklungshilfe kein Geld mehr da zu sein scheint: Nicht nur die US-Regierung hat Hilfsgelder drastisch zusammengestrichen, sondern auch viele europäische, etwa die deutsche Bundesregierung.

Source: tagesschau.de