Aus Sicht von Reza Kaabi steht das Regime in Teheran vor dem Kollaps. Doch der Chef der Exilpartei Komala sagt auch: Ohne eine entscheidende Bedingung wird die Islamische Republik überleben. Im Interview erklärt er, worauf es nun ankommt.
Reza Kaabi ist der Generalsekretär der Partei Komala of the Toilers of Kurdistan, einer bewaffneten Partei iranischer Kurden mit Sitz in der Region Kurdistan im Irak. WELT traf ihn unter strengen Sicherheitsvorkehrungen zum Gespräch in Erbil im Norden des Landes.
WELT: Was sind Ihre politischen Ziele für den Iran?
Reza Kaabi: Wir als Parteien der Kurdistan-Allianz haben vor zwei oder drei Wochen unsere Einheit verkündet. Wir kämpfen für den Sturz der Islamischen Republik und fordern einen demokratischen, säkularen und föderalen Iran.
WELT: Wie weit sind Sie bereit zu gehen, um diese Ziele zu erreichen?
Kaabi: Diese Situation ist für uns nicht neu. Seit 47 Jahren verteidigt sich das kurdische Volk gegen eines der gewalttätigsten Regime der Neuzeit. Es geht nicht nur um den Kampf der Peschmerga (bewaffnete kurdische Streitkräfte, d. Red.), sondern auch um den politischen und zivilen Kampf, um Streiks – gegen die Existenz der Islamischen Republik, gegen den Besatzer, die Islamische Republik. Wir haben uns vorbereitet, und im richtigen Moment, am richtigen Tag und unter den richtigen Umständen können die Parteien im Osten gewiss ihre Rolle spielen.
WELT: Wie viele Kämpfer hat Komala?
Kaabi: Wir verfügen in der aktuellen Situation über eine große Zahl von Peschmerga. Wenn wir jedoch das Gebiet Ostkurdistans betreten, werden sich uns mit Sicherheit Tausende von Peschmerga anschließen, und dann wird ein großer Aufstand beginnen.
WELT: Können Sie das konkret machen?
Kaabi: Wir haben drei Lager. In diesen drei Lagern sind unsere Peschmerga stationiert; sie wurden ausgebildet und sind bereit. Es sind derzeit ungefähr tausend Kämpfer einsatzbereit.
WELT: Falls Sie in den Kampf eintreten würden – welche Unterstützung bräuchten Sie, etwa Luftverteidigung?
Kaabi: Wir haben die Erfahrung der Autonomen Region Kurdistan, also Südkurdistan. Damals hat die Flugverbotszone über der Region Kurdistan eine bedeutende Unterstützung für den Widerstand der Peschmerga gegen Saddam Hussein und die irakische Regierung ermöglicht. Deshalb fordern auch wir die Einrichtung einer Flugverbotszone, damit die Islamische Republik nicht aus der Luft angreifen und ihre militärische Überlegenheit ausspielen kann.
WELT: Fordern Sie die USA auf, eine Flugverbotszone einzurichten?
Kaabi: Das ist eine Forderung, die wir über Jahre hinweg immer wieder betont haben, und wir hoffen, dass sie erfüllt wird.
WELT: Hat es dazu direkte oder indirekte Gespräche mit den USA oder anderen gegeben?
Kaabi: Direkt haben wir nicht gesprochen, aber diese Forderung wurde übermittelt und hat Europa, die Vereinigten Staaten und die internationale Gemeinschaft erreicht. Unsere Forderung ist klar, und wir erwarten, dass sie umgesetzt wird.
WELT: Trump sagte kürzlich, er wolle nicht, dass kurdische Kräfte im Iran kämpfen. Stimmt das? Medienberichte sagen etwas anderes.
Kaabi: Hier gibt es zwei Aspekte: zum einen die Politik der USA beziehungsweise die Politik von Präsident Trump, zum anderen die Kurden selbst, also die Führungspersönlichkeiten und die politischen Parteien in Kurdistan. Diese kämpfen seit 47 Jahren – mit bewaffneten Kräften, zivilen und politischen Aktivitäten. Die neuen Kräfte in der Region Kurdistan sind stärker geworden, und auch die Kräfte in Ostkurdistan sind stärker und einflussreicher geworden. Die militärischen Einheiten in der Region haben den bewaffneten Kampf aufgenommen und verfügen über die entsprechenden Fähigkeiten.
WELT: Ist jetzt Ihrer Meinung nach der richtige Moment für einen Regimewechsel im Iran gekommen?
Kaabi: Wir als Parteien im Osten haben unsere eigene Politik in Bezug darauf, wann wir in den Iran gehen und wann es angemessen ist, einen bewaffneten Kampf zu beginnen. Mehr als zehn Jahre lang haben wir die Peschmerga gegen das islamische Regime verteidigt, ohne dass uns irgendein ausländisches Land geholfen hätte – in mancher Hinsicht haben einige sogar der Islamischen Republik geholfen.
WELT: Falls eine Flugverbotszone eingerichtet würde – wären Sie bereit, Bodentruppen zu entsenden?
Kaabi: Wir begrüßen jede Form politischer Unterstützung und Hilfe, die unseren Kampf zur Vertreibung der Islamischen Republik Iran aus Kurdistan unterstützt. Wir betrachten es als unser legitimes Recht, diese Unterstützung, Hilfe und die jeweilige Situation zum richtigen Zeitpunkt zu nutzen, um uns zu stärken.
WELT: Was ist der beste Zeitpunkt?
Kaabi: Eine bewaffnete Konfrontation birgt Risiken. Wir müssen wachsam sein, sorgfältig planen und nichts überstürzen. Ein solcher Schritt darf nur unter günstigen Bedingungen erfolgen. Die Peschmerga-Kräfte müssen bereit sein, die politischen Parteien müssen stärker geeint sein, die Bevölkerung muss besser vorbereitet sein, und es braucht mehr internationale und regionale Unterstützung – die glücklicherweise zunimmt.
WELT: Versuchen die Regionalregierung Kurdistan (KRG) oder die Türkei, Ihre Aktivitäten oder die von Komala in der Region einzuschränken – üben sie Druck auf Sie aus?
Kaabi: Nein, wir stehen unter keinem Druck. Unsere Präsenz in der Region Kurdistan hat vielmehr Druck auf die KDP und andere Parteien in der Region ausgeübt. Sie haben aufgrund unserer Anwesenheit hier viel Druck akzeptiert.
WELT: Reichen US- und israelische Angriffe – zusammen mit möglichen kurdischen Aktivitäten – aus, um einen Regimewechsel im Iran herbeizuführen? Braucht es dafür nicht eine breitere schiitisch-persische Bewegung?
Kaabi: Wenn das Regime nicht fällt, wird es zumindest sehr stark geschwächt. In den vergangenen zehn Jahren haben soziale Bewegungen im Iran besondere Stärke gegen die Islamische Republik entwickelt. Es gab mehrere große Massenbewegungen mit Millionen Teilnehmern. Die Wirtschaft ist zusammengebrochen, es gibt fast kein Trinkwasser mehr, das Regime ist sehr schwach und sowohl von den Völkern Irans als auch von der internationalen Gemeinschaft isoliert. Das Regime steht also am Rande des Zusammenbruchs. Wird dieser Krieg zum Sturz der Islamischen Republik beitragen? Ja, ich denke, das wird er. Aber die Wahrheit ist auch: Wenn die Menschen im Iran, die Völker, die Arbeiter und die Frauen nicht selbst aufbegehren, dann kann dieses Regime noch länger bestehen.
WELT: Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs, hat sich gegen ein Eingreifen kurdischer Kräfte in den Krieg ausgesprochen. Sehen Sie die Gefahr einer Spaltung der iranischen Opposition?
Kaabi: Reza Pahlavi befindet sich nicht in einer solchen Position, er hat keine großen Chancen in der Zukunft Irans. Selbst wenn wir solche Drohungen ernst nähmen, hätten sie keine reale Grundlage. Ein Regime nach der Islamischen Republik wird nicht in der Lage sein, Kurdistan erneut anzugreifen. Im Gegenteil: Mit dem Sturz der Islamischen Republik werden Kurdistan, die politischen Parteien und die kurdische Bewegung viel stärker werden.
WELT: In Rojava in Syrien haben die Amerikaner ihre Unterstützung für die Kurden letztlich zurückgezogen. Ist das für Sie ein warnendes Beispiel?
Kaabi: Die Situation im Westen und im Osten ist sehr unterschiedlich. Im Westen hätten die kurdischen Kräfte Damaskus übernehmen sollen, und sie hätten bei der Bildung einer neuen syrischen Regierung nicht außen vorbleiben dürfen. Die Bevölkerung im Osten ist um ein Vielfaches größer als im Westen, und die Position der Kurden im Osten ist ganz anders. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit sehr, sehr gering, dass ein neues iranisches Regime an die Macht kommt und einen neuen Angriff auf Kurdistan startet. Und wir haben in den vergangenen 47 Jahren keinerlei globale Unterstützung erhalten, sondern eine große Verteidigung aus eigener Kraft geleistet.
WELT: Wie stark sind Sie persönlich gefährdet?
Kaabi: Seit wir uns in der Region Kurdistan befinden, hat die Islamische Republik versucht, die Opposition auf unterschiedliche Weise anzugreifen – durch Terror, Entführungen, Raketenangriffe auf Lager und Führungszentren der ostkurdischen Parteien. Aber wir haben dafür unser eigenes Programm, unsere eigenen Methoden und Pläne, um uns zu schützen. Zum Glück ist es der Islamischen Republik nicht gelungen, den Parteien im Osten einen schweren Schlag zu versetzen.
Carolina Drüten ist International Security Correspondent.
Source: welt.de