Den Comedians ist das Lachen vergangen, dafür tanzen Politiker ihre Misserfolge weg, und die Bahn macht Witze, dass sie so unpünktlich ist. Humor in Deutschland? Ist, wenn man so richtig feige ist.
Alles ist lustig. Die Deutsche Bahn, Markus Söder, Mülleimer. Die Berliner Stadtreinigung beschriftet seit einigen Jahren ihre orangen Kübel mit klamaukigen Sprüchen: „Putsdamer Platz“ steht auf einem Eimer am Potsdamer Platz. Auf einem anderen, saisonal abgestimmt zur Berlinale: „Spiel mir das Lied vom Kot.“ Die Putzfahrzeuge der Hauptstadt fahren Wortspiele wie „Räumschiff“ oder „Feganer“ umher.
Auch die Deutsche Bahn ist lustig. Für sieben Millionen Euro ist Ladykracherin Anke Engelke in eine Bahn-Uniform geschlüpft und hat sieben Werbefilmchen gedreht. Sie verschüttet als Bahnbegleiterin Tina Kaffee, quetscht sich durch Gänge voller bekofferter Fahrgäste und will sich davor drücken, eine Verspätung durchzusagen. Der bayerische Ministerpräsident hat so viel Stress für ein paar Lacher gar nicht nötig. Er isst nur, postet Würschtel auf Instagram, und die Leute finden es lustig. Söder isst halt.
Es ist fast öde, sich darüber aufzuregen. Ein bisschen Spaß in trüben Zeiten schadet keinem. Doch was passiert, wenn alles nur noch lustig ist?
Politiker sollen heute nahbar und authentisch sein, sagen ihre teuren PR-Berater und Apple-Watch-tragenden Wahlkampfmanager. Was gut auf Power-Point-Folien klingt, sieht in der Umsetzung dann so aus: Ministerinnen versuchen auf TikTok irgendeinem Trend hinterher zu tanzen, Annalena Baerbock filmt sich mit „Sex and the City“-Musik in New York und macht sich über ihr Denglisch lustig, Markus Söder hält „Star Wars“-Tassen in die Kamera.
Das Problem ist nur, dass Politiker und Institutionen qua Funktion nicht lustig oder ironisch sein sollen. Denn Ironie wirkt wie Teflon. Ironie und Humor bieten eine Flucht aus der Verantwortung, also jener Sphäre, der sich Politiker und staatliche Akteure eigentlich verschreiben sollten.
Für Hannah Arendt ist Politik ein Raum von Urteilskraft, Verantwortung, Öffentlichkeit und Konsequenz. Politisches Handeln verlangt also, dass etwas gemeint ist. Wenn Minister ihre politischen Misserfolge wegtanzen oder die Deutsche Bahn ihre chronische Verspätung ironisch verhöhnt, verlieren sie ihre Verbindlichkeit. Sie werden glitschig, Kritik tropft an ihnen ab. Damit schwächen sie das Vertrauen der Bürger in ihre Daseinsberechtigung.
Das hat auch Alice Weidel verstanden. Wenn die AfD-Politikerin ans Rednerpult tritt, inszeniert sie die kalkulierte Harmlosigkeit einer biederen Oberstudienrätin auf einem Elternabend, aber mit einem Tonfall, der zwischen Ironie und Herablassung schwebt: ihre nach oben verzogenen Mundwinkel, die nie ganz ein Lächeln formen. Sie tarnt Spott als Sachlichkeit, ihre nasale Süffisanz wirkt wie eine rhetorische Versicherung. Alles klingt halb im Scherz gesagt, mit diesem leicht gedehnten Unterton.
Sie stellt Behauptungen in den Raum, als seien sie bloß nüchterne Feststellungen, und versieht sie mit einem spitzen Nachsatz, der Beifall im eigenen Lager garantiert. Der Witz dient dabei weniger der Erhellung als der Entwertung des politischen Gegners. Er macht die politische Mitte zu Karikaturen und komplexe Probleme zu Pointen.
So entsteht eine Redeweise, die scheinbar gelassen bleibt, während sie systematisch unterhöhlt. Ironie wird zur Schutzschicht gegen Festlegung, zur eleganten Flucht aus der Verantwortung: Wer alles nur halb meint, lässt sich nie ganz beim Wort nehmen. Humor aber wird gefährlich, wenn er das Verbindliche ersetzt, das einmal ernst gemeint war.
Dafür sind wenigstens die Comedians humorlos
Wenn Politiker zu Comedians werden, was bleibt dann den professionellen Humoristen? Wer sich die Auftritte von Jan Böhmermann, Dieter Nuhr oder Monika Gruber ansieht, kommt selbst auf die Antwort: Comedians werden zu Politikern. Statt albern rumzublödeln oder Mächtige zu karikieren, nehmen sie sich wichtig und belehren.
Jan Böhmermann, der mit seinem Ziegenficker-Gedicht einst den türkischen Machthaber Erdogan kritisierte, hat kaum noch Interesse an humorvoller Herrschaftskritik. Warum auch? Er sitzt selbst institutionell und finanziell abgefedert und in Satire-Watte gepackt im ZDF, kann in dieser komfortablen Position viel besser selbst Politik betreiben. Immer wenn ihm das zum Vorwurf gemacht wird, ruft er „Satire!“.
In der Causa Schönbohm, zum Beispiel, warf er dem damaligen Präsidenten des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik und CDU-Mitglied in seiner ZDF-Sendung Nähe zu russischen Einflussnetzwerken vor und sagte, Arne Schönbohm sei eine Gefahr für die Cyber-Sicherheit in Deutschland. Die damalige Innenministerin Nancy Faeser (SPD) entfernte Schönbohm ohne Prüfung der Vorwürfe von seinem Posten. Inzwischen hat das Landgericht München die Anschuldigungen von Böhmermann untersagt. Auch hier hatten die ZDF-Anwälte auf „Satire“ verwiesen.
Spätestens seitdem ist klar, dass seine Sendung „Magazin Royale“ nicht mehr das junge, wilde Ulknudelformat des ZDF ist. Sie ist vielmehr Böhmermann persönliches Machtinstrument, um Debatten zu verschieben, politischen Druck aufzubauen oder institutionelle Reaktionen auszulösen.
Über Humor lässt sich bekanntlich streiten. Es würde guttun, wenn dem so wäre. Doch wer sich Dieter Nuhr in der ARD ansieht, der wartet minutenlang auf etwas, was man einen Witz nennen würde. Denn er steht da und kommentiert stirnrunzelnd das Weltgeschehen im „Früher-war-alles-besser“-Duktus.
Nicht falsch verstehen: Es ist nur fair und Teil der Meinungsvielfalt, dass auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums jemand bei den Öffentlich-Rechtlichen so tun darf, als würde er Comedy machen. Aber auch hier ist es eine Mogelpackung, denn man sucht in Nuhrs verbalem Kopfschütteln vergeblich nach den Witzen, die dann doch wie Pointe aus einer Bundestagsrede eines Hinterbänklers klingen: „Das ist Deutschland. Dieser Glaube, dass man eine Industrienation sein kann ohne Industrie.“
Wo früher der Witz die Kritik transportierte, trägt heute die Haltung den Abend. Nuhr argumentiert, bewertet, warnt und nutzt den Applaus als Bestätigung einer politischen Lesart.
Wer das Prinzip „politische Empörung statt Entertainment“ hervorragend durchdrungen hat, ist die hemdsärmelige Monika Gruber. Im Sommer 2023 trat sie in Erding unter anderem mit dem komödiantischen Ausnahmetalent und bayerischem Vize-Ministerpräsidenten Hubert Aiwanger auf, um gegen Habecks Heizungsgesetz zu demonstrieren.
Obwohl die Ampel-Regierung eigentlich die Hochzeit fürs politische Kabarett hätte sein müssen, riss Monika Gruber keine Witze mehr, sie machte jetzt Politik. Zum Abschied rief sie den Demo-Teilnehmern zu: „Das war heute erst der Anfang. Wir schaffen es nur miteinander, wir helfen alle zusammen.“ Was früher als Pointe endete, endet jetzt im Applaus für die eigenen Landespolitiker.
Aiwanger zeigte sich entsprechend angetan und schmalzte: „Du bist unsere Heldin von Erding und von Bayern und du wirst die Heldin von ganz Deutschland werden. Du hast einen Stein ins Rollen gebracht, der der Ampel in Berlin den Boden unter den Füßen wegziehen wird.“ Als Kabarettistin stand sie eigentlich neben der Politik und hielt ihr den Spiegel vor. Jetzt stand sie mittendrin und hält das Mikro. Aus der Hofnärrin ist eine Festrednerin geworden.
Moderne Gesellschaften funktionieren durch Arbeitsteilung. Jeder hat seine Rolle mit den dazugehörigen Pflichten. Die Berliner Straßenreinigung soll die Gehsteige räumen und überfüllte Mülleimer leeren, aber nicht Menschen zum Lachen bringen. Die Deutsche Bahn soll Menschen ans Ziel bringen. Politiker sind dem Gemeinwohl verpflichtet. Wenn sie das nicht schaffen, braucht es ein Korrektiv. Kabarettisten und Comedians sind ein solches. Wenn Comedians Politik machen wollen, erlischt der Humor.
Fehlt das Lachen, dominieren moralische Absolutismen: richtig und falsch, Freund und Feind. Eine Gesellschaft ohne Lachen wird gereizter. Sie reagiert empfindlicher, nervöser, verletzlicher. Ironie wird missverstanden, Überzeichnung wörtlich genommen, Zuspitzung für Propaganda gehalten. Wie wäre es also, wenn einfach alle wieder ihren Job machen? Eine Gesellschaft funktioniert nicht, wenn keiner mehr seinen Job machen will. Darüber könnten Gruber und Nuhr doch mal ein Comedy-Programm schreiben.
Source: welt.de