Weltwirtschaftsforum 2026: Wo ist die Deutschland AG geblieben?

Es gab aber eine Zeit, da musste man in Davos nur dem Geruch von Macht folgen, um die deutsche Wirtschaft zu finden. Es war die Ära vor und nach der Finanzkrise, doch vor den ganz großen Disruptionen der Digitalisierung. Wenn man damals durch die Kälte zum Hotel Belvedere stapfte, war klar: Hier regierte nicht nur der Forums-Begründer Klaus Schwab, der im vergangenen Jahr unrühmlich abtreten musste, dort regierte die „Deutschland AG“.

Wer die heutige Promenade mit der von damals vergleicht, blickt auf zwei verschiedene Welten. Damals war Davos noch physischer, industrieller, bankenzentrierter. Und mittendrin, als Spinne im Netz, saß Josef Ackermann. Es war „Joe“ Ackermann, der damalige Chef der Deutschen Bank, der das Forum wie kein Zweiter prägte. Ackermann war mehr als ein Teilnehmer; er war im Stiftungsrat des WEF, er war der Ko-Chairman. Die Empfänge der Deutschen Bank waren legendär. Ackermann verkörperte den Anspruch der deutschen Wirtschaft, global auf Augenhöhe mit der Wall Street zu spielen. Er moderierte Panels mit einer Selbstverständlichkeit, als gehöre ihm der Saal. Wenn Ackermann sprach, hörte Davos zu. Die Deutsche Bank war nicht nur Sponsor, sie war ein geopolitischer Akteur.

Deutsche-Bank-Chef Ackermann und die Autohersteller

Parallel dazu inszenierte sich die deutsche Automobilindustrie, allen voran Audi und der Volkswagen -Konzern, als Herrscher über die Mobilität. Es war die Zeit, in der „Vorsprung durch Technik“ auch in den Schweizer Alpen unantastbar schien. Die schwarzen Limousinen mit den vier Ringen oder dem VW-Logo waren allgegenwärtig. Sie waren das physische Bindeglied zwischen den Hotels und dem Kongresszentrum. Im Hintergrund dieser Machtdemonstration wirkte die Aura von Ferdinand Piëch. Piëch selbst war kein „Davos-Gänger“ im Sinne eines Netzwerkers wie Ackermann. Er mied das glatte Parkett der Eitelkeiten, auf dem sich Ackermann so elegant bewegte. Aber Piëch war als unsichtbarer Patriarch anwesend. Die Dominanz des VW-Konzerns war so erdrückend, dass Piëchs Geist über den Diskussionen schwebte, ohne dass er selbst ein Mikrofon in die Hand nehmen musste. Es war die Demonstration von ingenieurgetriebener Macht: Wir bauen die Autos, in denen ihr fahrt. Ihr redet, wir produzieren.

Spult man vor in die Gegenwart, wirkt dieser Rückblick fast melancholisch. Der Abstieg begann schleichend. Mit den Krisenjahren der Deutschen Bank verschwand der Anspruch auf globale Führerschaft im Finanzsektor. Die Bank ist heute in Davos ein normaler Teilnehmer unter vielen, kein „Host“ mehr. Dann kam Dieselgate. Die deutsche Autoindustrie zog den Kopf ein – und leidet bis heute darunter, dass die Deutschen im Kopf den Umstieg auf die Elektromobilität noch langsamer schaffen als die Industrie. Heute dominieren hier Tesla und Uber, auch wenn die Deutschen noch ein paar Shuttles stellen. Es ist ein Dienstleister-Sponsoring geworden. Die Deutungshoheit über die Zukunft der Mobilität, die einst in Ingolstadt oder Wolfsburg beansprucht wurde, hat sich verschoben – hin zu Tesla , hin zu Waymo , hin zu chinesischen Playern, auch wenn diese in Davos oft noch im Hintergrund agieren. Es ist der Uber-Chef, der den Forums-Teilnehmer in einem Panel erklärt, wie die Zukunft der Mobilität aussehen wird. Und der Chef von Bosch hört aufmerksam zu.

Im Belvedere trifft man immerhin noch einen Italiener, der beruhigt und der sich mit der deutschen Autoindustrie gut auskennt. Stefano Aversa, Europachef des Beratungsunternehmens Alix Partners, hält nach wie vor viel von den deutschen Premiummarken. Und auch ein Land wie die Vereinigten Staaten müsse sich schließlich die Frage stellen, ob es ein Wert an sich sei, noch größer zu sein, aber allein. Es stehe viel auf dem Spiel, für Europa gewiss, aber eben auch für Amerika. „In der Technologiebranche in den Vereinigten Staaten wird es eine ganze Reihe von Verlierern geben, wenn sich die Abkopplung von Europa und Amerika beschleunigen sollte.“ Es gebe inzwischen auf zahlreichen Gebieten vielversprechende Ansätze, mit europäischer Technologie von der amerikanischen unabhängiger zu werden.

Amerikaner kommen – Deutschlands Ausnahme ist SAP

In Davos wie auf der Welt gilt: Die Karten können immer wieder neu gemischt werden. Hat Amerika genug qualifizierte Arbeiter für künftiges Wachstum in der industriellen Produktion? Steigt die Inflation, wenn die Lagerbestände abgebaut sind? Wie geht es mit dem Budgetdefizit weiter?

Das aber sind Fragen für die Zukunft. Heute haben hier die amerikanischen Techgiganten ihre Zelte aufgeschlagen. Salesforce , Meta , Palantir , die Liste wird lang. Sie zahlen Mieten, die für deutsche Vorstände kaum noch zu rechtfertigen sind – oder schlicht nicht gewollt werden. Die Ausnahme bleibt SAP . Der Walldorfer Softwarekonzern hält als einziges Dax-Unternehmen die Fahne im Zen­trum hoch, oft mit einer prominenten Präsenz. SAP-Chef Christian Klein wird als einer der wenigen Europäer ernst genommen, wenn es um KI und Cloud geht. Aber er ist ein Solist.

Das führt zu einer Diskussion, die in diesem Jahr präsent geworden ist, unter anderem auch durch einen Hinweis des Bundesbankpräsidenten Joachim Nagel auf dem Empfang „Frankfurt Meets Davos“, den es immerhin noch gibt: Warum leistet sich die größte Volkswirtschaft Europas kein „Deutsches Haus“? Andere Nationen haben das Spiel der „Soft Power“ perfektioniert. Es gibt ein „India House“, das vor Selbstbewusstsein strotzt. Es gibt das „Nigeria House“, das Investoren anlockt. Selbst kleinere Volkswirtschaften bündeln also ihre Kräfte, um an der Promenade als Einheit aufzutreten.

Deutschland hingegen zersplittert. Die Dax-Konzerne, sofern sie überhaupt noch großflächig präsent sind, kochen ihr eigenes Süppchen in Hotel-Suiten oder Nebenveranstaltungen. Ein „Deutsches Haus“ an der Promenade wäre mehr als nur eine Immobilie. Es wäre ein physischer Ankerpunkt für den Mittelstand, für Start-ups und für die Politik. Der Bundeskanzler reist zwar an, die Minister, sie treffen sich im Hintergrund, sie halten ihre Reden, aber es fehlt der Ort des permanenten Dialogs, den Ackermanns Empfänge einst boten. Ein Ort, an dem „Made in Germany“ nicht als Relikt der alten Industrie, sondern als Zukunftsversprechen inszeniert wird.

Die Absenz auf der Promenade ist dabei nur ein Symptom. Sie spiegelt die Angst der deutschen Wirtschaft wider, im Konzert der Supermächte USA und China zerrieben zu werden. Statt mit breiter Brust und einem „German House“ dagegenzuhalten, übt man sich in schwäbischer Zurückhaltung. Vielleicht ist es Zeit, dass jemand den Geist von Josef Ackermann – den Anspruch, global zu führen – mit der Ingenieurskunst von Piëch verbindet und zurück nach Davos bringt. Denn wer auf der Promenade nicht sichtbar ist, findet in der Zukunft vielleicht gar nicht mehr statt.

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