Weltgrößte Katastrophe im Sudan„Typischerweise sind es Kinder, die zuerst sterben“
15.04.2026, 17:01 Uhr
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Im Sudan sind 19 Millionen Menschen von Hunger bedroht. In Berlin hat die Bundesregierung zu einer Konferenz eingeladen, um Hilfe zu organisieren. Im Interview sagt der deutsche Leiter des Welternährungsprogramms, wie schlimm die Lage ist, was der Iran-Krieg damit zu tun hat und worauf es jetzt ankommt.
ntv.de: Herr Dr. Frick, der Krieg im Sudan steht im Schatten anderer Konflikte wie in der Ukraine und im Iran. Wie ist die Situation vor Ort und warum droht eine humanitäre Katastrophe?
Martin Frick: Der Krieg im Sudan geht ins vierte Jahr. Die Situation ist verheerend. Zwei Drittel der Bevölkerung brauchen dringend Hilfe. 19 Millionen Menschen leiden akuten Hunger, davon 4,2 Millionen Kinder und stillende oder schwangere Mütter. Der Krieg im Iran hat nicht nur die Schlagzeilen dominiert, sondern auch die Hilfe im Sudan erheblich erschwert. Der Sudan muss 80 Prozent seines Weizens importieren. Nun verzögern sich die Hilfslieferungen und sie werden erheblich teurer.
Was würde passieren, wenn die Hilfe nicht schnell hochgefahren werden kann?
Wir haben bereits Teile des Sudans, in der eine Hungersnot bestätigt wurde. Das ist die schlimmste Form des Hungers. Die Menschen sterben dort am Hunger. Wenn wir die Hilfe nicht hochfahren können, werden mehr Menschen in Hungersnot sein. Dann werden mehr Menschen sterben. Typischerweise sind es die Kinder, die zuerst sterben. Ohne neue Gelder werden unsere Lager im Mai leer sein.
Was machen Sie als Welternährungsprogramm vor Ort?
Wir haben ein massives Programm. Im vergangenen Jahr haben wir 12 Millionen Menschen erreichen können. Derzeit sind es im Monat vier Millionen. Aber wegen der begrenzten Finanzen müssen wir Rationen kürzen. Wir können nicht alle erreichen. Wir haben immer zu kämpfen mit dem humanitären Zugang.
Was heißt das?
Man muss sich an den Kriegsparteien vorbeiarbeiten. Man muss mit den lokalen Befehlshabern Möglichkeiten finden, zu den Hilfsbedürftigen vorzudringen. Das ist hochgefährlich und wir haben leider auch schon humanitär Helfende in diesem Konflikt verloren.
Wie ist diese Hungersnot einzuordnen?
Jeder Mensch, der hungert ist eine Tragödie. Jedes Kind, das an Hunger stirbt, ist nicht akzeptabel. Verglichen mit anderen Situationen auf der Welt ist Sudan die größte humanitäre Katastrophe, die wir auf diesem Planet haben. Zwei Drittel der Bevölkerung können ohne internationale Hilfe nicht überleben. Das ist ohne Vergleich in der Welt.
Spielt da das Ende der US-Entwicklungshilfe eine Rolle?
Das übt insgesamt Druck aufs System aus. Wenn weniger Geld zur Verfügung steht, muss noch stärker priorisiert werden. Sie können nur bis zu einem bestimmten Punkt Prioritäten setzen. Wenn sie von den Hungernden nehmen müssen, um die Verhungernden zu retten, dann ist definitiv eine Grenze erreicht. Ohne zusätzliche Finanzmittel wird es sehr düster aussehen im Sudan.
Was erwarten Sie von Deutschland als Gastgeber bei dieser Konferenz?
Wir hoffen sehr auf die Konferenz heute in Berlin. Diese Konferenz ist eine fantastische Initiative und wir freuen uns, dass Deutschland sie ergriffen hat. Wir benötigen mehr Zugang. Zugang zu mehr Finanzmitteln, aber vor allem auch diplomatischen und humanitären Zugang vor Ort, um den Menschen helfen zu können.
Das Wichtigste ist jetzt, diese Krise nicht zu vergessen, auch wenn andere Dinge die Schlagzeilen dominieren. Wir dürfen die Menschen nicht im Stich lassen. Wir brauchen Möglichkeiten, denen die mit nichts als der Kleidung am Leib geflohen sind, helfen zu können. Deswegen ist die breite Teilnahme an der Konferenz – von Zivilgesellschaft über UN-Organisationen bis Politik – so wichtig.
Das Beste wäre also Hilfsorganisationen mehr Geld zu geben?
Es ist ein erster Schritt, um notleidenden Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Wir können das nicht allein, sondern arbeiten mit UN-Schwesterorganisationen und andere Hilfsorganisationen zusammen. Ich denke da an die Welthungerhilfe, mit der wir im Sudan besonders eng kooperieren. Das ganze System muss unterstützt werden. Das muss aber Hand in Hand gehen mit diplomatischen Initiativen. Hilfe ist auch menschlich geboten, aber auch eine Investition gegen den Zerfall einer fragilen Weltregion.
In dem Krieg gibt es zwei Konfliktparteien, die beide aus der Armee kommen. Es geht um Goldminen, es geht um die Kontrolle über Ressourcen. Wer kann da vermitteln und wie stehen die Chancen auf baldigen Frieden?
Das ist eine extreme schwierige Situation. Wie bei 60 Prozent des weltweiten Hungers ist die Ursache vermeidbar, so ist es auch bei diesem Krieg. Deutschland ist gut positioniert, um als ehrlicher Vermittler zu helfen. Aber die Situation vor Ort ist kompliziert, da sind auch andere Mächte im Spiel.
Sie haben mal in einem anderen Interview bei uns gesagt: Überall auf der Welt brechen die Brände aus und man läuft mit einem kleinen Feuerlöscher hinterher.
Das ist leider immer noch so. Afghanistan ist auch vom Iran-Konflikt betroffen. Die Transportwege haben sich unheimlich verlängert, weil wir riesige Umwege nehmen müssen. Das ist unendlich kompliziert und teuer. Das kostet Zeit, die hungernde Kinder nicht haben.
Was gibt Ihnen dennoch einen Funken Hoffnung, gerade im Sudan?
Wir sind in der Lage, auch im Sudan Bedürftige zu versorgen. Wir haben im vergangenen Jahr zwölf Millionen Menschen erreicht. Das ist ein großer Erfolg. Vor nicht allzu langer Zeit haben wir in Somalia eine Hungersnot verhindert. Es ist eine Frage der Mittel und des diplomatischen Drucks, dass wir Zugang zur Zivilbevölkerung bekommen, ohne dass unsere Mitarbeitenden gefährdet sind.
Mit Martin Frick sprach Volker Petersen
Source: n-tv.de