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Wie hat sich die Kriminalität in Deutschland entwickelt? Im vergangenen Jahr gingen mutmaßliche Straftaten zwar zurück, dafür wurden mehr Sexualverbrechen erfasst. Welche Faktoren eine Rolle spielten.
Große Tafeln mit bunten Balken oder Linien – das bringen inzwischen viele Politiker mit zu ihren Pressekonferenzen. Auch Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat sich für diese Form der Präsentation entschieden, um die neue Kriminalstatistik vorzustellen. Das soll besonders anschaulich, besonders klar wirken. Doch auch in diesem Fall gilt: Die Zahlen erzählen nicht die ganze Geschichte.
Besonders auffällig: Die mutmaßlichen Straftaten insgesamt gehen zwar zurück, aber im Bereich der Gewaltkriminalität nehmen bestimmte Delikte zu. Für Mord, Totschlag sowie Vergewaltigung und sexuelle Nötigung registrierten die Ermittlungsbehörden 2025 mehr Fälle als im Vorjahr. Ist also die Gesellschaft zugleich weniger kriminell und doch deutlich gewaltbereiter geworden?
Straftaten gegen Aufenthalts- oder Asylgesetz rückläufig
Solche schnellen Schlagzeilen verdecken oft, dass beispielsweise neue Gesetze Einfluss auf die Kriminalstatistik haben. Sowohl bei den rückläufigen als auch bei den stark zunehmenden Straftatbeständen lohnt sich ein genauerer Blick.
So ist der Rückgang der Kriminalität insgesamt auch darauf zurückzuführen, dass Anbau und Besitz von Cannabis seit Mitte 2024 teilweise legal sind. Ein weiterer gesellschaftlicher Trend, der sich in der Statistik niederschlägt: weniger Migration.
Am stärksten rückläufig sind Straftaten gegen das Aufenthalts- oder Asylgesetz, rund 80.000 Fälle weniger wurden 2025 registriert. „Das sind Straftaten, die nur neu Zugewanderte in der Regel begehen“, sagt Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts. Daher bedeutet weniger Zuwanderung hier auch weniger Fälle.
Verschärfung im Sexualstrafrecht 2016
Bei den Gewalttaten gibt es besonders viele erklärungsbedürftige und zugleich erschreckende Zahlen. „Durchschnittlich sind es 580 Gewaltdelikte pro Tag, die in Deutschland stattfinden“, sagt Innenminister Dobrindt. BKA-Chef Münch weist besonders auf einen besorgniserregenden Trend bei Sexualdelikten hin: „Seit 2018 ist die Zahl der Vergewaltigungen, sexueller Nötigung und Übergriffe um 71,7 Prozent gestiegen.“
Dieser starke Anstieg hat die Experten veranlasst, noch einmal genauer hinzuschauen: Ein „großer Block“ sei darauf zurückzuführen, dass vor zehn Jahren „Nein heißt Nein in deutsches Recht umgesetzt worden ist“, so formuliert es Münch. Er meint die Verschärfungen im Sexualstrafrecht, die 2016 beschlossen wurden. Damals ging es auch darum, sexuelle Delikte, die aus einer Gruppe heraus begangen werden, besser zu erfassen.
Noch etwas sei auffällig in den Zahlen: „46 Prozent der Fälle ereigneten sich vor 2025, dieser Anteil ist sehr hoch“, sagt der BKA-Chef über die 2025 gemeldeten Übergriffe. Dieses Phänomen, ältere Taten nach langer Zeit anzuzeigen, nehme zu.
„Ein Indikator für gestiegene Sensibilität“
Der BKA-Chef sieht darin Hinweise auf einen gesellschaftlichen Wandel: „Das ist ein Indikator für gestiegene Sensibilität“, sagt er. Es gebe mehr mediale Aufmerksamkeit, prominente Fälle in den Schlagzeilen. „Wir sehen das auch an stark gestiegenen Google-Suchen zum Thema sexuelle Gewalt“, sagt Münch. Bereits seit 2021 würden Menschen online stärker nach solchen Themen suchen.
Zugleich schränkt er aber ein: Das seien alles nur „Indikatoren“, also vermutliche Zusammenhänge. „Genau sagen können wir es damit nicht.“ Vielleicht werde gerade ein Stück Dunkelfeld heller, ausgeleuchteter. Womöglich fragen sich Betroffene nun häufiger: War das ein Übergriff, den ich vor ein paar Jahren erlebt habe? Oder: Macht es vielleicht doch Sinn, die Taten anzuzeigen?
Das BKA geht allerdings davon aus, dass weiterhin nur ein kleiner Teil der Taten angezeigt wird, nämlich rund 6 Prozent. Das liege auch daran, dass in drei Viertel der Fälle der Täter jemand aus dem engen Umfeld ist, oft Partner oder Ex-Partner.
Die neue Kriminalstatistik dürfte nun einige Fälle mehr aus dem Dunkel ins Helle gebracht haben. Doch das könnte, angesichts der vermuteten Dimension, nur ein kleiner Lichtkegel sein.
Source: tagesschau.de