Wenn man nach dem Zusammenhang von Kunst und Politik fragt, findet man sich relativ schnell zwischen zwei Polen wieder. Da gibt es einmal die Auffassung, dass Politik in der Kunst nichts verloren hätte, da das Politisch-Engagierte meist auf Kosten der ästhetischen Qualität gehe. Und anderseits die Position, dass Kunst immer politisch ist, vor allem, wenn sie so tut, als wäre sie es nicht.
Vor etwa zwei Jahren besuchte ich die Neue Nationalgalerie. Die dortige Ausstellung verhandelte den Unterschied zwischen westlicher und sowjetischer Nachkriegskunst und war nach dem Prinzip strukturiert, dass die westlichen, meist abstrakt-expressionistischen Arbeiten den sowjetischen, meist realistischen Arbeiten gegenübergestellt wurden. Daneben legten Informationstafeln nahe, dass die westliche Kunst frei (von Zensur) sei und die sowjetische politisch und propagandistisch unfrei und letztlich auch – las ich nur zwischen den Zeilen? – ästhetisch weniger wertvoll.
Freie Künstler, weiß und männlich
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Die sowjetischen Arbeiten zeigten etwa stolze Astronauten, die das sowjetische Weltraumprogramm zelebrieren sollten. Die westlichen zeigten Leinwände, die rot angemalt wurden, oder Steine, die auf dem Boden lagen. Frei, so verstand man nach der Begehung, das hieß anscheinend unpolitisch – beziehungsweise politisch auf eine Art, die sich dem Laien nicht oder schwer oder sehr unkonkret vermittelt.
Die freien Künstler, versteht sich, waren größtenteils weiß, größtenteils Männer. Die doch massiven politischen Konflikte ihrer Zeit (Bürgerrechtsbewegung, Frauenbewegung, Vietnamkrieg) erschienen in aller Freiheit randständig. Jackson Pollock, Mark Rothko oder Barnett Newman wendeten sich – so die Erzählung – von Geschichte, Politik, Gegenwart ab, um sich den universalistischen, zeitlosen Themen zu widmen wie … Existenz, Imagination, Individualität!
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Im Zuge des Kalten Krieges wurden diese Künstler teils politisch instrumentalisiert und zum Aushängeschild der freien Welt, da sie u. a. auch die Freiheit verkörperten, sich nicht mit Politik befassen zu müssen. Der gleichen Logik folgt historisch auch die Berlinale. Von Oscar Martyay (Filmoffizier der Militärregierung der Vereinigten Staaten) und Alfred Bauer (Jurist, Filmhistoriker und früherer NS-Propagandist) initiiert, sollte die Berlinale ebenfalls ein „Schaufenster der freien Welt“ sein.
Das als politisch ausgewiesene Kino war hier jedoch zwecks Zurschaustellung besagter Freiheit explizit erwünscht, stieß allerdings mit dem Berlinale-Skandal von 1971 wieder an seine Grenzen, als Michael Verhoevens Film o.k. beinahe zum Ende des Festivals führte. Der Film beruhte auf der Vergewaltigung und Ermordung einer Vietnamesin durch einen amerikanischen Soldaten, noch während der Vietnamkrieg in vollem Gange war. Das Festival wurde abgebrochen, keine Preise wurden verliehen.
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Kann es also sein, dass auch heute das politische Festival, Film, Roman und auch deren Kritik noch immer von dieser Tradition geprägt sind? Geht es noch heute viel eher um die Zurschaustellung Politischer-, Meinungs- und Kunstfreiheit und viel weniger um die Möglichkeit, sich tatsächlich kritisch, gar provokant mit Deutschland und der freien Welt auseinanderzusetzen? Haben wir verinnerlicht, dass an gewissen Grenzen erst gar nicht zu rütteln ist? Ist Wolfram Weimers Politik letztlich nicht die Ausnahme, sondern eine sehr sichtbar gewordene (und sicher: in ihrem Extremismus eine Zäsur) Regel?
Skandalromane? Bitte unanstößig!
Schauen wir uns zur Veranschaulichung Skandalromane und Filme an, die sich mit moralischen Grauzonen beschäftigen und so den Wertekanon oder das Selbstverständnis hinterfragen. Wenn wir im deutschen Literaturbetrieb nach Skandalromanen fragen, müssen wir in die 2000er blicken. Skandal gab es einmal um Maxim Billers Esra (2003), das wir jedoch nicht mal als Beispiel aufnehmen können, da es nicht wegen des Inhaltes, sondern wegen der verletzten Persönlichkeitsrechte diskutiert wurde. Eines der wenigen prominenten Beispiele des 21. Jahrhunderts für einen inhaltlich provokanten deutschen Roman ist Charlotte Roches Feuchtgebiete (2008).
Damit soll nicht gesagt werden, dass in Deutschland keine provokanten, Moralvorstellungen herausfordernden Romane geschrieben werden, sondern lediglich, dass sie es offensichtlich selten in das Zentrum der Aufmerksamkeit schaffen. Indes scheint, dass mit Vorliebe Themen im Zentrum stehen, über die man sich (im literarischen Milieu) nicht wirklich streiten muss. Bücher über alte, kranke, gewalttätige oder tote Angehörige. Berührend, relevant, wichtig; sicher. Moralisch allerdings sehr eindeutig. Traurig, schlecht und tragisch.
Romane über kontroversere Themen wie Rassismus oder Feminismus hatten vor allem dann Konjunktur, als der gesellschaftliche Mainstream sich noch einreden wollte, progressiv zu sein. Die in den Romanen verhandelten Konflikte hatten zudem oft eine zeitliche oder milieubezogene Distanz, sodass sie die Kritik sozusagen gedämpft lieferten, wenn das Problem nicht als schon überwunden gezeigt wurde. Gleichzeitig brachen die Protagonisten der prominentesten Werke dieses Fachs selten aus den ihnen zugewiesenen Rollen aus.
Zumindest ist mir der berühmte migrantische Roman nicht bekannt, der universelle, menschliche, existenzielle, nobelpreiswürdige Themen verhandelt; also zum Beispiel einen (in diesem Fall beispielsweise türkischen oder arabischen) Mann beschreibt, der blasiert durch eine Großstadt läuft, viel masturbiert und am Ende vielleicht noch eine Frau umbringt.
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Schauen wir uns den deutschen Film an, bemerken wir, dass er vor allem dann sehr systemkritisch ist, wenn es um andere Zeiten oder Länder geht und da wiederum, um moralisch sehr eindeutige Situationen. Die unter anderem deutsche Produktion Die Saat des heiligen Feigenbaums ist ein zweifelsfrei großartiger Film über die patriarchale Gewalt des iranischen Regimes auf politischer aber auch auf familiärer Ebene. Doch erneut: moralisch recht eindeutig.
Damit soll nicht gesagt werden, dass jeder Film oder jedes Buch skandalös oder politisch sein muss. Es ist lediglich verwunderlich, wie wenig diese durchaus wichtige Funktion der narrativen Künste im internationalen Vergleich existiert. Ebenso wie die Tatsache, dass wir den Skandalroman hier vor allem mögen, wenn er aus dem Ausland kommt.
Wenn Leïla Slimani etwa über eine Nanny schreibt, die ihre Kinder umbringt, lesen wir das sehr gerne. Oder wenn Orna Donath darüber schreibt, ihre Mutterschaft zu bereuen. Oder wenn Bret Easton Ellis die Brutalität und Abgründigkeit der amerikanischen Oberschicht beschreibt. Oder gar, wenn Houellebecq die Verkommenheit mittelalter weißer Männer darstellt.
Die deutsche Unfähigkeit zur Selbstkritik
Ist es in diesem Sinne also wirklich so atypisch, dass man skandalisiert, wenn dann von der deutschen Mitschuld an einem Genozid gesprochen wird? Oder ist es vielmehr die Kontinuität und sicher Steigerung einer strukturellen, deutschen Unfähigkeit zu einer ernsthaften Selbstkritik? Eine Unfähigkeit, moralische Grautöne auszuhalten, zu diskutieren, sich mit ihnen zu beschäftigen, wenn sie einen selbst betreffen?
Ein gutes Gegenbeispiel für meine These ist indes ironischerweise Ilker Çataks Berlinalegewinner von 2026, Gelbe Briefe, dessen dringende Kritik an auch deutschen Autokratisierungsprozessen dann letztlich aber weit weniger diskutiert wurde als ein Foto mit einer palästinensischen Filmcrew. Ähnlich verhielt es sich 2024 mit dem Dokumentarfilm No Other Land, der vor allem zur Diskussion darüber anregte, ob Claudia Roth nun geklatscht hat oder nicht, während die im Film eigentlich thematisierte illegale Besetzung der Westbank nahezu zur Marginalie wurde.
Für viele Studenten, die den Pariser Mai 68 erlebt hatten, wurde die Repression des Staates erst deutlich, als sie ihn herausforderten. Die Brutalität, mit der die Universitäten und schließlich die Polizei auf einfache Provokationen wie Graffitis oder Flyer reagierten, zeigte erst, wie gering der Handlungsspielraum von vornherein gewesen war. Analog, müssen wir auch hier fragen: Haben wir es alleine mit den autoritären, rechtskonservativen Wolfram Weimers zu tun, oder wird an diesen nur sichtbar, wie wenig echte Kritik schon immer möglich war?
Sicherlich lassen sich die Geschehnisse auf der Berlinale nicht von der anti-palästinensischen Programmatik der etablierten deutschen Öffentlichkeit sowie der aus ihr resultierenden Einschüchterungs- und Zensurversuchen trennen. Und natürlich muss auch der hiesige hysterische und weltfremde Reflex auf den Genozid-Begriff in diesem Kontext gelesen werden. Aber vielleicht ist es Zeit zu fragen, ob die strukturelle Repression palästinensischer Positionen nicht nur die Spitze des Eisbergs ist. Um es herauszufinden, bleibt letztlich wohl nur eins: den Bären poken.
Blaue Romanze Nora Haddada S. FISCHER 2025, 240 S., 24 €