Altertümliches Outfit, ein stark rollendes „R“ – der Auftritt von Alexander Eichwald sorgte beim Gründungskongress der AfD-Jugendorganisation für Aufsehen. Nun spricht der Mann aus Nordrhein-Westfalen erstmals mit Reportern. Doch viel schlauer sind die anschließend auch nicht.
Was für eine Rede. Die manische Mimik des deutschen Schauspielers Klaus Kinski, dazu fuchtelnde Hände, verschachtelte Sätze und ein rollendes „R“, die an Adolf Hitler erinnern: Alexander Eichwald hinterließ bei der Gründung der neuen AfD-Jugendorganisation im hessischen Gießen (…) ein verblüfftes Publikum. Einige lachten laut, andere starrten ungläubig. Später fragen sich viele, nicht nur in der AfD: Meint er das ernst? Oder ist er ein Aktionskünstler, der die teils rechtsextreme Partei bloßstellen will?“, schrieb der Schweizer „Tagesanzeiger“ Anfang Dezember über einen Auftritt, der bundesweit Schlagzeilen machte. Der Auftritt des jungen Mannes mit russischen Wurzeln, der im nordrhein-westfälischen Herford lebt, hinterließ viele Fragen.
Die AfD selbst distanzierte sich anschließend von Eichwald und sucht offenbar nach Wegen, ihm die Parteimitgliedschaft zu entziehen. Satire oder nicht – die Frage war auch knapp 14 Tage nach dem Gründungskongress der „Generation Deutschland“ nicht endgültig beantwortet. Ein wenig Licht ins Dunkel bringen nun immerhin zwei Interviews, die der 30-Jährige der „Süddeutschen Zeitung“ und dem österreichischen „Standard“ gegeben hat.
„Weil da vieles nicht zusammenpasst…“
Im exakten Wortlaut dokumentiert werden diese allerdings von beiden Medien nicht. Stattdessen sind Porträts entstanden, in denen die Autoren teils offen einräumen, dass sie aus ihrem Interviewpartner auch nicht ganz schlau werden. „Weil da vieles nicht zusammenpasst, fragt man immer wieder nach. Und dann noch mal, und hat es immer noch nicht verstanden“, heißt es etwa im Text der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) über Alexander Eichwald, den die Autorin – zu ihrem eigenen Erstaunen – auf einem Herforder Friedhof zum Gespräch treffen kann. Auf dessen eigenen Wunsch hin, schreibt sie, und dass sich Eichwald auf Instagram mittlerweile „Der einzig Wahre GrAFDracula“ nennt. Es ist nicht die einzige Kuriosität in dem Text.
Klar wird aber auch: Der Sohn von russischen Einwanderern will seine Rede und sein Auftreten ernst gemeint haben. Einschlägige Organisationen oder Medien wie etwa die Zeitschrift „Titanic“, Jan Böhmermann vom ZDF oder auch das „Zentrum für politische Schönheit“ hätten mit seinem Auftritt, der insbesondere wegen des „rollenden R‘s“ als Satire hätte durchgehen können, nichts zu tun. Er habe, so versichert Eichwald der SZ, nach den Medienanfragen erstmal „googlen müssen“, was dieses „Zentrum für politische Schönheit“ überhaupt sei. Getrieben sei er von etwas anderem, so der ehemalige Politik- und Soziologiestudent zur SZ-Reporterin, und dies sei eine Aussage von AfD-Parteichefin Alice Weidel gewesen.
„Wer das macht, darf nie Kanzler werden“, sagt Eichwald über Weidel
Diese hatte unter anderem in ihrem viel beachteten Gespräch mit US-Milliardär Elon Musk Adolf Hitler mit Josef Stalin verglichen – beide seien „Sozialisten“ gewesen und hätten, so die AfD-Chefin in einer später vorgenommenen Präzisierung, eine „staatsgelenkte Kommandowirtschaft“ installiert.
„Weidels Gleichsetzung von Hitler und Stalin habe er als Russlanddeutscher als einen ‚Schlag ins Gesicht‘ empfunden, er halte sie für eine ‚Relativierung des Vernichtungsfeldzugs gegen die Slawen‘ und zugleich des Holocausts“, protokolliert die SZ Eichwalds Erklärung.
Auch im Gespräch mit dem österreichischen „Standard“ führt Eichwald die Interviewaussage Weidels als zentral für seine Empörung an. „Das ist für mich als Russlanddeutschen eine ekelhafte und eklatante Relativierung des Vernichtungskrieges gegen die Slawen, eine bewusste Missachtung der ‚Lebensraum im Osten‘-Politik der Nazis und des ganzen Ostfeldzugs gegen die Sowjetunion sowie deren Völker. Geschichte darf nicht vergessen oder – wie im Falle Weidels – fälschlich revidiert werden. Wer das macht, darf nie Kanzler werden“, zitiert ihn das Blatt.
Mit anderen Aussagen der Partei gehe er hingegen konform, schreiben beide Reporter in Bezug auf teils ähnlich lautenden O-Tönen ihres Interviewpartners.
Eichwald, der auch nach offiziellen Angaben der AfD seit dem Herbst 2025 Parteimitglied ist, sagt gegenüber dem „Standard“ etwa: „Ich bin selbst Migrant, es ist für mich selbstverständlich, dass man sich sprachlich und kulturell anpasst, wenn man einwandert.“ Dann erklärt er noch, dass er im Alter von neun Jahren mit seinen Eltern – einem Russen und einer Russlanddeutschen – aus Rostow am Don ins ostwestfälische Herford gekommen sei, weil dort schon Verwandtschaft lebte. Er sei Deutscher und stolz darauf, heißt es in der entsprechenden Passage der „Süddeutschen Zeitung“.
Deutlich wird auch, wie sehr sich Eichwalds Leben nach seinem Auftritt verändert hat. Von seinem Amt als „sachkundiger Bürger“ (eine Beraterfunktion ohne Mandat) habe ihn die AfD im Stadtrat von Herford schon abgezogen, erinnert der „Standard“. Auch seine aktuelle Arbeitsstelle werde Eichwald wohl verlieren, so die österreichische Reporterin weiter. Ihr Text endet mit den Worten: „Derzeit lebt der 30-Jährige zurückgezogen, das Haus verlässt er nur bei Dunkelheit. Seinen Job als Personaldisponent wird er wegen seiner Aktion verlieren, es laufen Gespräche über die Trennung von seinem Arbeitgeber. Dass es so kommen würde, hat Eichwald geahnt. Aber: ‚Die Message zu versenden, war mir wichtiger‘.“
krott
Source: welt.de