weltspiegel
Umsatteln, so ist die Ansage von Premier Carney: Kanada solle sich neu orientieren, weg von den USA, hin zu anderen Partnern – auch im Handel. Doch das gestaltet sich nicht einfach.
Seine Rede in Davos hatte für viele in Europa eine Zeitenwende eingeläutet. „Wir befinden uns mitten in einem Umbruch“, warnte der kanadische Premierminister. Die Mittelmächte müssten stärker zusammenarbeiten, um gegen die Großmächte zu bestehen.
Daheim in Kanada steuert Mark Carney bereits um. Wirtschaftlich weg von den USA, hin zu mehr Unabhängigkeit und neuen Allianzen. Doch funktioniert das?
Jim Estill gehört das Unternehmen Arctic Plow. Trumps Zölle treffen ihn hart.
„Umsatteln ist nicht einfach“
Bei der Firma Arctic Plow in der Provinz Ontario herrscht Hochsaison. Es hat viel geschneit in Kanada, die Schneepflüge mit den orangefarbenen Schaufeln sind im Dauereinsatz. „Was gibt es Kanadischeres als Schneepflüge?“, sagt Jim Estill. Genau deshalb hat er die einzige Schneepflug-Firma in Kanada vor zwei Jahren gekauft. Damals ahnte er wohl noch nicht, dass „Made in Canada“ einmal so politisch werden könnte.
Trumps Zölle treffen den kleinen Betrieb hart – die Entscheidung des Supreme Courts, die Zölle zu kippen, wird nichts ändern. 500 US-Dollar zusätzlich auf jeden Schneepflug, das schreckt die Kunden in den USA ab. Früher sind fast alle Schneepflüge über die Grenze im Süden gegangen, jetzt ist das US-Geschäft um 40 Prozent eingebrochen.
Umsatteln, wie Kanadas Premier es fordert, sei gar nicht so einfach, sagt Geschäftsführer Mike Schultz. „Wir würden liebend gerne nach Europa verkaufen, so wie Carney das vorschlägt. Aber der Transport der schweren Geräte wäre viel zu teuer.“ Schultz setzt darauf, dass die „nie dagewesene patriotische Welle in Kanada“ zumindest einen Teil der Verluste kompensiert. Außerdem sollen neue Zusatzteile wie der Aufsatz für Streusand das Geschäft ankurbeln.
„Made in Canada“ hat seit dem Amtsantritt von US-Präsident Trump eine neue Relevanz bekommen.
Mit den USA eng verflochten
Vielen Unternehmen im nach Fläche zweitgrößten Land der Erde geht es wie Arctic Plow. Die USA und Kanada sind wirtschaftlich eng verflochten. Bis vor einem Jahr gingen mehr als zwei Drittel aller kanadischen Exporte in die USA.
In der Automobilindustrie werden Teile oft sechs-, siebenmal über die Grenze hin und her gebracht, bevor daraus ein fertiges Auto wird. Die Lieferketten sind lange eingespielt, die Geschäftspartner kennen sich und vertrauen einander. Deshalb funktioniert die Just-in-Time-Produktion noch immer so gut.
Geschäftsführer Mike Schultz mit seiner Kollegin Kyla Brooks. Er sagt, der Export nach Europa sei leider zu teuer.
Anteil der Exporte in die USA sinkt
Mark Carney steht vor einer riesigen Herausforderung. Einerseits weiß er: Ohne die USA geht es nicht. Anderseits hat ein Jahr Trump gezeigt: Nur mit den USA ist es zu riskant.
Daher sucht der frühere Zentralbankchef aktiv nach neuen Handelspartnern. Er streckt die Fühler in alle Richtungen aus – nach China, Indien und Europa. Sein Ziel ist es, die jahrzehntelange Abhängigkeit der kanadischen Wirtschaft von den USA herunterzufahren.
Die Zahlen geben seinem Kurs recht. Von Februar bis Dezember 2025 ist der Anteil der kanadischen Exporte, der in die USA ging, von 79 auf 67 Prozent gesunken. Ein Minus von zwölf Prozentpunkten – das hat es noch nie gegeben.
Automobilzulieferer Jim Campbell will sich in Richtung anderer Märkte umorientieren. Europäische Unternehmen seien aber „sehr loyal mit europäischen Firmen“.
„Das Schlimmste ist die Ungewissheit“
Neue Märkte, weg von den USA – viele Unternehmer hoffen auf Europa. Jim Campbell hat gute Drähte auch nach Deutschland. Der Automobilzulieferer aus Hamilton leidet besonders unter Trumps Wirtschaftspolitik. „Das Schlimmste ist die Ungewissheit“, erklärt der Mittelständler, der 85 Mitarbeitende beschäftigt. Zölle rauf, Zölle runter, die ständigen Drohungen des US-Präsidenten und die schlechten Nachrichten aus den USA machten ihm das Leben schwer.
Längst sollte seine neue Produktionsstraße Teile für Elektroautos von Jaguar Land Rover herstellen. Monate haben seine Ingenieure in die Entwicklung gesteckt, Roboter installiert und programmiert. Jetzt steht die millionenteure Anlage still. Ob und wann seine Auftraggeber ihr „Go“ geben, sei völlig unklar. „Das tut weh“, sagt der sonst so optimistische Kanadier.
Schwierige Suche nach neuen Partnern
„Herr Carney hat meine volle Unterstützung, wie er uns gerade durch den sehr komplexen geopolitischen Sumpf navigiert“, lobt Campbell den Kurs seines Premiers und spricht damit wohl vielen Kanadiern aus der Seele. Carney erfreut sich gerade hoher Zustimmungswerte. Er sei der richtige Mann, der Trump die Stirn bieten könne, so der Tenor.
Auch Campbell will umschwenken, neue Allianzen suchen. „Wir haben uns bisher immer auf den Handel mit dem Süden konzentriert. Jetzt müssen wir eher nach Osten und Westen gucken.“ Aber das werde dauern.
Die Unternehmen in Deutschland warteten aber nicht auf neue Partner, zu eingespielt seien die Lieferketten. „Die Europäer sind sehr loyal gegenüber europäischen Firmen. Du kannst nicht einfach mit den Fingern schnippen, und dann bist du drin im Markt. Das wird dauern.“
Doch egal, wie schwierig und oft kompliziert der neue Kurs für die Unternehmer ist, es sei der einzige Weg, erklärt Jim Estill, Investor von Arctic Plow. Sein Mantra: Nicht verzweifeln, das Positive sehen in Trumps Politik. Kanada habe doch schon so viele Krisen gemeistert, die Banken- und Finanzkrise, Covid.
„Zölle sind der Albtraum für Geschäftsleute, aber der Traum eines Unternehmers“, sagt Estill. „In jeder Veränderung steckt auch eine Chance. Das, was wir gerade erleben, ist nur ein kleine Delle.“ Der Handel werde sich erholen, meint er – und es werde eine neue Weltordnung entstehen.
Source: tagesschau.de