Wegen Komplettsanierung: Steinmeier muss dasjenige Schloss Bellevue verlassen

Das deutsche Staatsoberhaupt hat seinen Amtssitz in einem kleinen Berliner Schlösschen an der Spree. Schloss Bellevue, mit seinem hübschen Park am Tiergarten gelegen, wirkt äußerlich vornehm und repräsentativ, aber ohne Protz. Drinnen herrscht eine biedere Melange aus Empire-Möbeln, Frühklassizismus und früher Bundesrepublik, was auch als „Mischung aus Filmstar-Sanatorium und Eisdiele“ verspottet wurde.

Und wenn über dem Dach die Adler-Standarte des Bundespräsidenten aufgezogen wird, weilt das Staatsoberhaupt in Berlin – so wird es Touristen bei der Stadtrundfahrt berichtet. Allerdings täuscht die schmucke Fassade wohl über das marode Innere hinweg. Das präsidiale Schloss, seit 2017 Amtssitz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, bedarf einer Totalsanierung. Die scheint nach Art und Umfang dem zeitgenössischen Staats- und Bauwesen zu entsprechen: Denn die offenbar lange verschleppten Instandsetzungen werden sehr teuer und dürften lange dauern. Frühestens zur übernächsten Amtszeit in acht Jahren wird wieder ein Bundespräsident dort Besucher und Staatsgäste empfangen können, heißt es offiziell.

Einst Sommerresidenz für preußischen Prinzen

Das historische Gebäude könnte also eine Art Gorch Fock zu Lande werden: Allein die Vorsorgerückstellungen für erwartete Preissteigerungen belaufen sich auf insgesamt 71 Millionen Euro. Das habe man, so teilte das Präsidialamt mit, unter Zuhilfenahme eines „Baukostensteigerungs-Tools“ errechnet. Insgesamt kalkuliert das Präsidialamt mit Planungs- und Sanierungskosten von mehr als 600 Millionen Euro. Plus etwa 200 Millionen Baukosten für einen soeben fertiggestellten Ersatzbau, in dem zunächst noch Steinmeier für ein paar Monate, seine Nachfolgerin dann aber für viele Jahre Deutschland repräsentieren wird. Der Zwischenbau wird wegen seiner modularen Schnellbauweise auch „Platte“ genannt, nach den DDR-Serienbauten.

Die Videoüberwachung ist analog: Blick auf die Wache am Haupteingang vor dem Schloss Bellevuedpa

Er liegt zwischen Kanzleramt und Hauptbahnhof an der Elisabeth-Abegg-Straße und soll später „anderen Bundesbehörden zur Nutzung“ zur Verfügung gestellt werden, heißt es in den Erläuterungen des Präsidialamts. Für eine Platte ist der bunt verkleidete Bau durchaus schick und könnte auch eine skandinavische Versicherung oder eine Start-up-Ansammlung beherbergen. Staatsgäste sollen aber ausweichhalber an der Villa Borsig, dem Gästehaus des Auswärtigen Amtes, empfangen werden oder am Schloss Charlottenburg. Das unterliegt allerdings selbst noch einer Generalsanierung. Für den mittelfeierlichen Alltag, etwa die Übergabe von Entlassungs- und Ernennungsurkunden an Kanzler oder Minister, stehen in der Ersatzliegenschaft moderne, helle Säle mit Blick übers Regierungsviertel bereit.

Schloss Bellevue ward einst als Sommerresidenz für den preußischen Prinzen Ferdinand gebaut. Es hatte nach Kriegszerstörung und Wiederaufbau als Berliner Amtssitz des Bundespräsidenten gedient und damit auch den Anspruch der Bonner Bundesrepublik auf die Geltung des Grundgesetzes für Berlin (West) symbolisiert. Nach friedlicher Revolution und Wiedervereinigung gehörte Bundespräsident Richard von Weizsäcker zu den ersten, die von Bonn nach Berlin umzogen, um seine Amtsgeschäfte hauptsächlich in der Hauptstadt zu führen.

Verwaltungsgebäude nach 30 Jahren am „Lebenszyklusende“

Allerdings hatte schon sein Nachfolger Roman Herzog unter den baulichen Verhältnissen zu leiden – Stromunterbrechungen, Wasserschäden, Aufzugausfall –, er soll das Schloss als „Bruchbude“ bezeichnet haben. Herzog war allerdings auch das einzige Staatsoberhaupt, das selbst im Schloss wohnte. Ansonsten dient seit 2004 ein hübsches Haus in Dahlem, die Villa Wurmbach, den jeweiligen Bundespräsidenten als Wohnresidenz zur Miete.

So kennen Touristen und Berliner das Schlosss Bellevue: Der Blick vom Spreeweg ausdpa

Im Park von Schloss Bellevue wurde zur Jahrtausendwende ein Verwaltungsgebäude für etwa 220 Mitarbeiter errichtet, das dreißig Jahre später einer Grundüberholung bedarf. Es folgte eine weitere Schlosssanierung. Seit neun Jahren residiert nun Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Bellevue, und zwar inmitten „zahlreicher baulicher und technischer Mängel“, so das Präsidialamt. Das Verwaltungsgebäude sei technisch „am Lebenszyklusende“ und weise erhebliche Mängel beim Brandschutz auf. Die Wachgebäude der Bundespolizei seien nicht mehr zeitgemäß, schon wegen der analogen Videoüberwachung. Ein Neubau war bereits 2019 ausgeschrieben.

Hinzu kommen noch Park und Außenanlagen: Allein der neu zu bauende Außenzaun ist 1,3 Kilometer lang. Erforderlich ist zudem eine „ökologische Baubegleitung“ zum Schutz des Baumbestands. So kommt man in den derzeitigen Schätzungen auf 120 Millionen Euro für die eigentliche Schlosssanierung, 120 Millionen für das erneuerte Verwaltungsgebäude, 173 Millionen für die Hauptwache und eine Technikzentrale sowie 162 Millionen Euro für Park, Baulogistik und Sonstiges. Diese Schätzung muss allerdings als grober Richtwert gelten.

Denn dem Baugeschehen vorangehen wird eine genaue Prüfung der Bausubstanz, die erst nach dem Auszug Steinmeiers und aller Mitarbeiter im Sommer erfolgen kann. Und man weiß, Stichwort Gorch Fock, was passieren kann, wenn man so ein altes Stück Bundesrepublik genauer unter die Lupe nimmt: Beim Segelschulschiff der Marine verfünfzehnfachten sich daraufhin die geplanten Sanierungskosten, die Werftliegezeit wurde zehnmal länger als geplant. Am Ende der Arbeiten aber soll auch beim Schloss Bellevue äußerlich alles nahezu unverändert so aussehen.

Und womöglich geht es auch ohne größere Verzögerungen. Steinmeiers Amt hält jedenfalls fest, es gelte, sicherzustellen, dass Schloss Bellevue „so bald wie möglich wieder zur Verfügung steht“.

Source: faz.net