Nationalflaggen sind im Madrider Reina Sofía-Museum nicht verboten. Solange der Stoff an keinem Stab befestigt ist, dürfen Besucher Fahnen mit in das Gebäude nehmen, wie die Presseabteilung bestätigt. Das galt jedoch nicht für drei ältere israelische Touristinnen mit ihrer blau-weißen Nationalflagge und mindestens einer Halskette mit einem Davidsstern.
Ein Sicherheitsmann des staatlichen Museums, das Picassos Antikriegsbild „Guernica“ beherbergt, forderte die Seniorinnen vor wenigen Tagen auf, das Gebäude zu verlassen. Andere Besucher fühlten sich von diesen israelischen Symbolen „gestört“, ist auf einem im Internet verbreiteten Video zu hören; den Film hatte eine spanische Begleiterin aufgenommen. Laut Presseberichten hatten andere Besucher die Frauen zuvor als „Kindermörderinnen“ und „Völkermörderinnen“ beschimpft. Eine von ihnen ist angeblich 91 Jahre alt und stammt aus einer Familie ungarischer Holocaust-Überlebender.
Sturm der Entrüstung
Der Vorfall löste einen internationalen Sturm der Entrüstung aus. Der Europäische Jüdische Kongress bezeichnete ihn als „zutiefst beunruhigend und inakzeptabel“. Die Geschäftsträgerin der israelischen Botschaft in Madrid schrieb auf „X“, die israelische Flagge sei „keine Provokation“, sondern stehe für „Tausende von Jahren Geschichte des jüdischen Volkes“. Die spanische Organisation ACOM erwägt eine Klage gegen das Museum. Ein juristisches Vorgehen prüft auch der jüdische Dachverband (FCJE), der besorgt eine Zunahme antisemitischer Anfeindungen und Übergriffe in Spanien seit dem Beginn des Gaza-Kriegs registriert.
Die Museumsleitung verweist gegenüber der F.A.Z. nur auf eine laufende interne Untersuchung der Sicherheitsabteilung und schickt eine knappe Erklärung. „Das Museum möchte unmissverständlich sein Engagement für Gleichberechtigung, Religionsfreiheit und Nulltoleranz gegenüber jeglicher Art von Gewalt oder Diskriminierung im Zusammenhang mit Antisemitismus zum Ausdruck bringen“, heißt es – und, wie wichtig jüdische Künstler und Förderer für die Sammlung gewesen seien. Die eigenen Mitarbeiter sind laut dem Museum für die „Prävention jeglicher Art von Diskriminierung hoch qualifiziert“.
Mehrheitlich propalästinensisch
Nach Ansicht von Reina Sofía-Direktor Manuel Segade sind kulturelle Einrichtungen wie sein Haus immer politisch. „Ich möchte, dass jeder, der dieses Museum betritt, Dinge findet, mit denen er sich identifizieren kann, und Dinge, die ihn beunruhigen.“ Wenn es jedoch um Israel und Gaza geht, hat nicht nur sein Haus einen eigenen, sehr spanischen Blick: Wie die Linksregierung ist die Mehrheit im Land klar propalästinensisch.
In der vergangenen Woche fand in den Räumen von Reina Sofía ein Seminar mit dem Titel „Gaza und der „Ästhetizid“ (Gaza y el esteticidio) statt. Themen waren die „systematische Zerstörung des kollektiven Bewusstseins der Palästinenser, die den von Israel im Gazastreifen verübten Völkermord und Ökozid begleitet“. Erst nach Beschwerden des Dachverbands FCJE und der israelischen Botschaft änderte Reina Sofía 2024 den Titel einer Veranstaltungsreihe. Ursprünglich sollte er „Vom Fluss zum Meer“ heißen, am Ende lautete er: „Begegnungen des kritischen Denkens: Internationale Solidarität mit Palästina“. Einladungen und Debatten mit israelischen Künstlern und Wissenschaftlern sind seit dem Hamas-Überfall auf Gaza im Oktober 2023 auch in anderen Kulturinstitutionen und Universitäten in Spanien praktisch unmöglich.
Vierzig Minuten vor Picassos „Guernica“
Palästinensische Fahnen sind im Reina Sofía-Museum dagegen kein Problem. Im vergangenen Oktober protestierten propalästinensische Aktivisten rund vierzig Minuten lang vor Picassos Guernica – mit palästinensischen Flaggen und einem Poster mit der Aufschrift „Stop genocidio”; 2024 gab es an gleicher Stelle schon eine solche Fahnenaktion. Die linke Minderheitsregierung, deren Kulturminister das staatliche Museum untersteht, vertritt ähnliche Positionen.
Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez, dessen Regierung als einer der ersten Palästina anerkannte, hält Israel einen „Genozid“ vor. Bei der Verhängung eines Waffenembargos kritisierte er vor wenigen Monaten Länder wie Deutschland, die „gelähmt von Gleichgültigkeit gegenüber einem endlosen Konflikt und der Komplizenschaft mit der Regierung von Ministerpräsident Netanjahu“ seien. Spanien wolle dagegen zeigen, dass es „auf der richtigen Seite der Geschichte“ stehe und sich nicht „an der Banalisierung des Bösen“ beteilige. Sánchez spielte damit auf Hannah Arendts Buch über den Prozess gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann in Jerusalem an.
Im vergangenen September lobte der Regierungschef 100.000 propalästinensische Demonstranten, die in Madrid den Abbruch des Zieleinlaufs der „Vuelta“ provoziert hatten. Sie protestierten damit gegen die Teilnahme eines israelischen Teams beim drittgrößten Radrennen der Welt. Wegen der Teilnahme Israels boykottiert Spanien auch den Eurovision Song Contest (ESC), um dessen „Genozid in Gaza nicht kulturell reinzuwaschen“.
Source: faz.net