Die Internationale Energieagentur IEA will als Reaktion auf den Irankrieg eine Rekordmenge strategischer Ölreserven freigeben. Insgesamt werden die 32 Mitgliedsländer der Agentur 400 Millionen Barrel Rohöl freigeben, wie es in einer in Paris veröffentlichten Mitteilung heißt. Noch nie wurde bei einer vorherigen gemeinsamen Aktion so viel Öl aus den Reserven angezapft. Mit dem Schritt sollen die durch den Krieg angespannten Märkte stabilisiert werden. Deutschland hatte bereits mitgeteilt, 19,5 Millionen Barrel freizugeben. Zudem sollen Tankstellen in Deutschland nur noch einmal am Tag ihre Spritpreise erhöhen dürfen.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) nannte die Freigabe ein sichtbares Signal für den Markt, um hohe Risikoaufschläge und Spekulationsgewinne einzudämmen. „Wenn dem Markt Sorge genommen wird vor Knappheit, entspannen sich Preise und wir gehen definitiv von einem dämpfenden Effekt auf.“ Auch Experten gehen davon aus, dass die Freigabe die Märkte prinzipiell beruhigen könnte.
Die Freigabe soll für einen je nach Land angebrachten Zeitraum gelten, hieß es von der IEA. Einige Länder würden zudem weitere Notmaßnahmen treffen. „Die Herausforderungen auf dem Ölmarkt, denen wir gegenüberstehen, sind in ihrem Ausmaß beispiellos“, zitierte die IEA ihren Chef Fatih Birol. Er sei deshalb über die Maßnahme im Rekordumfang froh. Ölmärkte seien global. Deshalb müsse auch die Antwort auf große Störungen global sein.
Ölpreis seit Kriegsbeginn teils rasant gestiegen
Der Krieg im Nahen und Mittleren Osten beeinträchtigt die Energiemärkte enorm. Der Transport von Energierohstoffen aus den Förderregionen am Persischen Golf durch die wichtige Straße von Hormus ist praktisch zum Erliegen gekommen. Berichte über angeblich von Iran in der Straße von Hormus verlegte Seeminen befeuerten Sorgen um die Sicherheit der internationalen Energieversorgung zuletzt noch.
Am Mittwoch stiegen die Ölpreise mit der Angst vor einer längeren Liefer-Unterbrechung durch die Straße von Hormus. Am Morgen wurde für ein Barrel (159 Liter) der Nordsee-Sorte Brent 92,31 Dollar gezahlt und damit über fünf Prozent mehr als am Vortag. Der Preisrückgang, der am Montag eingesetzt und sich am Dienstag fortgesetzt hatte, ist damit vorerst gestoppt.
Seltenes Krisenmittel zuletzt 2022 genutzt
Um auf Krisen vorbereitet zu sein, müssen alle 32-IEA-Mitglieder von Österreich bis Südkorea Notreserven anlegen. Insgesamt verfügen sie über Reserven in Höhe von 1,2 Milliarden Barrel (je 159 Liter) und 600 Millionen Barrel Industrievorräten. Dass zu einer gemeinsamen Freigabe von Reserven gegriffen wird, ist selten. Von der kurzfristigen Aktivierung zusätzlicher Produktionskapazitäten hin zur Aussetzung von Qualitätsstandards listet die IEA etliche weitere Maßnahmen, um auf Engpässe zu reagieren.
Seit Gründung der IEA Mitte der 1970er Jahre als Reaktion auf die damalige Ölkrise wurden fünfmal in koordinierter Weise Reserven freigegeben. Anlass waren der Golfkrieg 1990/91, die von den Hurrikans „Katrina“ und „Rita“ 2005 angerichteten Schäden in den USA sowie der Ausfall libyscher Ölexporte im Jahr 2011. Zuletzt wurden 2022 wegen des Ukrainekriegs nationale Ölreserven freigegeben und das gleich zweimal.
Was bringt die neue Freigabe von Reserven?
Für Thomas Puls vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) gilt als sicher, dass eine Freigabe die Märkte beruhigt. „Auf einem Knappheitsmarkt senkt jede Freigabe potentiell den Preis. Einen solchen physischen Mangel gibt es derzeit vor allem in Asien.“ In Europa hingegen gebe es keine Knappheit. „Hier sind die Preise das Problem, die vom Ölmangel in Asien nach oben getrieben werden.“
Der Mineralölwirtschaftsverbandes en2x sieht hingegen europaweit eine „große Knappheit beim Angebot an Kraftstoffen selbst sowie weiteren Mineralölprodukten wie Flugtreibstoffen“. Freigaben könnten zwar zu einer Entspannung beitragen, wenn auch die Produktpreise für Benzin und Diesel sinken würden. Das könnte wiederum auf die Tankstellenpreise durchschlagen. Noch könne man aber nicht abschätzen, ob und wann ein Entlastungseffekt eintrete. Das hänge auch vom weiteren Verlauf des Krieges ab.
Weil noch nicht absehbar ist, wie lange der Krieg dauern wird, mahnt IW-Experte Puls trotz der von ihm erwarteten positiven Effekte, nur in Maßen Reserven freizugeben. „Zieht sich der Konflikt über Monate, werden wir uns über jedes Fass freuen, das wir nicht zur Preissenkung verbraucht, sondern für die Versorgungssicherheit zurückgehalten haben.“
Auch Deutschland hält strategische Ölreserven für mindestens 90 Tage, um Versorgungsstörungen auszugleichen. Mit diesen sogenannten strategischen Ölvorräten könnte laut Bundeswirtschaftsministerium für drei Monate ein vollständiger Ausfall aller Importe ausgeglichen werden. Verantwortlich ist der Erdölbevorratungsverband (EBV), der Rohöl und Mineralölerzeugnisse (Benzin, Diesel, Kerosin) lagert.