Ein Buckelwal steckt im Schlick – und ganz Deutschland fiebert mit. Die SPD liegt darnieder – und kaum jemanden kümmert’s. Was das tierische Drama und die Grundsatzrede von Lars Klingbeil über den Zustand der Republik verraten.
So hört es sich an, wenn ein Wal weint.“ Das titelte diese Woche die „Bild“-Zeitung, und gemeint war nicht Lars Klingbeil nach seiner Grundsatzrede nach dem letzten Wal-, Pardon, Wahldebakel. Das ist eigentlich leicht auseinanderzuhalten: Die SPD ist in Rheinland-Pfalz gestrandet, der Buckelwal vor Timmendorfer Strand. Beide sind noch lebendig, also gerade eben. Sie pfeifen sozusagen aus dem letzten Loch.
Die Öffentlichkeit nahm größeren Anteil am Schicksal des Wals als an dem der SPD. Der „Stern“ unterhielt auf seiner Webseite gar einen Liveticker zum Fortgang der Rettungsaktion in der Lübecker Bucht. Der war spannender als jedes Länderspiel, ganz zu schweigen von einer Hochrechnung: „Donnerstag, 12.04 Uhr – Offenbar beginnt die kritische Phase: Die Bagger sind nun sehr nah am Wal dran, etwa zwei Meter entfernt. Das Tier wackelt mit der Schwanzflosse und kommt ein klein wenig in Bewegung. Ob aus Stress oder ob er wirklich freikommt, ist noch unklar.“ Oder: „13.15 Uhr – Ist die Wunderrettung ganz nahe? Der Wal kann sich bereits eigenständig um seine eigene Achse drehen.“ Zwischendurch wurde gemeldet, Schleswig-Holsteins Innenministerin Magdalena Finke habe freies Geleit und maximale maritime Unterstützung zugesagt.
Zwischen zehn und fünfzehn Fernsehteams, darunter zwei französische, berichteten gebannt vom Anmarsch besagter Bagger. Die sollten eine Schwimmrinne freilegen, durch die sich das geschundene Tier dorthin aufmachen könne, wozu es bestimmt sei, nämlich zu Höherem und Größerem als dem brackigen Flachwasser der Ostsee – dem erhabenen Atlantik.
Klingbeil dürfte sich in diesen Tagen ähnlich fühlen. „Deutschland ist mittlerweile ein blockiertes Land“, sagte der Vizekanzler in seiner Rede düster. „Zu oft finden wir Ausreden, nichts zu tun oder Unbequemes nicht zu machen.“ Das klang nach unterschwelliger Kritik an der Indolenz des Meeressäugers. Im Gegensatz zum trägen Wal hat Klingbeil längst unter Beweis gestellt, wie gut sich seine Partei um die eigene Achse drehen kann. Etwa mit der in seiner Rede erhobenen Forderung, den Renteneintritt an die Beitragsjahre zu koppeln. Und das von der Partei, die unter Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles einst die Rente mit 63 einführte. Eine schlechte Nachricht jedenfalls für Bummelstudenten und Buckelwale; das Timmendorfer Tier soll ein Jungspund sein, von seinen Rentenpunkten ist nichts bekannt.
Dabei mögen auch die Grünen am erbarmungswürdigen Zustand des Wals nicht ganz unschuldig sein. Die eingesetzten Bagger, verriet einer der Retter im „Spiegel“-Interview, dürfen nur mit biologisch abbaubaren Kraftstoffen fahren; zudem muss sichergestellt sein, dass keine Öle oder Fette ins Gewässer gelangen. Derlei Sperenzchen können mitunter zu Verzögerungen führen. Und die kann man sich in der heiklen Lage wirklich nicht erlauben. Es kann nicht angehen, dass ein gestrandeter Wal länger auf seine Ausschwimmerlaubnis warten muss als ein fideler Asylbewerber auf die zum Arbeiten. Nur Letztere hat Klingbeil just zur Vizechefsache erklärt. Mit derlei Speziesismus, also der Diskriminierung von Lebewesen allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit, sollte zumal in einer Partei, die sich das Progressive auf die Fahnen schreibt, endlich Schluss sein.
Wer die ganze Chose bezahlt, ist übrigens unklar. Auch hier dürfte sich Klingbeil wiedererkennen. Er kann nur hoffen, dass auch für die SPD gilt, was der Retter über den Wal sagte: „Es ist auf jeden Fall zu früh, die Hoffnung aufzugeben und dem Tier gedanklich den Totenschein auszustellen.“ Denn die Alternativen lassen Tierliebhaber wie Parteiforscher gleichermaßen schaudern: „Den Wal zu erschießen oder zu sprengen ist auch keine gute Option.“
Das Tier hatte sich schließlich freigeschwommen und irrte durch die Lübecker Bucht auf der Suche nach einem guten Walausgang. Am Samstag dann hieß es, es sei vor Wismar wieder auf Grund gelaufen. Dort regiert übrigens die SPD.
Source: welt.de