Was passiert mit dem Wal in dieser Ostsee, wenn er tot ist?

In der Ostsee kämpft ein riesiger Buckelwal auf einer Sandbank um sein Leben. Die Überlebenschancen schwinden. Was passiert, wenn das Tier stirbt? Und was ist ein Walsturz? WELT hat die Antworten.

Seit Tagen berührt das Schicksal von „Timmy“ die Menschen in Deutschland. Der riesige Buckelwal, der sich in die Ostsee verirrt hat, kämpft im flachen Wasser um sein Leben.

Der Buckelwal war in der vergangenen Woche zunächst auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand gestrandet. Von dort wurde er befreit. Wenig später setzte er vor Wismar erneut auf, schwamm sich aber zunächst frei. Kurz danach tauchte er in der Nähe wieder auf und liegt seitdem dort in etwa zwei Meter tiefem Wasser. Der Gesundheitszustand des 12 bis 15 Meter langen Wals verschlechtere sich den Experten zufolge stetig.

Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus bestätigte auf einer Pressekonferenz, dass sich die Behörden bereits mit der Frage beschäftigten, ob und wie der Wal geborgen werden könnte, falls er verende. Die Worst-Case-Betrachtungen hätten längst stattgefunden, so Backhaus. Am Montag versicherte der Minister: „Wir schauen dem Wal nicht beim Sterben zu.“

Was passiert mit dem Wal, wenn er seinen Überlebenskampf verliert? WELT beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was passiert mit dem Wal nach seinem Tod?

Als im Februar 2025 ein Pottwal in Sylt angespült wurde, zerlegte ein Experte für Tierverwertung das Tier in mehrere Teile. Zum Einsatz kamen Messer, Kettensägen und eine Baggerschaufel. Die Überreste wurden anschließend zu einer speziellen Tierkörperbeseitigungsstelle gebracht.

Lesen Sie auch

Ein ähnliches Vorgehen könnte auch an der Ostsee erfolgen. „Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass der Wal zerlegt wird – damit er in kleinen Stücken leichter abtransportiert werden kann“, erklärt Meeresbiologin Tamara Narganes Homfeldt von Whale and Dolphin Conservation (WDC) im Gespräch mit WELT. Ein Großteil würde dann in der Tierverbrennungsanlage landen, ergänzt die Expertin. „Wichtige Körperteile werden für die Forschung genutzt. Etwa die Knochen oder die Barten, die sehr viel über das Leben eines Wals aussagen.“

Lesen Sie auch

Eine Bergung wäre im Fall von „Timmy“ Stand jetzt schwierig, da er rund 600 Meter vom Strand auf einer Sandbank liegt. „Im Wasser ist die Bergung deutlich schwieriger als an Land, weil eine stabile Arbeitsfläche fehlt. Deshalb wird man versuchen, den Wal zunächst an Land zu bringen“, so die Meeresbiologin.

Theoretisch könne der Wal auch zurück ins Meer gebracht werden. „In der Ostsee ist das aber schwierig, weil sie relativ flach ist und der Kadaver wieder angespült werden könnte“, sagt Narganes Homfeldt. Diese Option schließt die Expertin daher aus.

Wie wird ein toter Wal untersucht?

Stirbt der Wal, wird in der Regel eine Autopsie durchgeführt: Das Tier werde medizinisch untersucht, um die Todesursache zu klären, so Narganes Homfeldt. „Dabei schaut man zum Beispiel, ob es Infektionen gab oder inwiefern äußere Faktoren wie Fischernetze den Wal geschwächt haben.“ Sehr wichtig sei auch der Mageninhalt. „Daraus kann man ableiten, wovon sich das Tier ernährt hat oder ob es schon länger nichts gefressen hat.“

Das sei besonders interessant, weil man bei Buckelwalen davon ausgehe, dass sie während ihrer Wanderungen eigentlich keine Nahrung aufnehmen, so die Expertin. „Der Mageninhalt könne auch Hinweise darauf liefern, ob der Wal gezielt zur Nahrungssuche in die Ostsee gekommen sei.“

Auch genetische Analysen spielen eine Rolle: Über die DNA könne mehr über die Population des Wals herausgefunden werden. Bestimmte Strukturen wie Barten oder Knochen können außerdem langfristig wissenschaftlich ausgewertet werden, um mehr über das Leben des Tieres zu erfahren.

Die Gefahr von Wal-Kadavern

Wenn Wale stranden und sterben, kann die eintretende Zersetzung des Kadavers ein nicht zu unterschätzendes Risiko mit sich bringen. Vor allem in wärmeren Klimazonen vermehren sich die Darmbakterien im Wal schneller und produzieren große Mengen Methangas. Wenn der Rest des Körpers intakt ist, also die äußere dicke Fettschicht (Blubber) noch nicht zerfallen ist, kann es durch den Druck im Inneren zu einer Explosion kommen.

So explodierte in der taiwanesischen Stadt Tainan im Jahr 2004 der verwesende Kadaver eines 60 Tonnen schweren und 17 Meter langen Pottwals beim Transport auf einer belebten Straße und überschüttete Autos und Geschäfte mit Blut, Organen und Fett, wodurch der Verkehr stundenlang zum Erliegen kam.

Eine solche Explosion sei im Fall „Timmy“ unwahrscheinlich. „In kälteren Regionen wie der Ostsee ist das Risiko sehr gering“. Zudem würde die Bergung schnell gehen – eine Gefahr sieht Expertin Nargans Homfeldt erst bei mehreren Tagen.

Wie man einen Wal-Kadaver besser nicht beseitigen sollte, beweist der Fall des gesprengten Pottwals in Florence (US-Bundesstaat Oregon) aus dem Jahr 1970. Damals versuchte die dortige Straßenbaubehörde, das riesige verwesende Tier zu beseitigen, indem sie ihn mit rund 450 Kilogramm Dynamit sprengte.

Das Ergebnis: Ein stinkender Regen aus Walfett und Innereien, der Gebäude und Parkplätze im Umkreis bedeckte. Zudem wurde nur ein Teil des Wal-Kadavers zerstört; der Großteil blieb am Strand liegen, wie Videoaufnahmen von damals belegen.

Was passiert mit toten Walen in der Natur?

Schätzungen zufolge stranden rund zehn Prozent der toten Wale an Küsten, der Großteil verschwindet in den tiefen der Ozeane. Stirbt ein Wal in freier Wildbahn, sinkt er in der Regel auf den Meeresboden und wird zu einem sogenannten Walsturz oder Walfall. Nach seiner hunderte bis tausende Meter langen Sinkphase wird er am Grund zum Ausgangspunkt eines oft jahrelangen Zersetzungsprozesses.

Haie, Schollen, Seekatzen, Krebse, Oktopusse, Muscheln, Würmer und andere Meeresbewohner machen sich über die Überreste her. Ein Quadratmeter Tiefseemeeresboden erhält durch einen Walsturz nach Berechnungen von Wissenschaftlern auf einen Schlag ein Nährstoffangebot, das sonst im Laufe von 2000 Jahren zur Verfügung stünde.

So auch ein Wal-Kadaver, der vor einigen Jahren im Benthal (der Lebensraum am Boden eines Gewässers; Anm. d. Red.) des Pazifiks, etwa 1250 Meter unter der Meeresoberfläche entdeckt wurde. Beobachtet wird der Kadaver seit 2009 vom Ocean Networks Canada (ONC); die Forscher belegen den organischen Verfall des rund 16 Meter langen, nicht konkret identifizierten Wal, eindrücklich.

Bei einem Besuch im Jahr 2023 bot der Walsturz noch immer Nahrung und Lebensraum für Fische, Krabben und Schnecken. So haben sich sogenannte Röhrenwürmer auf dem linken Kieferknochen des Wals eingenistet und leben dort nachweislich schon seit der Entdeckung des Walfalls. Wie der National Ocean Service (NOAA) mitteilt, können Mikroben von der Energie, die durch die Verwesung freigesetzt wird, jahrzehntelang leben – diese reinigen wiederum das Wasser und liefern Sauerstoff. Mit dem Tod eines Wals beginnt ein neuer ökologischer Kreislauf.

Source: welt.de

Buckelwale (ks)MeeresbiologieNordseeOstseeSchleswig-HolsteinWale