Als Ostler ist es ja angebracht, vorab eine Triggerwarnung anzuzeigen: Ich gehöre nicht der „Born-in-the-GDR“-Fraktion an, jenen Leuten, die Ostler als die besseren Menschen begreifen oder als wehleidige Opfer. Leute, die meine Radiosendungen und die Videoschnipselvorträge verfolgt haben und verfolgen, werden das wissen.
1990, kurz nach der Währungsunion, konnte man beobachten, wie Leute, die zum Beispiel in einer Ost-Joghurtfabrik gearbeitet haben, im Laden nur noch West-Joghurt kauften und dann darüber empört waren, dass ihre Joghurtfabrik geschlossen wurde. Die Straßen standen voll mit Ostmöbeln. Viele Leute waren damals bemüht, ihre Ost-Identität loszuwerden, hofften, nicht als Ostler erkannt zu werden.
Ein Vorsprung, über den Westdeutsche eben nicht verfügen
Mein Eindruck war eher, dass es relativ wenig Zeit brauchte, um die westdeutschen Codes halbwegs zu beherrschen und beim Italiener keinen rumänischen Dessertwein zu bestellen. Dagegen empfand ich die DDR-Erfahrung als ein kulturelles Kapital. Ein anderes System mit anderen Werten kennengelernt und auch den Zusammenbruch der DDR am eigenen Leib erlebt zu haben, ist ein Vorsprung, über den Westdeutsche eben nicht verfügen.
Das nur kurz als Vorbemerkung. Was die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung betrifft, beobachte ich dieses Projekt mit Interesse, Neugier und einer grundlegenden Sympathie. Als Ostler muss man ja immer noch die Erfahrung machen, dass es in der gegenwärtigen Bundesrepublik zwei Bevölkerungsteile gibt: Erstens die Deutschen und zweitens die Ostdeutschen, die Problembären, die Abweichung von der Norm, der man mit Ignoranz, Desinteresse oder mit ethnologischem Blick begegnet.
Die ostdeutsche Über-Identifikation mit den neuen westdeutschen Verhältnissen
Die andere Erfahrung war der blinde, brachiale Elitentausch nach der „Wende“ – in bestimmten Bereichen völlig berechtigt, in anderen nicht, immer aber auch von westdeutschen Karriereinteressen getrieben. Positionen, die von Ostlern besetzt waren (und das gilt für meine Erfahrung in der taz, meine Erfahrung beim ORB, dem RBB und z. B. im Umgang mit Frank Castorfs Volksbühne), mussten unbedingt durch Westdeutsche ersetzt werden.
Ich will durchaus einräumen, dass ich das aus einer relativ privilegierten Situation beschreibe. Aber viele, in ähnlicher Weise privilegierte Ostler, erfüllten und übererfüllten den westdeutschen Erwartungsdruck und agierten aus einer opportunistischen Über-Identifikation mit den neuen Verhältnissen als die „schärferen“ Westler. Es ist überflüssig, hier Namen zu nennen.
Alexander Osangs Flucht vor Westdeutschen, die seine ostdeutsche Lebensleistung anerkennen wollten
Im Vergleich zu den Entwicklungen in den Ländern Osteuropas gab es aber zwei gravierende Unterschiede. Zum einen sollte man nicht verschweigen, dass wir im Vergleich mit diesen Ländern insofern Glück hatten, als wir in ein halbwegs funktionierendes politisches, soziales, juristisches, kulturelles, ökonomisches System übernommen wurden. Dem stand aber die gleichzeitige Komplett-Entwertung aller ostdeutschen Erfahrungen, Leistungen, Biografien gegenüber.
Das änderte sich nur marginal, etwa 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR, als es einen neuen, paternalistischen, zugewandten Blick auf den Osten gab, den Alexander Osang treffend beschrieb: Er sei inzwischen auf der Flucht vor Westdeutschen, die seine ostdeutsche Lebensleistung anerkennen wollten.
Wie sie auf ostdeutsches Selbstbewusstsein à la Katja Hoyer und Dirk Oschmann reagieren
Nichtsdestotrotz führen halbwegs selbstbewusste ostdeutsche Artikulationen mit einem anderen Blick auf die DDR, wie zum Beispiel von Katja Hoyer oder Dirk Oschman zu Empörung, schärfster Kritik, Wutanfällen und Denunziationen. Insofern verstehe ich Holger Friedrichs ostdeutschen Furor sehr gut, halte ihn für berechtigt und produktiv. Und es sind nicht zuletzt die überschießenden, teilweise hasserfüllten Reaktionen auf die Person Friedrichs und sein Zeitungs-Projekt, die mich mit ihm sympathisieren lassen.
Die Berliner Zeitung und die neue Ostdeutsche Allgemeine Zeitung stellen ja den Versuch dar, den historischen und biografischen Erfahrungen eines Fünftels der deutschen Bevölkerung, Ausdruck zu verleihen. Die Unterschiede zwischen Ost und West werden nicht so schnell verschwinden, wie man es sich im Kanzleramt und den westdeutschen Redaktionen wünscht. Vielleicht ist es hilfreich, daran zu erinnern, dass heute, 160 Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, die unterlegenen Südstaatler sich ihrer Identität immer noch bewusst sind.
Die OAZ-Mutter „Berliner Zeitung“: Zustimmung, Widerspruch, Neugier und Kopfschütteln
In einer Medienlandschaft, die sich um eine Konsensmitte versammelt hat, ist es für mich erfrischend mit Texten konfrontiert zu werden, die woanders nicht zu lesen sind. Meine Lektüre der Berliner Zeitung, die ja als Mutter der OAZ gelten darf, schwankt immer zwischen Zustimmung, Widerspruch, Neugier und Kopfschütteln. Aber was will man mehr?! Ich will ja keine Zeitung lesen, in der ich sanft nickend meine Meinung bestätigt sehe.
Also: Der OAZ viel Glück und der Rat: „Macht mehr Fehler und macht sie schneller! Woraus wollt ihr sonst etwas lernen?“ (Heiner Müller/Alexander Kluge)
Woraus wollen wir sonst etwas lernen?