Was Kinder wissen wollen: Ist Sterben leicht ärgerliches Pech?

Immer mal wieder hört man den Spruch, Fragen seien interessanter als Antworten. Damit ist meist gemeint, dass es auf manche Fragen zwar keine abschließende Antwort gibt, sie aber zum Nachdenken anregen, neue Fragen aufwerfen und dazu führen, sich weiter mit einem Thema zu beschäftigen. „Hallo Tod, ich hab da mal ’ne Frage“ von Ellen Duthie und Anna Juan Cantavella enthält viele solcher Fragen. Die Autorinnen, so schreiben sie im Vorwort, konzipierten Workshops zum Thema Tod und sammelten dort Fragen von Kindern und Jugendlichen aus unterschiedlichen Ländern auf der ganzen Welt. 38 davon haben sie für ihr Buch ausgewählt und beantwortet. Es sind Fragen aller Art: Teils erwartbar („Was kommt nach dem Tod?“), teils lustig („Ist es Pech, wenn man stirbt?“), teils technisch („Wie verschwindet die Haut?“).

Die Autorinnen wollen Kinder mit ihrem Buch zum Gespräch einladen. Die Tatsache, dass manche Fragen nicht abschließend beantwortet werden können (oder dass Menschen unterschiedliche Antworten auf die gleiche Frage finden), bedeutet aber nicht, dass man nicht wenigstens versuchen sollte, ihnen auf den Grund zu gehen. Leider hat man in diesem Buch oft den Eindruck, dass die Autorinnen diese Mühe scheuen. Zu erklären, wie der Verwesungsprozess des Körpers funktioniert, ist höchstens eklig, aber nicht schwer. Bei anderen Fragen wird es schon komplizierter. Da ist es mit der Aufforderung zum Diskutieren und ein paar banalen Gegenfragen nicht getan. Wem ist geholfen, auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu lesen: „Was ist das für ein seltsames Leben? Was machen wir hier? Warum und wozu sind wir hier?“

Hier werden Kinder unterschätzt

Und wie ist es mit den Fragen, zu denen es durchaus eine gesellschaftliche Diskussion gibt? Im Kapitel „Warum begehen Menschen Selbstmord?“ schreiben die Autorinnen zwar, dass es wichtig ist, über dieses Tabuthema zu reden, erwähnen aber an keiner Stelle psychische Erkrankungen, mit denen Kinder, deren Familienmitglieder davon betroffen sind, ja sicher vertraut sind. Die Antwort auf die Frage, warum man Tiere einschläfert und Menschen nicht, ist völlig unzufriedenstellend. Wenn die Autorinnen auflisten, in welchen Ländern Sterbehilfe legal ist, ist damit das, was der Fragesteller wahrscheinlich gemeint hat, nicht mal im Ansatz berührt. Kinder, die solche Fragen stellen, verdienen komplexere Antworten.

Ellen Duthie, Anna Juan Cantavella und Andrea Antinori: „Hallo Tod, ich hab da mal ’ne Frage“Gabriel Verlag

Generell hat man oft das Gefühl, dass die Autorinnen ihren Leserinnen und Lesern weniger zutrauen, als das Thema des Buches suggeriert. Das sieht man auch am Umgang mit den Illustrationen von Andrea Antinori. Schon im Vorwort schreiben Duthie und Cantavella, Antinori habe die Fragen bebildert, ohne die Antworten zu kenne. Dabei sind Illustrationen eine eigene Sprache – nicht nur das Beiwerk zum Text. Dementsprechend unnötig ist es deshalb auch, die Bebilderung im Text so explizit zu erklären, wie die Autorinnen es häufig tun: „Wie du siehst, hat sich der Illustrator einen Spaß daraus gemacht, mit der komischen Seite deiner Frage zu spielen. Schau dir an, wie der Kopf von Königin Marie-Antoinette auf einem Skateboard davonrollt, weil er unbedingt noch ein bisschen länger leben will als der restliche Körper!“

Das tut Antinoris originellen Zeichnungen unrecht, denn ein Witz, den man erklären muss, ist kein Witz mehr. Und Antinoris Zeichnungen sind witzig: Als Antwort auf die Frage, warum wir sterben müssen, zeichnet er einen überfüllten Bus, auf die, ob es Pech ist, wenn wir sterben, eine Oma vor dem Spielautomaten. Beim Thema Suizid legt sich ein Vampir in die Sonne.

Gelungen ist auch der Aufbau des Buchs. So laden die Autorinnen dazu ein, die Fragen nicht chronologisch zu lesen, sondern schlagen zum Abschluss jedes Kapitels andere, thematisch passende Fragen vor. Man blättert also hin und her und bleibt auf dem Weg oft genug an der ein oder anderen Frage hängen. Denn die sind, im Vergleich zu vielen Antworten, meistens ausgesprochen originell.

Ellen Duthie, Anna Juan Cantavella, Andrea Antinori: „Hallo Tod, ich hab da mal ne Frage“. Gabriel Verlag, Stuttgart 2025. 144 S., geb., 15,– €. Ab 8 J.

Source: faz.net