Der Fernsehsender ABC setzt die Show ihres Stars Jimmy Kimmel aus. Der populäre Talkmaster hatte sich MAGA-kritisch zum Mord an Charlie Kirk geäußert. Amerika gefährdet eine seiner grundsätzlichen Tugenden.
Am 1. Dezember 1934 wurde Sergej Kirow auf dem Gelände des Smolny-Instituts in Leningrad durch einen Kopfschuss getötet. Kirow war ein relativ junger Funktionär der kommunistischen Partei; er galt als harter Hund und treuer Jünger Stalins, entlarvte zahlreiche „Staatsfeinde“ und setzte sich dafür ein, den Weißmeer-Ostsee-Kanal von Gulag-Sträflingen bauen zu lassen.
Gleichzeitig war Kirow populärer als Stalin, was den großen Führer natürlich wurmte. Die Hintergründe des Mordes an Kirow wurden nie restlos aufgeklärt, das NKWD gab sich keine besondere Mühe, diesen Genossen zu schützen. Wahrscheinlich steckte auch nur simple Eifersucht dahinter: Sergej Kirow hatte seinem Mörder, einem gewissen Leonid Nikolajew, die Frau ausgespannt.
Der Mord an Kirow lieferte den Vorwand für die „große Säuberung“ der Jahre 1936 bis 1939. Angeblich war Kirow einer weitverzweigten Verschwörung von Trotzkisten und anderen Konterrevolutionären zum Opfer gefallen. Darum die Schauprozesse gegen die alten Bolschewiki, der Mord an tausenden ausländischen Kommunisten, die Massaker an ethnischen Minderheiten, vor allem an Polen.
Am 10. September 2025 wurde in Orem im Bundesstaat Utah Charlie Kirk ermordet, der zum harten Kern der MAGA-Bewegung gehörte. Die Motive seines Mörders sind noch nicht klar. Vielleicht war er ein Linksradikaler aus konservativer Familie, der sich online radikalisierte.
Die MAGA-Bewegung aber fing sofort an, eine Verschwörungserzählung zu spinnen: Für den Mord an Charlie Kirk sei ein Netzwerk von „linksextremen Gruppen“ verantwortlich, so Präsident und Vizepräsident. Stephen Miller, der vielleicht wichtigste Präsidentschaftsberater, sagte, radikale Linke bildeten „ein gewaltiges Netzwerk von einheimischen Terroristen“. Die Regierung werde all ihre Ressourcen nutzen, um diese Netzwerke „zu identifizieren, zu stören, auseinanderzunehmen und zu zerstören, um Amerika wieder sicher zu machen“. In der Vergangenheit hat Stephen Miller die gesamte Demokratische Partei als extremistisch bezeichnet.
Meinungsfreiheit für mich, aber nicht für dich
Natürlich haben sämtliche demokratischen Politiker sofort das einzig Richtige und Anständige getan: Sie haben den Mord an Charlie Kirk verurteilt. Dies gilt auch für Angehörige der Parteilinken. Online gab es allerdings massiv Äußerungen der Schadenfreude; aber ist das im Internet, wo jede Rüpelei sich auszahlt, nicht anders zu erwarten?
Die Behauptung aber, die meisten politischen Gewalttaten in den Vereinigten Staaten würden von Linksradikalen verübt, ist schlicht eine Lüge. Das „Journal of Democracy“, das US Government Accountability Office und die Anti-Defamation League haben nachgezählt und kommen zu folgendem Ergebnis: Seit 2001 gehen 75 bis 80 Prozent der politischen Gewalttaten in Amerika auf das Konto von Rechtsextremen. Von welchen „linken Terrornetzwerken“ spricht Stephen Miller?
Tut nichts zu Sache, jetzt wird gesäubert. Und da wir uns in den Vereinigten Staaten befinden, gehört zu den ersten Opfern ein Fernsehstar: Jimmy Kimmel. Worin bestand sein Verbrechen? Er hatte in seiner Late-Night-Show gesagt: „Die MAGA-Bande versucht verzweifelt, den Kerl, der Charlie Kirk ermordet hat, als jemanden hinzustellen, der nicht zu ihnen gehört, und damit politisch zu punkten.“
Brendan Carr, der unter Trump zum Chef der Bundesbehörde wurde, die Rundfunk, Satellitenübertragungen und Kabelfernsehen regelt, nannte dies „das krankest mögliche Verhalten“. Nun ist dies immer noch Amerika und nicht die Sowjetunion: Jimmy Kimmel wurde also nicht von maskierten Agenten in ein Auto gezerrt und in die Lubjanka verschleppt, er ist kein Kirow und die USA 2025 sind nicht die Sowjetunion von 1934. Der Konzern, dem Kimmels Fernsehsender gehört, „Nexstar Media“, tat lediglich das von der Regierung Gewünschte und setzte Kimmels Show aus.
Offenbar wollte der Konzern nicht denselben Fehler machen wie CBS, jener Sender, der vor ein paar Wochen die populäre „Late Show“ mit Stephen Colbert absetzte. Stephen Colbert wurde gekündigt, weil er den Präsidenten zu einer bevorzugten Zielscheibe seines Sarkasmus gemacht hatte. Seine Show läuft noch bis Mai 2026 weiter – und Stephen Colbert nutzt jetzt die ihm bleibende Frist, um sich noch hemmungsloser über Donald Trump lustig zu machen und Witze über seinen Sender zu reißen. Jimmy Kimmel kann das nicht mehr: Ihm wurde sofort der Stuhl vor die Tür gesetzt. Bis auf Weiteres, wie es heißt.
Noch ist Amerika das Land des First Amendment. Noch wird die Meinungsfreiheit vom Gesetzgeber so weit ausgelegt wie in keiner anderen westlichen Demokratie: Kein amerikanisches Gericht könnte jemanden wegen Volksverhetzung oder Holocaustleugnung verurteilten, man darf öffentlich Islamistenflaggen schwenken und den Hitlergruß zeigen.
Die Klage um die fantastische Summe von 15 Milliarden, die Donald Trump zurzeit gegen die „New York Times“ anstrebt – die Zeitung schilderte ihn unter anderem als miesen Geschäftsmann und sprach eine Wahlempfehlung für Kamala Harris aus –, wird vor Gericht wohl hauptsächlich für Gelächter sorgen.
Man muss aber nicht vor Gericht ziehen, um die Freiheit abzuschaffen. Charlie Kirk wird von der amerikanischen Rechten als Märtyrer betrauert. Unterdessen verbünden Medienkonzerne sich untertänigst mit einer autoritären Regierung, die nach dem Grundsatz verfährt: Meinungsfreiheit für mich, aber nicht für dich. Timothy Garton Ash, ein britischer Historiker und wahrlich kein Linksradikaler, schrieb neulich: Die Amerikaner hätten noch 400 Tage, um ihre Demokratie zu retten.
Source: welt.de