Was gegen Klaustrophobie uff Reisen hilft

Die Furcht vor dem Eingesperrtsein: Ob im Fahrstuhl, in fensterlosen Räumen oder auf beengter Bahnfahrt – auf Reisen kann Klaustrophobie besonders herausfordernd sein. Wie Betroffene damit umgehen können und welche Hilfe sie in Anspruch nehmen sollten.

Ganz schön voll die U-Bahn, und so stickig! Und sie wird doch jetzt nicht einfach im Tunnel stehen bleiben? Wo andere Menschen einfach zehn oder zwanzig Minuten gedankenlos ausharren, vielleicht lesen, auf dem Handy spielen oder sich ein wenig ausruhen, wird es für Menschen mit Klaustrophobie sprichwörtlich eng: Aus dem anfänglichen Unbehagen entwickelt sich bei einigen sogar eine ausgewachsene Panikattacke.

Die Phobie kann sich auch unterwegs auf Reisen in vielen Situationen zeigen: im Fahrstuhl, im Flugzeug, im Hotelzimmer, beim Besuch einer Höhle oder in engen Gängen oder Gassen. Aber auch schon das Gedränge in vollen Bahnhöfen kann klaustrophobische Gefühle auslösen.

Lesen Sie auch

Die Symptome reichen vom trockenen Mund, über Schwindel, Herzrasen und Schweißausbrüche bis hin zu Atemnot oder der Angst, ohnmächtig zu werden. Klaustrophobie – manchmal als Raumangst bezeichnet – gehört zu den sogenannten spezifischen Phobien. Konkret bezeichnet sie die subjektive Furcht vor beengenden Räumen ohne Fluchtmöglichkeiten.

Wie viele Menschen weltweit von Klaustrophobie betroffen sind, lässt sich nur schwer beziffern. Schätzungen zufolge sind rund ein bis fünf Prozent der Menschen, je nach Abgrenzung auch mehr. Der Übergang von starkem Unbehagen zu einer behandlungsbedürftigen Angststörung ist dabei fließend.

Kontrollverlust als Problem

Auch die Ursachen sind divers. „Bei der Entstehung einer spezifischen Phobie wie der Klaustrophobie spielen viele Faktoren eine Rolle, von der genetischen Veranlagung bis zu frühkindlichen Prägungen und traumatischen Erlebnisse“, sagt Tobias Freyer, Ärztlicher Direktor der Oberberg Parkklinik Wiesbaden Schlangenbad. „Oft treten Phobien auch in Kombination mit Depressionen auf“, so der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Auffällig zudem: „Die Krankheit hat im weitesten Sinne oft auch mit einem erhöhten Kontrollbedürfnis zu tun“, so Miriam Schiele, leitende Psychologin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg. So können viele Betroffene im Auto durch einen Tunnel fahren, wenn sie selbst am Steuer sitzen. Doch als Beifahrer wischen sich nach wenigen Minuten den Angstschweiß von der Stirn.

Die positive Nachricht: „Klaustrophobie ist gut behandelbar“, sagt Tobias Freyer. „Es lohnt sich unbedingt, therapeutische Hilfe zu suchen.“ In vielen Fällen bietet sich zur Behandlung eine Verhaltenstherapie an. Mit der Unterstützung eines Therapeuten oder einer Therapeutin werden die Ursachen der Angst ergründet und gemeinsam Strategien entwickelt, wie Betroffene den Denkmustern, die ihre Phobie aufrechterhalten, gegensteuern können.

Kontrollierte Konfrontation

Je nach Fall kommt zur Behandlung auch eine Konfrontationstherapie, bei der sich Menschen mit Klaustrophobie zum Beispiel bewusst in Räume begeben, die sie fürchten, Medikamente oder das Erlernen von Entspannungsübungen infrage, um die Angststörung zu bewältigen.

Doch auch kurzfristig gibt es ein paar Tricks, die helfen, mit Enge besser klarzukommen – und dabei generell etwas gegen die Klaustrophobie zu tun. „Denn wer klaustrophobische Situationen meidet, wie der Teufel das Weihwasser, zementiert sie langfristig“, sagt Schiele. „Man muss sich mit der Angst auseinandersetzen und sich auch Gelegenheit geben sie zu widerlegen.“

Belastungen wie Stress, Druck, Erschöpfung oder Hitze tragen häufig dazu bei, dass Betroffene anfälliger für eine klaustrophobe Erfahrung wird – insbesondere auf Reisen. Deshalb gilt generell: „Ausgeruht und entspannt, satt und auch mit genug Getränke-Input, fällt es leichter Ängsten zu begegnen“, sagt Facharzt Freyer. Zudem ist ein großzügiger Zeitpuffer hilfreich.

Was aber, wenn sich bereits Druck aufgebaut hat? „Dann kann eine kleine Sporteinheit vor der Abfahrt helfen, das Adrenalin abzubauen, durch eine Joggingrunde beispielsweise“, empfiehlt Freyer.

Das kann übrigens auch in angsterfüllten Momenten ein Sofortmittel sein. So kann es zum Beispiel helfen, wenn der Zug im Tunnel steht, zügig durch die Abteile zu marschieren. Damit gibt man einerseits dem Fluchtinstinkt ein wenig nach, andererseits kann der Körper so das Adrenalin besser abbauen. „Generell kann regelmäßiger Sport gut gegen Phobien helfen, denn regelmäßige Bewegung senkt dauerhaft den Stress-Hormon-Level“, so Freyer.

Da Klaustrophobie eng mit Kontrollverlust verbunden ist, kann es Psychologin Schiele zufolge kurzfristig ebenfalls erleichtern, sich an jene zu halten, die die Kontrolle haben und etwa den Blick auf Flugbegleiter, Schaffnerinnen oder Polizisten zu richten. Sie können nicht nur im Notfall helfen, sondern zeigen auch: Es gibt keinen Grund sich aufzuregen, auch diese klaustrophobische Situation ist Alltag.

Generell geht es in Angst-belasteten Situationen darum, das vegetative Nervensystem zu beruhigen. „Besonders bewährt sind dabei Atemtechniken wie langsames durch die Nase Ein- und Ausatmen, tief in den Bauch atmen und sich darauf zu konzentrieren“, rät Miriam Schiele. Daneben kann man auf seine Körperhaltung achten und sich bewusst aufrecht hinsetzen.

Geeignet sind laut Freyer außerdem simple Aktivitäten, die schlicht ablenken. Zum Beispiel: ruhige Musik oder ein Hörbuch hören, ein nicht zu hektisches Handyspiel spielen, rückwärts zählen, Multiplikationen im Kopf ausrechnen.

Sucht als zusätzliche Gefahr

Und wie sieht es mit einem Glas Wein oder Beruhigungsmitteln aus? Beides wirke zwar kurzfristig entlastend, biete aber keine nachhaltige Lösung, so Freyer. „Schon nach kurzer Zeit braucht man höhere Dosen – diese Toleranzentwicklung führt direkt in eine Abhängigkeit“, warnt der Arzt. Zusätzlich entstehe oft eine psychische Abhängigkeit, weil Betroffene lernen: „Wenn die Angst kommt, kann ich sie nur mit Medikamenten bewältigen“, sagt der Experte.

Lesen Sie auch

Auch macht es einen Unterschied, wohin die Reise geht. Dort, wo viele Menschen auf engem Raum leben, stehen die Zeichen für Menschen mit Klaustrophobie eher schlecht. So muss man damit rechnen, dass schon öffentliche Verkehrsmittel dichter besetzt sind als anderswo. Auch weltbekannte Sehenswürdigkeiten und Attraktionen ziehen Menschenmassen an und empfehlen sich eher zu Randzeiten, wenn der Rummel nachlässt. Wer sich bei der Reiseplanung so orientiert, sorgt immerhin vor, bevor es in den Urlaub geht.

dpa

Source: welt.de

Depression (ks)GesundheitKlaustrophobie (ks)Parkraum-InboxPsychologieReisendeUrlaub