Die Deutschen essen zu viel Zucker, deswegen wird auch hier über die Einführung einer Zuckersteuer diskutiert. Die ist laut einer Studie aber nur unter bestimmten Voraussetzungen wirksam.
Eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke könnte auch in Deutschland den Konsum spürbar senken und damit langfristig zur Vorbeugung ernährungsbedingter Erkrankungen beitragen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts des Verbands der Privaten Krankenversicherung (WIP). Allerdings gebe es nur begrenzt Nachweise für direkte gesundheitliche Effekte. Die hingen stark davon ab, wie eine mögliche Steuer ausgestaltet würde.
Gesundheitsgefahr: Deutschland isst zu viel Zucker
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, weniger als 50 Gramm sogenannten „freien Zucker“ pro Tag aufzunehmen, idealerweise unter 25 Gramm. „Freier Zucker“ umfasst alle Zuckerarten, die Lebensmitteln vom Hersteller oder Verbraucher zugesetzt werden sowie den natürlich in Honig, Sirupen, Fruchtsäften vorkommenden Zucker.
In Deutschland wird dieser Wert deutlich überschritten. Frauen liegen nach Angaben des Max Rubner-Instituts bei 61 Gramm pro Tag, Männer bei 78 Gramm pro Tag. Vor allem zuckerhaltige Getränke gelten als mitverantwortlich für die Entstehung von Adipositas, Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Karies. Wer eine Portion (200 ml) eines solchen Getränks zu sich nimmt, schluckt 20 bis 34 Gramm freien Zucker.
Die WIP-Studie ist in einem Punkt eindeutig: „Typischerweise bezieht sich die Zuckersteuer auf zuckerhaltige Getränke, und man konnte beobachten, dass der Konsum von zuckerhaltigen Getränken nach Besteuerung zurückgegangen ist. Wir haben auch gesehen, dass die Industrie reagiert und die Rezepte für zuckerhaltige Getränke verändert hat“, so Institutsleiter Frank Wild.
Nur teilweise positive gesundheitliche Effekte
Weniger eindeutig ist laut WIP die Datenlage zu gesundheitlichen Effekten. Zwar werden in Simulationsstudien teils deutliche Effekte prognostiziert: Eine 20-prozentige Steuer auf zuckerhaltige Getränke könne langfristig viele Fälle von Übergewicht und Adipositas verhindern, Neuerkrankungen an Typ-2-Diabetes verzögern und Gesundheitskosten senken. Allerdings zeigen diese Studien oft Maximalwirkungen unter idealen Bedingungen.
Zuckersteuer bereits in den USA und Großbritannien
Der Blick auf Länder wie Großbritannien und die USA, in denen bereits eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke eingeführt wurden, zeigt ein gemischtes Bild. Beobachtungsstudien, die reale Verhaltensänderungen nach Einführung einer Steuer auf Softdrinks untersuchten, zeigten „keine größeren gesundheitlichen Effekte. Das Problem ist häufig, dass der Gesamtzuckerkonsum oft unverändert geblieben ist“, so Institutsleiter Frank Wild. Besonders wirksam erscheinen Steuermodelle mit gestaffelten Sätzen, die Hersteller zu zuckerärmeren Rezepturen bewegen.
Die Zuckersteuer kann beispielsweise mit einem einheitlichen Steuersatz erhoben werden oder nach dem Volumen oder Zuckergehalt eines Getränks gestaffelt sein. Bei der britischen Zuckersteuer beispielsweise handelt es sich um eine gestaffelte Steuer: Bei einem Zuckergehalt von 5 bis 8 Gramm Zucker pro 100 Millilitern beträgt die Steuer 18 Pence (etwa 21 Cent) pro Liter, ab 8 Gramm Zucker pro 100 Millilitern 24 Pence (etwa 28 Cent) pro Liter. Gestaffelte Steuern können Verbraucher also dazu anregen, auf Alternativgetränke mit geringerem Zuckergehalt umzusteigen. In einer Simulationsstudie zeigte eine Steuer mit gestaffelten Sätzen tatsächlich die stärksten Effekte auf die Gesundheit.
Menschen mit wenig Geld am stärksten betroffen
Positive Effekte einer Zuckersteuer seien bei Kindern, Jugendlichen und sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen zu beobachten. Nach Einführung der „Soft Drinks Industry Levy“ in Großbritannien ging unter anderem die Adipositasprävalenz bei Mädchen zurück. Am deutlichsten war dieser Effekt bei Mädchen, die in sozioökonomisch benachteiligten Gebieten lebten.
Forschende am Institut für Public Health und Pflegeforschung der Uni Bremen sehen darin genau den Vorteil: Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status sind häufiger von Krankheiten betroffen. In Mexiko habe die Einführung einer Steuer auf stark zuckerhaltige Getränke dazu geführt, dass vor allem sozial benachteiligte Haushalte weniger solcher Getränke konsumiert haben. Die Forschenden weisen in ihrer Studie auch deswegen auf die positiven Effekte der Einführung einer Zuckersteuer hin. Allerdings müsste sie laut Studie so gestaltet sein, dass soziale Ungleichheit dabei nicht verstärkt wird.
Deutschland zögert
Die Debatte um die Zuckersteuer reiht sich ein in zahlreiche Beispiele zögerlicher gesundheitspolitischer Regulierung in Deutschland. In vielen Bereichen setze man vor allem auf Aufklärung, beklagt Versorgungsforscherin Monique Bialojan von der Hochschule Anhalt: „Aus wissenschaftlicher Sicht ist das ziemlich eindeutig: Aufklärung allein reicht nicht aus, um Verhalten auf Bevölkerungsebene nachhaltig zu verändern. Wissen ist wichtig, aber es führt nur selten automatisch zu gesünderem Verhalten, besonders in einem Umfeld, das ungesunde Entscheidungen leicht und billig macht.“
Andere Länder seien da bereits weiter – so wurde in Finnland oder Großbritannien der Salzgehalt über Jahre schrittweise gesenkt, teils durch gesetzliche Vorgaben, teils durch verbindliche Zielwerte. Eine aktuelle Studie zeigt, dass weltweit mehrere Millionen Fälle von Bluthochdruck und hunderttausende kardiovaskuläre Todesfälle vermeidbar wären, wenn der Salzkonsum konsequent auf die von der WHO empfohlenen Höchstmengen gesenkt würde.
Skepsis bei „freiwilliger Selbstverpflichtung“ der Industrie
Bialojan spricht sich auch gegen das Konzept „freiwillige Selbstverpflichtung“ der Industrie aus: „Gesetzliche Regelungen sind deutlich wirksamer. Sie schaffen gleiche Bedingungen für alle Marktteilnehmer und führen schneller zu messbaren Veränderungen auf Bevölkerungsebene.“
Die Autoren der Studie des WIP fassen zusammen: die Wirksamkeit einer Steuer auf zuckerhaltige Getränke hänge stark von der konkreten Ausgestaltung der Steuer ab. Damit die Einführung einer Zuckersteuer tatsächlich positive Effekte auf die Gesundheit hat, brauche es außerdem ein Bündel an verschiedenen Präventionsmaßnahmen.
Source: tagesschau.de