Was die Tränen jener Shirin David mehr als die Brutalität unserer Gegenwart verraten

Shirin David ist eines der erfolgreichsten deutschen Musikprodukte unserer Gegenwart. Sie vereint Feminismus, Materialismus und Millionen von Followern. Doch daran scheint sie nun zu zerbrechen. Oder?

Nein, man muss sich Shirin David nun wirklich nicht als eine unglückliche Künstlerin vorstellen, man muss bloß ihre neue Netflix-Doku sehen, da bekommt man das schon ziemlich explizit vorgeführt. 91 Minuten lang. Beinahe ohne Unterbrechung. Wir sehen eine Shirin David, die traurig ist, dass die Generalprobe ihres Konzertes nicht so verlaufen ist, wie sie verlaufen sollte. Man sieht eine Shirin David, die traurig ist, weil eine Tanzbewegung nicht so geklappt hat, wie sie hätte klappen sollen. Und man sieht eine Shirin David, die so traurig über ihre eigene Traurigkeit ist, dass sie nicht einmal ihr neuestes Album bewerben will, das sie gerade auf den Markt gebracht hat.

Shirin David ist derzeit die erfolgreichste weibliche Künstlerin der Gegenwart, das Aushängeschild von Female-Power-Urban-Deutschrap-Pop, das Gesicht einer neuen Generation von jungen, (scheinbar) selbstbewussten Frauen, die Oberflächlichkeit und Materialismus zum bestimmenden Markenkern gemacht haben. If you don’t make money, you make no sense. Und die feministische Botschaft, die noch dazugehört, ist natürlich die, dass man das als Frau auch alles alleine schaffen kann, ganz ohne Mann, ist doch klar. Jetzt ist Shirins erste große Doku „Barbara – Becoming Shirin David“ auf Netflix erschienen, und was genau diese Doku denn wohl beleuchten wird, werden die sehr wenigen Menschen gefragt, die neben Shirin in dem Film noch zu Wort kommen werden.

Lesen Sie auch

Ihre Mutter. Ihre Schwester. Und ihr Manager. Alle diese Befragten sind sich relativ einig darin, dass es darum gehen sollte, wie aus Barbara Schirin Davidavicius, einem Mädchen aus Litauen, das ohne Vater aufwuchs und von seiner Mutter schon früh dazu gedrängt wurde, eine harte musikalische und tänzerische Frühausbildung zu durchlaufen, der perfektionistische Superstar Shirin David wurde, erst YouTube-Star, dann Musikerin, Role Model, Geschäftsfrau und all das. Und welche Rolle Barbara da noch für Shirin David spielt. Aber darum geht es dann doch nicht. Das Versprechen hält die Doku nicht ein.

Barbara bekommt man nicht zu Gesicht. Selbst in den Momenten nicht, in denen einem das suggeriert wird, etwa in der alten Datscha der Familie, irgendwo im litauischen Hinterland, wo aber tatsächlich nicht Barbara, sondern Shirin geschminkt und zurechtgemacht vor der Kamera sitzt, die sich vorbehalten hat, die gesamte künstlerische Souveränität über den Film zu behalten. Dass die Doku entsprechend nicht zu einem privaten Einblick, sondern zu einem vermarktbaren Produkt in einer Reihe von vermarktbaren Produkten (Parfum, Eistee, CD) wird, ist nur folgerichtig, aber gar nicht mal so tragisch, wie es viele Kritiker bemängeln.

Lesen Sie auch

Denn ja, Shirin mag als Kunstfigur reine Oberfläche sein, aber weiß man doch spätestens seit der literarischen Decadence, dass es kaum eine bessere Spiegelfläche für unsere Gesellschaft gibt als eben genau diese glattpolierten Fassaden. Das Produkt Shirin David, das uns vorgeführt wird, erzählt so viel mehr, als der Mensch hinter diesem Produkt erzählen könnte. Zum Beispiel von den Mechanismen der Musik- und Kulturindustrie.

Shirin ist kein Opfer – sie ist ihre perfekte Form

Während frühere Musiker-Dokus sich eher an einer psychologischen Herangehensweise versuchten, nämlich die Grenzen zwischen Künstler und Kunstfigur auszuloten, verzichtet man hier darauf. Stattdessen steht – wie auch schon bei „Babo“, der hypererfolgreichen Haftbefehl-Doku – ein ganz anderer Aspekt im Vordergrund. Nämlich die Frage, wie der Künstler an der Industrie zerbricht, die ihn eigentlich zu dem macht, was er ist. Die „Industrie“ blieb oftmals bloß die unsichtbare Maschinerie im Hinter- oder Untergrund, jetzt wird sie zu einem zentralen Faktor der Narration. Mehr noch: Die Industrie wird im Künstler selbst sichtbar, geht in ihm sogar auf, wird sein Antrieb und seine Bruchstelle zugleich.

Lesen Sie auch

In der Haftbefehl-Doku sieht man Haftbefehls Label ein riesiges Konzert vorbereiten, während Haftbefehl selber so sehr mit seinen drogeninduzierten Dämonen ringt, dass es einem an Fantasie fehlt, wie er zeitnah wieder auf einer Bühne stehen soll, die er wiederum braucht, um das Rockstar-Leben zu führen, das er führen will. In der Shirin-Doku gibt es eine ähnliche, eine Spiegelszene. Da sieht man Shirins Manager bei der Planung der aktuellen Tour, während Shirin ihn immer wieder bittet, eine Therapeutin für sie zu finden. In der kapitalistischen Verwertungslogik sind Superstars eben auch nur Produkte, die so lange verwertbar sind, wie sie eben funktionieren, aber auch die Bruchstelle, der Makel sind verwertbar.

Lesen Sie auch

Als Barbara Schirin Davidavicius sich entschieden hat, Shirin David zu werden, hat sie sich dafür entschieden, genau diesen oberflächlich-hedonistischen Materialismus zu verkörpern. Shirin David ist kein Opfer der Industrie. Sie ist ihre perfekte Form. Die Frage, ob der Preis, den Barbara dafür zahlt, das wert ist, wird nicht beantwortet, aber sie schwingt, natürlich, permanent mit. Und diese Frage muss vermarktet werden. Am besten geht das mit Tränen.

„Barbara – Becoming Shirin David“, ab sofort auf Netflix.

Source: welt.de

(Rapper)ängerinnen (ks)Dokumentationen (ks)FeminismusHaftbefehlNetflixPopmusik (ks)S