Montag, 16. Februar, 17:22 Uhr – Empfang in der Österreichischen Botschaft
Der frühe Vogel fängt den Wurm. Das lernt man nicht nur als akkreditierter Festivalbesucher, der sich jeden Morgen um 7:30 Uhr ins Festival-Portal einloggen muss, um die begehrtesten Eintrittskarten zu ergattern – sondern auch beim Österreichischen Filmempfang. Wer nicht pünktlich um 11 Uhr in der Österreichischen Botschaft erschien, hörte von Tafelspitz und Spinatstrudel nur noch aus schwärmenden Erzählungen. So wie vom Glanz und Glamour Österreichs, mit dem es, wie man erfährt, auch eher vorbei ist. Nur noch zwei Mal im Jahr erahne man die glorreiche Vergangenheit, nämlich beim Wiener Opernball und der „Romy“-Gala, die jetzt erstmals beim Filmfestival Kitzbühel stattfand.
Trotzdem ist die Stimmung ausgelassen. Immerhin hat Österreich zwei Filme im Wettbewerb. Einmal Markus Schleinzers einhellig gelobter „Rose“ mit Sandra Hüller in der Hauptrolle, die längst als deutsches Exportgut betrachtet werden kann – schließlich spielt sie inzwischen an der Seite von Hollywood-Größen wie Ryan Gosling. Und dann noch „The Loneliest Man in Town“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Außerdem heiß erwartet: „Vier Minus Drei“ von Adrian Goiginger, der heute Abend Premiere feiert.
Beim Empfang trifft man auf Branchengrößen wie Schauspielerin Birgit Minichmayr, „Die Toten von Salzburg“-Kommissarin Patricia Aulitzky und „Breaking the Ice“-Regisseurin Clara Stern (die das Eis lange vor „Heated Rivalry“ mit einer queeren Ice-Hockey-Liebesgeschichte zum Schmelzen brachte), ebenso wie auf Politiker wie Vizekanzler und Kulturminister Andi Babler (SPÖ) und Staatssekretär Sepp Schellhorn (Neos). Letztere kündigten eine baldige Regelung der Filmfinanzierung und Streamer-Investitionspflicht an. Bei Gurktaler Alpen-Spritz und Melange, Kartoffelsalat und Topfenstrudel diskutieren die geladenen Gäste die großen Fragen: Wie gut werden die Zuschauer das neue Wiener „Tatort“-Kommissaren-Duo annehmen? Fördert der ORF die falschen Stoffe? Und welches österreichische Filmfestival hat die schönsten Berge? gold
Montag, 16. Februar, 15:50 Uhr – Alle Wege führen nach Hause
Noch nicht ganz Halbzeit auf der Berlinale, aber erste Trends zeichnen sich ab. Den Unkenrufen vorab zum Trotz – Hauptvorwurf: Mangel an großen Namen – entpuppt sich der Wettbewerb als ziemlich respektabel. „Rose“ mit Sandra Hüller als wortkarger Soldat in Drag im Dreißigjährigen Krieg kristallisiert sich als klarer Favorit heraus. Die ausführliche Kritik steht unten. Am makaberen „Rosebush Pruning“ (ebenfalls ausführlich unten besprochen) scheiden sich wie erwartet die Geister. Einige finden ihn in seinem komödiantischen Kamikazekurs von Tabubruch zu Tabubruch zu albern, andere einfach geschmacklos. Wir sind große Fans. Auch das Jazz-Biopic „Everybody Digs Bill Evans“, Ilker Cataks „Gelbe Briefe“ und besonders Alain Gomis’ psychedelisches Afrika-Epos „Dao“ kommen im Festivalgeflüster gut weg. „Dao“ ist mit rund drei Stunden einer der fetteren Brocken der vergangenen Tage. Ähnlich lang ist „We Are All Strangers“ von Anthony Chen, den ein Kollege spöttisch als „Crazy Poor Asians“ titulierte. Heute liefen Kornél Mundruczós „At the Sea“ und „The Apprentice“ von Genevieve Dulude-de Celles. Die werden es kaum unter die Favoriten schaffen, obwohl ich beide mochte.
Damit sind wir beim zweiten Trend der noch jungen Berlinale: Heimkehr im weiteren und Identitätsfindung im Kreise der eigenen, lange verlorenen Familie im engeren Sinne.
Erstaunlich, wie viele der Titel sich darunter subsumieren lassen: Sandra Hüller sehnt sich danach, in eine Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden. Bill Evans sammelt sich nach einer Krise zu Hause bei den Eltern in Baton Rouge. „Dao“ denkt mit filmischen Mitteln über Migration, Kolonialismus und Zugehörigkeit nach. „Rosebush Pruning“ wagt eine der seltsamsten Familienaufstellungen ever. Ein Mitglied dieser Familie mag schrecklicher sein als das nächste, aber sie kommen einfach nicht voneinander los – es sei denn, durch echte oder vorgetäuschte Tode. „We Are All Strangers“ malt ein Porträt des heutigen Singapur anhand der Familie eines Nudelstandbesitzers. Vordergründig passiert nicht viel, bis auf ganze Leben – Schwangerschaft, Ehe, Tod –, die sich dramaturgisch unterschwellig entspinnen, bis man völlig darin versinkt. Auch hier erkennt ein Sohn schließlich, dass er seinem Vater mehr verdankt als gedacht – und ihm ein ähnliches Schicksal beschieden ist.
„The Apprentice“ folgt einem lange verlorenen Sohn aus dem kanadischen Exil in die alte Heimat Bulgarien – vordergründig, um eine Betrügerin zu entlarven, ein angebliches Wunderkind, das malt. In Wahrheit interessiert sich auch dieser Film für die lange Reise zurück zu sich selbst.
In „At the Sea“ spielt die fantastische Amy Adams eine ruhm- und trunksüchtige Mutter, die nach einem Autounfall, der vor allem ihren kleinen Sohn gefährdet, widerstrebend und trotzig eine Phase der Selbsterkenntnis durchmacht. Nach sechs Monaten in einem südostasiatischen Rehab kehrt sie in ihr Elternhaus zurück, zu ihrem Mann, ihrem Sohn und ihrer Tochter im Teenageralter. Sie bestellt Long Island Iced Tea, nur um ihn anzustarren. Sie findet im Auto ein Kondom und denkt, ihr Mann sei fremdgegangen. Dabei ist es nur die Tochter, die sich für die fehlende Mutterliebe an x-beliebigen Männern schadlos hält. Die berühmte Tanztruppe, die den Namen der Mutter trägt, steht vor dem Aus. Der Familie geht es kaum besser – es sei denn, Amy Adams reißt sich endlich zusammen. Auch hier: Tragödien und Traumata eines ganzen Lebens finden ihre Katharsis, eher leise als laut, sich eher fein entfaltend als brutal explodierend. Die Regie des Ungarn Kornél Mundruczós ist elegant mit Tendenzen zum Edelkitsch. Vielen Szenen merkt man an, dass der Mann sonst Opern inszeniert.
In diesem Sinne: Die 76. Berlinale ist bislang ein Festival der leisen Töne. Dabei aber absolut gelungen. küv
Montag, 15. Februar, 12:00 Uhr – Wird er der neue James Bond?
In Pressekonferenzen die richtigen Fragen an Cast und Crew zu stellen, ist eine Kunst für sich. Anders als in einem persönlichen, etwa halbstündigen Interview hat man hier nur eine einzige Chance auf einen einzigen Satz. Der muss sitzen und die halbe Welt hört zu. Kein Wunder, dass sich bei der Pressekonferenz der makabren Reichen-Satire „Rosebush Pruning“ ein Journalist meldete, um den „Elefanten im Raum“ zu adressieren. An den britischen Schauspieler Callum Turner richtete er die raffiniert formulierte Frage, wie Turner mit den Gerüchten und Spekulationen umgehe, dass er der neue James Bond werde. Turner reagierte mit einer wahrscheinlich von seinen PR-Agenten vorformulierten Abwehr, wie man sie aus Schauspiel-Interviews zur Genüge kennt: „Es ist sehr früh für diese Frage. Ich werde sie nicht kommentieren.“ Stattdessen schaltete sich sein Schauspielkollege Tracy Letts ein, der in „Rosebush Pruning“ seinen blinden Vater spielt. „Ich bin der nächste James Bond“, sagt der wohl schon allein wegen seiner amerikanischen Staatsbürgerschaft und seines Alters von 60 Jahren unwahrscheinliche Kandidat und lacht. gold
Sonntag, 15. Februar, 22:30 Uhr – Sandra Hüller gibt sich als Mann aus
Ja, das ist schon arg karg hier. Der Film dauert 93 Minuten, ist gefühlt aber mindestens doppelt so lang. Die Rede ist von „Rose“, der am Sonntag im Wettbewerb der Berlinale Premiere feierte – mit Sandra Hüller und einer ziemlich sensationellen Newcomerin namens Caro Braun. Die Handlung ist erstens angesiedelt im 17. Jahrhundert, irgendwann während des Dreißigjährigen Krieges, und zweitens schnell erzählt: Eine Frau gibt sich als Mann aus, weil es ihr mehr Freiheit versprach, in die Hosen statt in den Rock zu schlüpfen. Sie wird Soldat, im geheimen Drag. Schon befohlene Vergewaltigungen am Feind verrichtet sie mithilfe eigens angefertigter Strap-ons, wie man heute sagen würde. Damals nannte sie man sie offenbar „Horn“ und „Sporn“, so jedenfalls ein Gerichtsdiener beim Prozess, der ihr schließlich gemacht wird. Der geht natürlich nicht gut aus. Sie darf noch das ebenfalls gewaltsam gemachte Kind entbinden. Dann geht’s aufs Schafott. Der erste Streich des Henkers reißt ihr die Schulter auf, der zweite „gelingt besser“, wie es lakonisch heißt.
Zwischen diesen Stationen, die man nicht sieht, dem Soldatenleben und der Hinrichtung, entspinnt sich der Film. Rose „kehrt zurück“ in ein entlegenes Dorf, wo sie einen in der Zwischenzeit verfallenen Hof „erbt“. Das ist natürlich alles geflunkert, die Identität und Dokumente hat sie von einem gefallenen Freund. Die Dorfbewohner glauben ihr erst einmal, auch wegen ihres zerschossenen Gesichts.
Alles gelingt ihr, der harte Wiederaufbau des Hofs und der noch härtere Aufbau von Respekt in der Gemeinschaft. Sie heiratet sogar. Die Frau (gespielt von der erwähnten, sensationell debütierenden Caro Braun) erwartet kurz darauf ein Kind. Eine Erzählerstimme kommentiert das alles in altertümlicher Eleganz, sozusagen ohne eine akustische Miene zu verziehen. „Rose erschien das mysteriös“ oder so in der Art.
Das alles geht sehr gut zusammen, in formaler Strenge und Schwarz-Weiß. Nix zum Bingen, nix für die Nebenbei-am-Handy-Fraktion. Also die Zeit hätte man schon, dafür werden sehr viele Karren aus dem Dreck gezogen und Schafe in den Stall getrieben. Aber wer sich nicht auf die zähflüssige Zeit einlässt, die „Rose“ braucht, um seinen eigentümlichen Sog zu entfalten, der muss gar nicht anfangen.
Der österreichische Regisseur Markus Schleinzer und sein Co-Autor Alexander Brom haben akribisch ähnliche Frauenschicksale aus jener Zeit recherchiert und zu einer archetypischen Erzählung zusammengefügt. Anstrengend? Schon. Macht aber nichts. Einige Bilder bleiben, das reduziert-expressive Spiel von Hüller und ihrer jungen Kollegin ist fantastisch. Und Originalitätspunkte bekommt diese ungewöhnliche Emanzipationsgeschichte auch. küv
Sonntag, 15. Februar, 18:46 Uhr – „Nightborn“, der hoffentlich letzte Film über Mutterschaftsdepression
Natürlich ist es eine gute Prämisse. Natürlich macht diese Mischung aus Horror und Komödie Spaß. Und natürlich ist das Thema wichtig. Aber langsam reicht’s. Nach „Nightbitch“, „Die, My Love“ und bei der vergangenen Berlinale „Mother’s Baby“ und „If I had legs, I’d kick you“, haben wir langsam genug unheimliche „Rosemary’s Baby“-Aktualisierungen gesehen. Und haben verstanden: Mutterschaft ist der Horror. Babys sind Monster. Und Familie ist – Überraschung – kompliziert.
Aber na gut, wäre Qualität das wichtigste Kriterium für die Qualität eines Films, gäbe es vermutlich schon seit Jahrzehnten keine Neuerscheinungen mehr. Erlauben wir es uns also, die finnische Horrorkomödie „Nightborn“ (im Original „Yön Lapsi“) von Hanna Bergholm unabhängig von der Ungeheuer-Geburts-Idee zu beurteilen: Die schauspielerischen Leistungen von Seidi Haarla als Mutter Saga und „Harry Potter“-Ron Rupert Grint als Vater Jon sind mehr als solide. Die Dialoge und Bodyhorror-Szenen samt blutiger Geburt, blutigen Still-Brustwarzen und blutiger Babynahrung rufen mehrfach hörbare Lacher ebenso wie angenehm angespanntes Gruseln im Saal hervor. Das verfallene Haus in der finnischen Wildnis, in das das Ehepaar einzieht, um dort – so der fromme Wunsch – drei Kinder zu bekommen und großzuziehen, scheint von bösen, nicht unansehnlichen Naturgeistern heimgesucht. Und bald nährt sich in Saga ein grauenhafter Verdacht, den sie kein einziges Mal auszusprechen wagt, was aber auch gar nicht nötig ist, so offensichtlich sind die Hinweise gestreut: Ihr Baby ist ein Teufel.
Man schaut der Eskalation des fast kammerspielartigen Geschehens gerne zu, auch wenn für jeden, der sich schon einmal mit postnataler Depression beschäftigt hat, und sei es nur auf der Leinwand, kaum etwas Überraschendes dazuzulernen ist. Man weiß das mit dem Fremdeln mit dem eigenen Kind, mit der Wut auf den Ehemann, mit dem Ekel vor dem eigenen Körper, mit dem Verrücktwerden, den Wahnzuständen und den animalischen Trieben. So hilf- und einfallslos wie Saga mit ihrem Neugeborenen wirkt auch Regisseurin Bergholm zuweilen mit ihrem Stoff, den sie auch stilistisch nicht zum Fliegen zu bringen vermag. „Mother’s Baby“ der Österreicherin Johanna Moder hatte im vergangenen Jahr wenigstens den genialen Einfall, das Monsterkind nicht dauerhaft schreien zu lassen. Sondern das Unheil ausgerechnet in der Stille zu verorten. gold
Sonntag, 15. Februar, 11:20 Uhr – Pamela Anderson im Foltergarten der Reichen
„Sei du selbst, folge deinem Traum, es ist nie zu spät. Für mich ist dieses Kapitel eine tolle Erfahrung. Gute Arbeit, harte Arbeit bringt auch was.“ So weit Pamela Anderson auf dem Roten Teppich der Premiere von „Rosebush Pruning“, also etwa „Rosenbuschstutzen“, was auf Deutsch etwas seltsam klingt und fast als Zungenbrecher durchgeht.
Wer den Film gesehen hat, kann Andersons Hard-Work-Ethos nur noch ironisch finden. Für die Verhältnisse der diesjährigen Berlinale ist er auffällig starbesetzt: Neben Anderson spielen der Dua-Lipa-Boyfriend und selbsterklärte nächste Bond Callum Turner, Jamie Bell, die Elvis-Enkelin Riley Keough und Elle Fanning. Sie sind Mutter beziehungsweise Kinder der womöglich wohlstandsverwahrlosesten Familie der Filmgeschichte. Die hängt den lieben langen Tag faulenzend in einer Mega-Villa in anonymen spanischen Bergen ab, mit mechanischen eisernen Rehen in der opulenten Einfahrt. Ihre Mitglieder interessieren sich ausschließlich für Musik, Mode und sexuelle Perversionen, darunter Inzest, Gelüste nach Menstruationsblut und Sado-Masochismus bis hin zu Mordfantasien. Die werden alle umgesetzt in Szenen, die in einer Art makaberen Überbietungsorgie um die kinkieste Grausamkeit wetteifern. Man könnte sagen, „Rosebush Pruning“ nimmt den Trend zur Eat-the-Rich-Satire à la „Triangle of Sadness“ und „White Lotus“ und treibt ihn auf die surrealistische Spitze. Selbst Buñuel stünde die Schamesröte im Gesicht.
Ein paar Kostproben: Anna (Riley Keough) bestellt beim Metzger ganze Lämmer, um sie in den umliegenden Wäldern den Wölfen zum Fraß vorzuwerfen, die vor Jahren die Mutter (Anderson) bei lebendigem Leibe verschlungen haben. Sie erklärt ihrem Bruder Jack (Jamie Bell) lasziv, der Metzger habe sie „ficken“ wollen, worauf der Bruder gierig die Finger ins frisch geschlachtete Lammfleisch steckt, um sich vampirisch daran zu laben. Der Vater (Tracy Letts) lässt sich beim Zähneputzen von seinen Söhnen oral befriedigen, wobei Zahnpasta derart effektiv zum Einsatz kommt, dass die Zähne hellweiß erstrahlen. Angeblich verdankt er seine Blindheit dem Umstand, dass seine Frau, als sie noch lebte und für die allabendliche Verrichtung zuständig war, einmal die Taschenlampe auf ihr Gebiss richtete, worauf der Patriarch für immer geblendet wurde. Ein anderer Sohn ritzt sich gern in Strapse am Unterleib, damit sein Bruder Jack, in den er verliebt ist, von seinem Blut trinke. Und so weiter und so fort. Eine nicht standesgemäße Freundin (Elle Fanning) stellt sich die Reihenfolge vor, in der die verhassten Irren zu Tode kommen. Und wie alle Fantasien hier wird natürlich auch diese wahr.
Klingt gewollt provokativ und im Dauerfeuer der Tabubrüche ermüdend? Ist es aber nicht. Die konsequente Traumlogik bei gleichzeitigem ästhetischen Realismus bleibt faszinierend. Dass jede Wendung den schlimmstmöglichen Ausgang nimmt, ist seit den Alten Griechen ein bewährtes dramaturgisches Konzept. Regie führte Karim Aïnouz, das Buch schrieb Efthimis Filippou, ein alter Bekannter aus der griechischen „Weird Wave“ – für Yorgos Lanthimos schrieb er schon „Dogtooth“, „The Lobster“ und weitere Filme. Insofern kann man gar nicht sagen, „Rosebush Pruning“ wäre sein radikalstes Projekt bislang; die anderen waren auch sehr, sehr krass.
Ein Film, an dem sich garantiert die Geister scheiden. Für uns ein Spitzenanwärter auf die Bären. küv
Sonntag, 15. Februar, 10:22 Uhr – Der große Privilegienverlust: „Dust“ und „Rosebush Pruning“
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, einen Film auszuwählen. Man kann nach Regisseur oder nach Schauspielern oder nach Titel oder nach Thema entscheiden. Die Berlinale-Programmorganisation hat sich zusätzlich überlegt, es den Festivalbesuchern noch einfacher zu machen, indem sie ihre Filme mit Tags versieht. Beim belgischen Wettbewerbsfilm „Dust“ von Anke Blondé etwa heißt der einzige Tag „queer“, bei der ebenfalls im Wettbewerb laufenden transgressiven Reichen-Satire „Rosebush Pruning“ von Karim Aïnouz ebenfalls, wobei da außerdem noch „Familie ist kompliziert“ steht. Für beide müsste man eigentlich noch den Tag „Privilegien gehen verloren“ erfinden. Das mit den Privilegien und ihrem plötzlichen oder allmählichen Verschwinden ist ohnehin so ein Thema, das die Filmwelt gerade umtreibt. Was wohl daran liegt, dass die Branche selbst mit dem ein oder anderen Einflussverlust zu kämpfen hat. Selbst Filmkritiker können mitfühlen, etwa wenn sie beim Empfang des Verbands Deutscher Bühnen- und Medienverlage an der Tür abgewiesen werden.
Wie die einst Mächtigen damit umgehen, dass ihnen ihre Macht abhandenkommt, beantworten „Rosebush Pruning“ und „Dust“ mit ganz unterschiedlichen Perspektiven. „Rosebush Pruning“, eine absurd-grandiose Mischung aus „Dogtooth“ und „Saltburn“, imaginiert eine Rachefantasie, die alle Familienmitglieder nacheinander auszulöschen trachtet – ohne dabei auf sexuell-inzestuöse Grenzüberschreitungen zu verzichten (ausführliche Kritik folgt gleich).
„Dust“ hingegen liefert nur auf den ersten Blick die harmlose Variante des Untergangs. Das zurückhaltende Drama handelt von zwei belgischen Unternehmern, die in den 90er-Jahren aufgrund eines aufgedeckten Betrugs drauf und dran sind, alles zu verlieren. Wie die Kamera in ruhigen, eleganten Bildern ihren Sturz einfängt, auf metaphorischer und konkreter Ebene, ist großes Kino. Da stört es dann gar nicht so sehr, dass die Handlung überwiegend spannungslos vor sich dahin plätschert. Zu gerne schaut man Luc (Jan Hammenecker) und Geert (Arieh Worthalter) dabei zu, wie sie immer wieder hinfallen. In ein Blumenbeet, in eine Kuhweide, einen Hang hinunter. Und sich immer wieder aufraffen. Oder eben liegen bleiben, eng aneinander geklammert, in einer Geste des solidarischen Trostes. Immerhin haben sie noch einander.
Zugegeben, einige Szenen wirken wie eine Persiflage auf Festivalfilme – handlungsarm, aber Bedeutsamkeit vorheuchelnd, liegt da ein Mann im Schlamm, schaut Richtung Horizont und meditiert mit Blick auf grasende Kühe. Zwischendurch gibt es Telefonsex, Poolflirts und feuchte Autoküsse. Aber trotz allem zieht einen die Kamera unaufhörlich mit hinein in diesen Abgrund, der nie ganz ohne Hoffnung oder zumindest resilienten Überlebenswillen auskommt.
Ob sich die Berlinale traut, ein schon jetzt die Kritik spaltendes Meisterwerk wie „Rosebush Pruning“ auszuzeichnen, bleibt zu bezweifeln. Dem Bedeutungs-, Macht- und Privilegienverlust des Kinos könnte eine solch mutige Preisentscheidung jedoch entgegenwirken. gold
Sonntag, 15. Februar, 9:00 Uhr – Die Festivalleitung sucht den Befreiungsschlag
Am Sonntagmorgen ist in der Hauptstadt die Sonne herausgekommen. Der Himmel erstrahlt in einem unschuldigen Blau. Nur die Berlinale findet sich in einem Tiefdruckgebiet. „In den ersten 48 Stunden des diesjährigen Festivals ist ein medialer Sturm über die Berlinale hereingebrochen“, heißt es in einem Statement der Festivalleitung. Daher sei es „uns wichtig, dazu Stellung zu beziehen – zum Schutz unserer Filmschaffenden und insbesondere unserer Jury und unseres Jurypräsidenten“.
Berlinale-Chefin Tricia Tuttle meint damit die schlechte Angewohnheit gewisser Leute – man könnte fast von einem Tick sprechen –, auf jeder einzelnen Pressekonferenz politische Haltungsnoten zu verteilen. Wer den vermeintlichen „Genozid in Gaza“ nicht ausdrücklich verurteilt, kriegt eins mit dem Social-Media-Knüppel übergezogen. Weil aber Filmschaffende meist freundliche und intelligente Leute sind, neigen sie dazu, keine radikalen Positionen zu beziehen. Das gefällt der Nervensäge Tilo Jung nicht – die in dem Berlinale-Statement nicht genannt wird, aber gemeint ist. Beziehungsweise auch nicht gemeint, denn der Krawalljournalist fungiert ja nur als Katalysator eines algorithmisch vielfach verstärkten Getöses, das bis nach Indien reicht, wo die Schriftstellerin Arundhati Roy lieber zu Hause bleibt, als auf einer vermeintlich israelfreundlichen Berlinale aufzutreten.
Tuttle will durch ihr Statement die Luft rausnehmen: „Zunehmend wird von Filmschaffenden im Festival erwartet, jede an sie gerichtete Frage zu beantworten“, schreibt sie. Ganz gleich, wie sie reagierten – sie gerieten ins Kreuzfeuer. Entweder weil sie schwiegen – oder weil sie sprächen. Oder weil ihre Antworten missfielen, nicht eindeutig genug seien, nicht gefällig genug, weil „komplexe Gedanken nicht in einen kurzen Soundbite“ passten.
Amen. küv
Samstag, 14. Februar, 17:00 Uhr – Charli xcx raucht eine Million Zigaretten
Charli xcx ist in Berlin aufgeschlagen, trotz diverser Streiks (zum Beispiel im Berlinale-Kino Cubix am Alexanderplatz) und Bauarbeiten (zum Beispiel ist die kritische S-Bahn-Linie 1, der zentrale Zubringer zum Potsdamer Platz, das ganze Eröffnungswochenende gesperrt). Dit is Balin! Wo Dysfunktionalität gleichbedeutend mit Höflichkeit ist. Träfe man auf eine Stadt, die einem das Leben nicht möglichst schwer machte, müsste man das wahrscheinlich persönlich nehmen.
Sie wissen schon, wer Charli xcx ist, oder nicht? Wir sind uns ehrlich gesagt auch nicht sicher. Ein Mega-Popstar der Gen Z, sehr authentisch, sehr fake, alles gleichzeitig, wie das im Moment so sein muss. Neuerdings ist sie auch Schauspielerin, aktuell in ihrem Film „The Moment“ über einen Popstar namens Charli xcx, der mehr oder weniger (eher mehr) mit der echten identisch ist. Aber weil sich alle einen Hauch überlebenskrass karikieren und Alexander Skarsgård mitspielt, firmiert das Ganze als musikalische Mockumentary in Tradition von „Spinal Tap“, also als Realsatire.
Auf der Pressekonferenz zum Film, der hier außer Konkurrenz läuft, hielt sich Charli mit sensationellen Äußerungen zurück. Hauptsächlich sagte sie, es stimme, dass sie wie die hyperaktive, dauergenervte Protagonistin „Millionen Zigaretten“ raucht. Und garantiert nimmt sie nur Lines, die nicht wegen Bauarbeiten gesperrt sein können. Eine ausführliche, manche sagen: zu ausführliche Besprechung von „The Moment“ finden Sie hier. küv
Samstag, 14. Februar, 14:30 Uhr – „Allegro Pastell“
Es war einer dieser Romane, der als unverfilmbar galt. Weil fast alles im Kopf der Figuren stattfindet und sich die äußere Handlung im Badminton-Spielen, Tee-Trinken und Drogen-Nehmen erschöpft. Und gleichzeitig war es einer dieser Romane, den man unbedingt verfilmen musste. Denn „Allegro Pastell“ von Leif Randt, das war „Germany’s Next Love Story“, der exemplarische Roman über Fernbeziehungen und Beziehungen überhaupt im 21. Jahrhundert, der Roman über Berlin und über die Generation Y, der über das selbstreflektierte Individuum, das gar keine Fallhöhe kennt, weil es das Scheitern in der Liebe immer schon mitdenkt. Die „Zeit“ bezeichnete ihn als „eines der wichtigsten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur seit Christian Krachts ‚Faserland‘“. Der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler wollte in dem „Kalkülroman zum guten Leben“ eine neue Phase der „postironischen new sincerity“ erkennen.
Und nun? Kann der Film, was der Roman kann? Es war jedenfalls eine gute Idee, Leif Randt das Drehbuch selbst schreiben zu lassen. Seine Geschichte über Tanja (Sylvaine Faligant) und Jerome (Jannis Niewöhner), die ihre frische Liebe um jeden Preis konservieren wollen, die sich romantische Mails schicken und hingebungsvolle Worte austauschen, bis Tanja dann plötzlich doch nicht mehr will. Weil sie und Jerome schon alles erlebt haben, was man in der Liebe erleben kann, und es von da an nur noch bergab geht? Oder weil sie Angst vor der neuen ernsten Richtung bekommt, die ihre Beziehung jetzt einzuschlagen droht? Dann nämlich, als Jerome ihr eine selbst designte Website zum Geburtstag schenkt. Was in anderen Städten vielleicht der Heiratsantrag gewesen wäre – also jener Moment, in dem man kalte Füße bekommt – ist in Berlin, diese akkurate Beobachtung muss man Randt lassen, das Webseiten-Designen für den Herzensmenschen, das dann vielleicht doch einen Schritt zu weit geht, einen Einengungsversuch zu viel darstellt.
„Allegro Pastell“, diese von Regisseurin Anna Roller elegant eingefangene Zeitgeistdiagnose, eignet sich zum Hate- und Rage-Watchen (was für komplizierte, selbstdestruktiv-privilegierte Großstadthipster!) genauso wie zur Bestätigung eines unheimlichen Verdachts: heute, wo der Liebe keine äußeren Grenzen wie in „Romeo und Julia“ oder „Sturmhöhe“ mehr gesetzt sind, vermögen es die Liebenden schon ganz von selbst, sich das Leben schwer zu machen. gold
Samstag, 14. Februar, 9:00 Uhr – Gretchen in Gaza
Der blecherne Bär für die größte Nervensäge der Berlinale geht dieses Jahr an Tilo Jung. Der Journalistendarsteller mit angeschlossenem Youtube-Kanal hält jedem, der nicht weglaufen kann, weil er festgetackert auf dem Pressekonferenz-Stuhl sitzt, sein Mikro vor die Nase und sagt: „Na, wie hältst du’s mit Gaza? Geht da nicht ein schlümmer Genozid ab? Wir können ihn zwar nicht verhindern, aber dafür ganz viel virtue signalling betreiben, damit jeder mitkriegt, was für gute Menschen wir sind. Wir nennen das einfach ‚die Bundesregierung unter Druck setzen‘“ – und so weiter und so fort. Warum hat der Mann eigentlich noch keine W1-Professur für Gratismut?
Nachdem Jung erst Wim Wenders – wir berichteten – zu einigen Lavierungen trieb, in denen dieser wolkig über den Unterschied von Kunst und Politik extemporierte, war es anderntags Neil Patrick Harris („Dexter“), der sich bei Jungs in gebrochenem Englisch vorgebrachter Frage um Kopf und Kragen schwadronierte.
Erstmal ist selbstverständlich mindestens strittig, ob man die Wörter Gaza und Genozid in einem Atemzug gebrauchen sollte. Jung hält es für selbstverständlich, oder er tut so. Wir hier im Team der stabilen Zionisten sehen das bekanntlich anders und halten die schiere Idee für den Gipfel verblödeter Absurdität. Und so weiter und so fort. Das folgende Spiel ist vorhersehbar und langweilig. Und ja, es ist ein Spiel, keine Realität, weil nur Worthülsen fliegen, in denen Platzpatronen stecken. Es ist eine Tugendperformance, die da läuft, eine eitle Selbstdarstellerei mit dem alleinigen Ziel, vor der Social-Media-Followerhaft zu renommieren. (Man denke sich Tilo Jung an dieser Stelle in der Rolle von Erich Kästners Peter in „Die Sache mit den Klößen“.) Und das funktioniert ganz gut, wenn man sich Jungs X- und Insta-Accounts anschaut.
Warum sich nicht lieber den Flug sparen und dabei eine viel größere Welle machen?
Leider gab es dann doch ein paar Weiterungen in der Realität, wenn auch nur in deren symbolischen Teil. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy hat offenbar Jungs Youtube-Kanal abonniert – oder die von sensationslüsternen Algorithmen verbreiteten Unsinnsdialoge irgendwo anders aufgeschnappt. Jedenfalls hat sie medienwirksam ihre Festivalteilnahme abgesagt. Sie verpasst einen irre wichtigen Auftritt: Im Klassikerprogramm wird ein Fernsehfilm von 1989 gezeigt, für den Roy einst das Drehbuch schrieb. Zu diesem Anlass hätte sie ein paar Worte sagen sollen. Da dachte sie sich womöglich: Warum sich nicht lieber den Flug sparen und dabei eine viel größere Welle machen?
Schluss mit dem Sarkasmus: Es mag ja sein, dass Roy wirklich glaubt, was sie sagt, nämlich dass die Aussagen von Wenders und seiner polnischen Mitjurorin Ewa Puszczyńska „unerhört“ gewesen seien, obwohl sie doch nur die Freiheit von Kunst (und von Kunstjurys) verteidigten. Wer aber sage, Kunst solle nicht in erster Linie politisch sein, schrieb Roy in ihrer Stellungnahme, unterbinde „eine Diskussion über ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, obwohl es sich gerade in Echtzeit vor unseren Augen abspielt – in einer Zeit, in der Künstler, Schriftsteller und Filmemacher alles in ihrer Macht Stehende tun sollten, um es zu stoppen“.
Ja, wie gesagt. So richtig viel tun können sie wohl erstens nicht. Aber darüber kann man streiten. Worüber man nicht streiten kann, ist, anderen Leuten die eigene Interpretation einer in vielfacher Hinsicht komplexen Situation aufzuzwingen, als ob es dazu keine zwei (oder drei, vier, fünf) Meinungen geben könnte. Und das ist die schlimme Haltung von Leuten wie Tilo Jung und Arundhati Roy. Man könnte sie, wenn man die verbale Eskalation nicht so satthätte, selbst protofaschistisch nennen.
In other news: Gestern Abend war die Premiere von Ilker Çataks „Gelbe Briefe“. Der Regisseur des gefeierten „Lehrerzimmers“ (2023) widmet sich darin einem verwandten Thema zum oben skizzierten: dem heraufdämmernden Faschismus in der Türkei. Ein Künstler- und Intellektuellenpaar wird zusehends drangsaliert und verliert schließlich, per titelgebende „Gelbe Briefe“, seine Jobs. Dann wird alles haariger, fest geglaubte Überzeugungen stehen plötzlich zur Disposition – weil das Geld fehlt. Es geht ein paar Mal hin und her: Wer ist der Mutigere, wer das Weichei, und am Ende, so viel kann verraten werden, geht es für die Familie, die auch noch eine naseweise Teenagertochter hat, nicht gut aus. Eine Art „Die Welle“ in Intellektuellenkreisen, im Theater und an der Universität, ein Crashkurs und insofern natürlich eine Warnung in: „Wie werde ich zum Faschisten?“
Gedreht wurde aus nachvollziehbaren Gründen nicht in der Türkei, sondern in Berlin, das Ankara spielt, und in Hamburg, das für Istanbul herhalten muss. Die Hauptdarstellerin (Özgü Namal) war sehr gut, die Handlung sehr vorhersehbar und der Film insgesamt zu lang. Auf alle Fälle passt „Gelbe Briefe“ aber wie die Faust aufs Auge zu der leidigen Diskussion um „Positionierung zu Gaza“: Der Film interessiert sich weniger für wohlfeile moralische Urteile, als dass er untersucht, was ein unmenschlicher Druck mit dem Menschen in seiner sozialen Umgebung macht. Insofern fand Tilo Jung den Film zwar bestimmt doof, aber wir sagen mit Wim Wenders: Daumen rauf, ist eben Kunst. küv
Freitag, 13. Februar, 23:59 Uhr – Drehbuchautoren als Freiheitskämpfer
Weiter geht’s zur Verleihung des deutschen Drehbuchpreises. Also derjenigen Disziplin, die für die Freiheit kämpft, so Kulturstaatsminister Wolfram Weimer in seiner Rede. Weimer lobt die Story Tellers, die auch Liberty Tellers seien. Und zwar nicht unbedingt, indem sie direkt von Regimen wie Russland, Venezuela, Nordkorea oder insbesondere dem Iran erzählen müssten, in dessen Farben das Brandenburger Tor heute leuchte, um sich gegen die dort momentan stattfindende Hinrichtungswelle zu positionieren. Sondern, indem Drehbuchautoren ein Wahrnehmungsfeld eröffneten und zeigten, dass es immer viele Wahrheiten gebe.
Die von ihm beschlossene Filmförderreform bezeichnet Weimer als „politischen Durchbruch und wichtigen Schritt nach vorn für die gesamte Branche“, die sieben magere Jahre hinter sich habe. „Wir können erwarten, dass es mit dem deutschen Film aufwärtsgeht“, verspricht er hoffnungsvoll.
Dann öffnet der Kulturstaatsminister den goldenen Umschlag, in dem steht, wer der Gewinner der Lola in Gold für das beste unverfilmte Drehbuch 2026 ist. Der Preis ist mit 30.000 Euro dotiert. Lena Liberta setzt sich mit ihrem Wendedrama „Auf einmal drüben“ über eine Musterschülerin, die nach dem Mauerfall in tiefe Orientierungslosigkeit verfällt, weil sich ihr geliebter Pionierchor auflöst, gegen die Konkurrenz durch. Mitnominiert waren ähnlich zeitgeistige Stoffe: David Ungureits und Markus Dietrichs Coming-of-Age-Komödie „Im zweiten Stern von rechts“ über ein 12-jähriges Alien mit Transidentät sowie Claudia Schaefers Horror-Thriller „Kaschiert“ über Femizide, Stalker und die „Zumutungen toxischer Männlichkeit“.
Launig führt das Moderatorenduo durch den Abend, erzählt vom Geräusch des „leisen Weinens“, das man aus dem Arbeitszimmer geplagter Drehbuchautoren höre, deren Schicksal es sei, geghostet, gegaslightet und bestohlen zu werden. „Aufgeben hat etwas Befreiendes – man darf nur nicht auf Social Media oder sein Konto schauen“, heißt es da. Und dann: „Als Drehbuchautorin gibt man nicht auf, man wartet nur auf Rückmeldung“.
Später fließt der Wein – in Kaviar habe man dieses Jahr nicht investiert, der anwesende Staatsminister solle sehen, dass sein Geld allein in Filme gesteckt werde –, und dann die Tränen, und zwar die der Freude, denn das Drehbuchgewerbe hat zusätzlich zur Investitionspflicht noch einen weiteren Sieg zu verbuchen: Zum ersten Mal nennt die Berlinale dieses Jahr in ihren Ankündigungen Drehbuchautoren an gleicher Stelle mit Regisseuren. gold
Freitag, 13. Februar, 16:00 Uhr – Ein Junkie und Jazz-Heroe
Ein Film über Jazz sollte doch eigentlich swingen, oder? „Everybody Digs Bill Evans“, der im Wettbewerb um den Goldenen Bären läuft, verweigert sich. Aber das hat er mit seinem Protagonisten gemeinsam, dem genialen Pianisten, der ab Ende der 50er-Jahre New Yorks Szene aufmischte. In stimmungsvollem Schwarz-Weiß, krisselig und knisternd wie eine alte Schallplatte, konzentriert sich Regisseur Grant Gee auf die Pausen zwischen den Noten. So hört man – nach der schönen Eingangsszene eines Abends im Village Vanguard, der zu einer legendären Einspielung führte – auch nicht besonders viel Originalmusik.
Dazu kommt, dass Evans (gespielt vom Norweger und ausgebildeten Jazzpianisten Anders Danielsen Lie) arg mit den Worten geizt. Mehr als ein gelegentliches „Sure“, „Thank you“ oder „You think?“ kommt ihm nicht über die Lippen. „Weißt du, was du mit deinem Bruder gemeinsam hast?“, fragt ihn seine Schwägerin. „Man kann euch beide einfach nicht entziffern.“ Der Mann darf Mysterium bleiben, bis zum Schluss, wo er sich dann doch erklärt: Um auf seinem Niveau Musik zu machen, müsse man absolute Präsenz erreichen, die wahre Existenz im Augenblick. Dazu sei es nötig, „außerhalb des Lebens“ zu stehen.
Klingt ganz gut, aber man fragt sich, ob das wirklich stimmt oder nicht nur eine Ausrede ist. Sein Phlegma, emotional mindestens so groß wie in seinem Sprechen und Handeln, macht seinen Mitmenschen schwer zu schaffen. Er ist nicht direkt schuld am Selbstmord seines Bruders Harry, der lange viel vernünftiger wirkte als der Heroin-Junkie Bill – aber immerhin war Harry auch lange der bessere Klavierspieler, bis Bill sich beim Golfen die Hand brach, wochenlang dem Bruder beim Üben zusah, sich schließlich ans Klavier setzte und ihn um Längen übertraf. „Es war ein Wunder“, sagt seine Mutter, ohne dass sie sich darüber besonders zu freuen scheint. „Es war, als hättest du alles in dich aufgesogen.“ Harry verkraftete es nie, dass sich sein Bruder in unerreichbare musikalische Höhen aufschwang, während er selbst sich mit einer Laufbahn als Musiklehrer begnügen musste. Eine Veranlagung zur Schizophrenie und Depression tut das Übrige.
Auch den Selbstmord seiner langjährigen Freundin Ellaine (zart und präzise: Valene Kane) hat Bill Evans indirekt auf dem Gewissen. „Wir sind Zwillinge“, haucht sie einmal. Da liegen die beiden nackt im Bett. Sie waren eigentlich clean, nach Wochen bei ihren jeweiligen Familien in der Provinz, aber kaum zurück in New York, setzen sie sich den nächsten Schuss. Evans hört ihren Satz nicht mehr und auch nicht das folgende: „Und darum werde ich dich nie verlassen.“ Sie überleben das H, aber nicht Evans’ unerfüllten Kinderwunsch, für den er sich eine Surrogatfreundin besorgt. Ellaine kann so nicht weiterleben.
Ganz am Anfang, direkt nach den Aufnahmen im Sommer 1961, die zu den beiden epochalen Alben „Sunday at the Village Vanguard“ und „Waltz for Debby“ geführt haben, ist schon Evans’ Bassist Scott LaFaro bei einem Autounfall ums Leben gekommen, sein „musikalischer Seelenverwandter“. Dieser Tod löst den langen Rückzug aus, der Evans nach Florida bringt, wo seine Eltern, die auch nicht gerade eine ideale Ehe führen, ihr Middle-Class-Rentnerdasein, na ja: genießen. Weil er zu viel rede, sei die Mutter seiner überdrüssig, meint der Vater. Im Suff, dem er sich so gern hingibt wie sein Sohn Harry, bricht die Wahrheit aus ihm heraus: Er sei in seiner Jugend ein paar Mal zu oft fremdgegangen. Jetzt gießt er die Tomaten, obwohl er Tomaten gar nicht mag. Indes: „Sie gedeihen hier eben so gut.“
Eine Weile scheint es, als interessiere sich der Film mehr für die vage dysfunktionale Familie als für ihren berühmten Sohn. Bill Pullman als Vater und Laurie Metcalf als Mutter machen ihre Sache auch mindestens so gut wie der Hauptdarsteller. Nebenbei gelingt dem Regisseur Grant Gee so ein Porträt der Vereinigten Staaten in den Jahren vor dem Rock’n’Roll. Bislang hat sich Gee mit Musik- und Literaturdokus hervorgetan, über Radiohead, Joy Division, W. G. Sebald und Orhan Pamuk. „Everybody Digs Bill Evans“, das selbst auf einem Roman beruht, „Intermission“ von Owen Martell, ist ein mehr als respektables und immer stilsicheres Spielfilmdebüt. küv
Freitag, 13. Februar, 9:30 Uhr – Antworten sind nur die Krankheiten von Fragen
Einige Diskussionen um die Wenders-Einlassungen von der Pressekonferenz gestern: „Wir müssen uns aus der Politik heraushalten. Wenn wir Filme machen, die dezidiert politisch sind, betreten wir das Feld der Politik. Doch wir sind das Gegengewicht zur Politik. Wir müssen die Arbeit für die Menschen machen und nicht die Arbeit der Politiker.“
Jetzt wird gerätselt, ob das eine Abkehr von der Berlinale als politischem Festival sei. Mir scheint das eine aus dem Kontext gerissene Spitzfindigkeit. Wenders konterte ja schlau eine Frage nach der Positionierung der Berlinale zur Situation in Gaza. Und er hat sicher recht, dass es einem Festival, das sich der Filmkunst verschrieben hat, nicht darum gehen kann, politische Statements rauszuhauen oder sich gar auf die eine oder andere Seite zu schlagen.
Kurz könnte man sagen, die Aufgabe der Politik ist es, Antworten zu geben, während die Kunst das Privileg genießt, Fragen zu stellen. Ich erinnere mich da immer an den Satz des französischen Philosophen Maurice Blanchot: „Antworten sind nur die Krankheiten von Fragen.“ Zugegeben, das etwas salopp und hat einen Hang zur Überheblichkeit, berührt aber einen wichtigen Punkt: Auch das Fragenstellen, ohne schon eine Antwort parat zu haben, ist wichtig. Oder wie Slavoj Žižek mal so schön sagte, in der Umkehrung eines Gemeinplatzes: „Don’t just act, think!“ Handelt nicht nur, denkt nach. küv
Freitag, 13. Februar, 8:30 Uhr – Kollektive Beseeltheit
Guten Morgen! Ich muss schon sagen, der Abend gestern wirkt bei mir stark nach. Und das liegt nicht am Rosé von Brad Pitts Weingut Miraval, der traditionell beim Empfang nach der Eröffnung im Berlinale-Palast ausgeschenkt wird. Auch die vegetarischen Häppchen – angekokelter Minimais, etwas vage Kohlrabiartiges, unangemachter Salat und so weiter – waren kaum angetan, die Ekstase zu befördern.
Nein, es liegt allein an den Auftritten. Stimmt, Désirée Nosbuschs Moderation hörte sich so aalglatt weg wie ihre nach hinten gekämmte Frisur. Immerhin konnte man sie, als sie aus dem Taxi stieg, fast mit Isabella Rossellini verwechseln, und das kann nur ein gutes Zeichen sein. Die Jury sah extrem sympathisch aus, und Wim Wenders im Yohji-Yamamoto-Frack nuschelte herzallerliebst Paolo-Coelho-Weisheiten, also auch genau das Richtige für ein Publikum in zunehmender Bereitschaft, aus dem Roter-Teppich- in den Gefühligkeitsmodus zu wechseln.
Festival-Chefin Tricia Tuttle bedankte sich beim Hauptsponsor Armani für ihre Abendgarderobe, die für Banausen von einem Bademantel kaum zu unterscheiden war. Aber ehrlich, wenn man sich die Designsprache vom zweiten Hauptsponsor des Festivals, der Automarke Cupra anguckt, dann hat Armani schon gewonnen. Zudem wirkt Tuttle überall und immer extrem gescheit und angenehm uneitel, egal ob im Gespräch am Rand oder auf der Bühne bei der Eröffnung. Gute Vibes, würden Generation-Z-ler sagen, glaube ich. Aber wer weiß. Das Kino kommt in die Jahre, sagte ich ja schon gestern, und das zeigte sich auch in der Demografie des Premierenempfangs. Eher ausgeruhte Semester, viel geballte Lebenserfahrung, die Kleider eher (natürlich nur mehrheitlich) hochgeschlossen. Bloß Lars Eidinger lässt es sich auch im fünften Lebensjahrzehnt nicht nehmen, unter dem weißen Smokingjackett einfach gar nichts zu tragen. Stand ihm gut.
Der Ehrenbär für Michelle Yeoh dann ein Highlight. Schon letztes Jahr hatte die Berlinale ein gutes Händchen bei der Auswahl der Laudatoren. Es gratulierte Edward Berger Tilda Swinton mit einer tollen, leidenschaftlichen Rede. Diesmal genauso. „Anora“-Regisseur Sean Baker erinnerte sich sehr lustig an zehnfach raubkopierte Videotapes aus New Yorks Chinatown mit Yeoh-Filmen, ihren frühen Hongkong-Martial-Arts-Sachen, die er sich begeistert reingezogen habe. (Apropos, es wurde gemunkelt, Donata Wenders trage ein Kleid, zusammengehäkelt aus alten Zelluloidstreifen der Filme ihres Mannes, in der Taille „Paris, Texas“, an den Schultern „Der Himmel über Berlin“.) Dann kam Yeoh und zeichnete ihre From-Rags-to-Riches-Geschichte nach, vom malaysischen Mädchen mit schwer schuftenden Eltern bis zum internationale Grenzen einreißenden Superstar. Und es war in jedem Augenblick zu spüren, was Baker beschworen hatte: Wo diese Frau auftaucht, ändert sich die Raumtemperatur. Garantiert um ein paar Grad nach oben, meinte er. Zum biologischen Airconditioning verdrückt man sofort ein paar Tränchen.
Dann der tolle, tolle „No Good Men“, der beste Eröffnungsfilm seit Jahren. Weil: Eben gar nicht pseudofeministisch und plakativ männerfeindlich. Sondern eine aufrichtige, tief menschliche Suche nach dem richtigen Leben im falschen, das es natürlich geben muss, da irrte Adorno, denn wie sollte man sonst überhaupt ein halbwegs richtiges Leben führen? Die Grade der Falschheit da draußen unterscheiden sich natürlich erheblich, je nachdem, ob gerade Michelle Yeoh in der Nähe ist oder man das Pech hat, in Taliban-Country geboren zu sein.
Es war eine afghanische Gesellschaft zu besichtigen, in der den Männern von früh bis spät und seit Alters herbeigebracht wird, dass Frauen nichts wert sind, dass man sie herrisch wegwedeln darf und ihnen im Zweifel eine verpassen. Die Protagonistin, die auch die Autorin und Regisseurin dieses erstaunlichen Films ist, wehrt sich mit leiser Hoffnung und Beharrlichkeit. Klar hat das alles auch was Didaktisches, ein Baedeker in Geschlechterordnungen für ein westliches Publikum, das davon erst mal überhaupt keine Ahnung hat. Aber das macht ja nichts, wenn es so elegant in die Story verwoben ist wie hier. Die Figuren wunderbar ambivalent, will sagen: dreidimensional, keine hingedrechselten Plaudertäschchen für irgendeine halbgare Ideologie. Ganz groß!
Anschließend allgemeines Gewusel um die Häppchen, lange Schlange vor einem Geschmorte-Pilze-Stand, woran man schon sieht, wie es um die kulinarische Untermalung des Abends bestellt war. Aber das störte nicht weiter, zu stark war die kollektive Beseeltheit nach dieser gelungenen Eröffnung. küv
Donnerstag, 12. Februar, 21:00 Uhr – Eröffnungsfilm „No Good Men“
Der Eröffnungsfilm „No Good Men“ macht seiner Funktion, den Ton für die kommenden Tage zu setzen, alle Ehre: Shahrbanoo Sadats afghanische Frauenbefreiungsgeschichte ist ein hochpolitischer Film, passend zum politischsten der A-Filmfestivals. Gleichzeitig ist es ein Film übers Filmemachen, eine Erinnerung an die Notwendigkeit von Pressefreiheit und ein Plädoyer für Diversität hinter der Kamera, die Diversität vor der Kamera bedingt. Denn nur Naru (von Regisseurin Sadat selbst gespielt), der einzigen Kamerafrau beim wichtigsten Fernsehsender Kabuls, gelingt es, Frauen auf den Straßen Afghanistans zum Sprechen zu bringen. Ihre männlichen Kollegen stoßen gegen eine Wand des Schweigens. Thema der Straßenumfrage ist – auch terminlich äußerst passend – „Valentinstag“.
Die Erzählungen der Interviewten erschüttern: Ehemänner, die sie schlagen, betrügen, noch nie „Ich liebe dich“ zu ihnen gesagt haben. Die Frauen glauben, dass es keinen einzigen guten Mann in diesem Land gibt. Naru glaubt das auch. Doch dann intensiviert sich ihre Beziehung zu ihrem Kollegen Qodrat (Anwar Hashimi) – kann es sein, dass er der einzige gute Mann ist? Die RomCom-Anleihen dienen weder als oberflächliches Lockmittel, um durch die Hintertür politische Botschaften einzuschleusen, noch soll das politische Hintergrundgeschehen der Liebesbeziehung künstlich Tiefe verleihen. Beides geht organisch Hand in Hand, was tragikomische Szenen hervorbringt, die lange nachhallen. gold
Donnerstag, 12. Februar, 20:00 Uhr – Eröffnungs-Gala
Wenn es stimmt, dass je unspektakulärer die Reden sind, desto besser die Filme, dann ist mit einer phänomenalen Berlinale zu rechnen. Selten verlief eine Eröffnungsgala so glatt und ereignislos wie diese. Désirée Nosbusch betont in ihrer Moderation das Risiko, das viele Filmemacher auf sich nehmen, um ihre Geschichten zu erzählen. Und zitiert Jury-Präsidenten Wim Wenders: „Im Leben zählt nichts, was nicht mit Liebe und Überzeugung getan wird. Alles andere bleibt auf der Strecke und zählt nicht. Und was auch immer man ohne Liebe tut, wird nicht überleben.“ Oscar-Gewinner Sean Baker (“Anora“) wiederum lobt die Preisträgerin des Ehrenbären, die Schauspielerin und ebenfalls Oscar-Preisträgerin Michelle Yeoh, bekannt aus „Everything Everywhere All at Once“ für ihre Präsenz, wie es sie in jeder Generation nur einmal gebe. Yeoh laufe, so Baker, nicht der Relevanz hinterher, sondern die Relevanz laufe ihr hinterher. Das Gleiche kann man für die Berlinale auch hoffen. gold
Donnerstag, 12. Februar, 18:35 Uhr – Roter Teppich
Man weiß bei der Berlinale-Eröffnung nie so genau, ob man zuerst über die Outfits oder zuerst über die Plakate schreiben soll. Manchmal machen es einem die Stars auch leicht, so wie letztes Jahr Luisa Neubauer, die ihren Protest nicht auf einem Schild vor sich her, sondern direkt auf ihrem Kleid trug. „Donald & Elon & Alice & Friedrich“ stand da in schwarzer Schrift auf geisterhaftem Weiß. Und dieses Jahr? Da bleibt es außer ein paar „Free Iran“-Plakaten und einem „Und was ist mit Palästina?“-Zwischenfall während der Pressekonferenz politisch erst mal eher still. Jella Haase stolziert in Giftgrün über den roten Teppich, Caro Daur trägt Rot auf Rot, Marie Nasemann glitzert im Wet-Hair-Look, Lars Eidinger zeigt Brusthaar im weißen, tief ausgeschnittenen Blazer mit rosa Blume. Wo die internationalen Stars bleiben, fragen Sie sich? Tja, das fragen wir uns auch. gold
Donnerstag, 12. Februar, 17 Uhr – Willkommen!
So, der Spaß und wahrscheinlich auch a bisserl Leid gehen wieder los. Welcome to the Berlinale, schon die 76., was sich langsam alt anhört. Dem Kino ging es wirklich schon mal besser, es ist ebenfalls in die Jahre gekommen. Die Amerikaner frequentieren ihre Multiplexe nur noch halb so häufig wie vor der Pandemie. Dafür meldet der deutsche Film Rekorde. German Films – die offizielle Auslandsvertretung der Branche – ließ vor ein paar Tagen wissen, mehrheitlich deutsche Produktionen hätten ihre Einnahmen jenseits der Grenzen im vergangenen Jahr verdoppelt, von 116 Millionen auf knapp 250 Millionen Euro. Das lag vor allem am „Kanu des Manitu“ und „Maria“ mit Angelina Jolie als Maria Callas, eine Ko-Produktion von Komplizen Film.
Ob sich der Trend auf der Berlinale fortsetzt, immerhin dem größten Publikumsfestival der Welt? US-amerikanische Filme sind jedenfalls Mangelware. Dafür strotzt zumindest der Wettbewerb, in dem 22 Filme um den Goldenen Bären konkurrieren, vor ehrgeizigen Schwellenländern. Die Beiträge kommen im Zweifel aus Bulgarien, dem Tschad, Senegal, Guinea-Bissau, Mexiko und der Türkei. Die Regisseure muss man erst mal googeln. So muss das sein auf der Berlinale, die sich traditionell das Politische auf die Fahnen schreibt. Die größten Blockbuster des Jahres gehen schließlich schon nach Cannes und Venedig. Viel Gelegenheit zu Anti-Israel-Protesten gibt das Programm dieses Jahr nicht her, zumindest nicht auf dem Papier. Erfahrungsgemäß findet sich in Berlin aber immer ein Anlass.
Drei deutsche Filme sind im Wettbewerb: Ilker Çataks „Gelbe Briefe“, der in der Türkei spielt, Eva Trobischs „Etwas ganz Besonderes“, der dem Waschzettel zufolge von einer Gesangs-Castingshow im Thüringer Wald handelt, sowie „Meine Frau weint“ von Angela Schanelec. Da lautet die offizielle Ankündigung: „Ein gewöhnlicher Arbeitstag auf einer Baustelle. Den 40-jährigen Kranführer Thomas erreicht ein Anruf seiner Frau: Er soll sie im Krankenhaus abholen. Dort angekommen, findet er sie allein auf einer Parkbank sitzend vor. Sie weint.“ Klingt interessant, finden Sie nicht?
Aber im Ernst: Es ist jede Menge tolles Zeug zu erwarten: Channing Tatum, der es in „Josephine“ ausnahmsweise im ernsten Fach versucht. Oder Sandra Hüller in „Rose“, einem Crossdresser-Drama aus dem 17. Jahrhundert. Alle lechzen auch „Rosebush Pruning“ entgegen, mit dem selbstkolportierten neuen Bond-Darsteller Callum Turner, zudem Jamie Bell, Elle Fanning und Pamela Anderson. Außer Konkurrenz legt sich in „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ Sam Rockwell – den man wegen seines grandiosen „Ich möchte eine Thai-Frau sein“-Monologs in der letzten „White Lotus“-Staffel in bester Erinnerung hat – mit einer sinistren Künstlichen Intelligenz an. Und Popstar Charli XCX präsentiert „The Moment“ über ihr Leiden am eigenen Ruhm. Kylie Jenner spielt mit und bringt eventuell ihren Boyfriend Timothée Chalamet mit auf die Premierenparty.
Unsere rasenden Reporter – Jan Küveler (küv) und Marie-Luise Goldmann (gold) – sind jedenfalls gespannt wie zwei Flitzebögen. Wim Wenders sicher auch, der Mann sitzt als lebende Legende der Internationalen Jury vor, die über die Hauptpreise entscheidet. Im selben Boot an den Rudern: Min Bahadur Bham (Nepal), Bae Doona (Südkorea), Shivendra Singh Dungarpur (Indien), Reinaldo Marcus Green (USA), HIKARI (Japan) und Ewa Puszczyńska (Polen).
Jetzt müssen wir los, ins Kino und auf die Parties. Wir lesen uns an dieser Stelle!
Source: welt.de