Was anti-entzündliche Ernährung wirklich leistet

Stand: 05.04.2026 • 12:04 Uhr

Beeren, Omega-3, Joghurt, Hülsenfrüchte: Viele Lebensmittel gelten als entzündungshemmend. Doch was ist belegt? Experten erklären, welche Ernährung bei chronischen Entzündungen helfen kann – und wo ihre Grenzen liegen.

Von Doris Tromballa, BR

In den sozialen Medien ist sie ein Dauertrend: die sogenannte „antientzündliche Ernährung“. Mal geht es um Beeren, Kurkuma und grünes Blattgemüse, mal um den Verzicht auf Zucker, Weißmehl oder Fertigprodukte. Dahinter steckt die Idee, Entzündungsprozesse im Körper über das Essen zu bremsen oder zu verhindern.

In der Ernährungsmedizin beschäftigen sich Forschende schon seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dem Einfluss von Ernährung auf Entzündungsprozesse. In der Wissenschaft wurde die Rolle einer antientzündlichen Ernährung bisher vor allem bei chronischen Erkrankungen wie Adipositas und rheumatoider Arthritis, aber auch bei Alterungsprozessen untersucht. Aber was ist antientzündliche Ernährung überhaupt und was kann man tatsächlich durch eine Ernährungsumstellung erwarten?

Was ist eigentlich eine Entzündung?

„Nicht jede Entzündung in unserem Körper ist schlecht“, sagt Stefan Kabisch, Stoffwechselmediziner und Ernährungsforscher an der Charité Berlin. Entzündungsreaktionen gehörten zur Abwehr des Körpers und seien dazu da, „Bakterien, Pilze, andere Arten von Keimen zu identifizieren, zu vernichten und den Körper dadurch zu reinigen“.

Doch neben akuten Infektionen gibt es auch Entzündungen, die länger andauern und schädlich sind. „Fehlsteuerung des Immunsystems“, nennt sie Kabisch, zu beobachten bei Adipositas oder dem metabolischen System: Dort entstehen Entzündungen im Fettgewebe und breiten sich dann im ganzen Körper aus.

Ein weiteres Beispiel seien „Autoimmunerkrankungen, wo das Immunsystem sich nach einem Infekt nicht ordnungsgemäß abschaltet, sondern weiter im Körper herumvagabundiert und auf der Suche ist nach Strukturen, die das Immunsystem attackieren können“. Dann belasten Entzündungen den Körper, anstatt ihn zu verteidigen.

Antientzündliche Ernährung -was ist das?

Eine antientzündliche Ernährungsweise soll der Idee nach entzündungsfördernde Prozesse bremsen und günstige Stoffwechsel- und Immunreaktionen unterstützen. Allerdings: „Der Begriff ist nicht definiert. Das ist eher so ein Marketingbegriff“, kritisiert Hans Hauner, Ernährungsmediziner am TUM Klinikum München.

Das liege auch daran, weil die richtigen ernährungstherapeutischen Maßnahmen „stark vom Kontext abhängen“, erklärt Ernährungsforscher Kabisch. Welche Art Entzündung vorliegt, sei ausschlaggebend dafür, was man tatsächlich erreichen kann, wenn man die eigene Ernährung ändert.

Experte rät zu mediterraner Ernährung

Um schädliche Entzündungsprozesse im Körper gar nicht erst entstehen zu lassen, empfiehlt Ernährungsmediziner Hauner vor allem eine pflanzenbasierte Ernährung und einen reduzierten Fleisch- und Wurstkonsum.

Kabisch wird noch konkreter: „Die traditionell mediterrane Ernährung ist das am besten untersuchte und auch das von der Wirksamkeit her beste Ernährungsmuster – das einzige, das in großen Studien gezeigt hat, dass chronische Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Diabetes darunter seltener auftreten.“

Bei Adipositas könne eine Ernährung eine gute antientzündliche Wirkung entfalten, wenn sie es schafft, das entzündungsaktive Bauchfettgewebe zu reduzieren, sagt Kabisch. Das heißt: Eine Ernährung, die nicht nur die Kalorienbilanz im Blick hat, sondern auch „Nahrungskomponenten mit einbaut, von denen wir wissen, dass sie eher eine günstige Wirkung in unserem Entzündungssystem haben: die ganze Fülle der Ballaststoffe, ungesättigte Fette und die riesige Palette an Vitaminen und Pflanzenstoffen“.

Ernährungstherapeutische Ansätze

Auch bei rheumatischen Erkrankungen gebe es wirksame ernährungstherapeutische Ansätze, erklärt Gernot Keyßer, Rheumatologe am Universitätsklinikum Halle an der Saale. Die richtige Ernährung könne dazu beitragen, „dass die Erkrankung gar nicht erst ausbricht, und das ist am besten belegt für die rheumatoide Arthritis. Bei einer etablierten Erkrankung ist es sinnvoll, bestimmte Ernährungsgewohnheiten einzuhalten, weil sie dann unterstützend für die medikamentöse Therapie wirken können.“

Aber: „Man wird einen schweren Krankheitsschub nicht mit einer Ernährungsumstellung beherrschen können“, schränkt Keyßer ein.

Im Bereich der Autoimmunerkrankungen sei das Bild besonders komplex, so Stoffwechselforscher Kabisch: Das Spektrum der Erkrankungen – von Hashimoto bis Multipler Sklerose – sei so riesig, dass dort allgemeine Empfehlungen nicht mehr greifen.

In diesen Fällen rät er zu einer individuellen Ernährungsberatung durch ausgebildete Spezialisten. Doch auch, wenn man mit speziellen Nährstoffen Verbesserungen im Krankheitsbild erreichen könne, „das wird nicht dazu führen, dass die Erkrankung als solche aufhört zu existieren“.

Welche Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel helfen

Auf vielen Webseiten zur antientzündlichen Ernährung finden sich Listen, welche Lebensmittel man vermeiden und von welchen Dingen man mehr essen sollte. Oft finden sich darunter exotische Früchte oder spezielle, isolierte Stoffe.

Für den Rheumatologen Keyßer gibt es keinen Grund, teure Exoten zu kaufen: „Wir haben viel heimisches Superfood: Unsere Heidelbeeren, Johannisbeeren, Zwiebeln, Petersilie – das sind alles fantastische Nahrungsmittel“, sagt er.

Auch beim oft angepriesenen Curcumin, einem intensiv gelben Farbstoff aus der Kurkuma-Wurzel, hat Stoffwechselforscher Kabisch Bedenken: Auch wenn der Stoff in Laborexperimenten gut abgeschnitten habe, komme davon im menschlichen Körper tatsächlich nicht viel an, wenn man ihn zu sich nimmt.

„Es gibt aber auch Komponenten der Ernährung, die direkt antientzündlich wirken“, ergänzt Ernährungsmediziner Hauner, wie Omega-3-Fettsäuren, die in Seefisch oder Nüssen zu finden sind. „Obst und Gemüse in möglichst wenig verarbeiteter Form, also Rohkost“, ergänzt Rheumatologe Keyßer. Dazu fermentierte Lebensmittel wie Joghurt oder Kefir und pflanzliche Öle wie Olivenöl und Rapsöl. „Was man einschränken sollte – das ist kein Verbot, aber man sollte es einschränken – sind fette Milchprodukte und rotes Fleisch“, rät er.

Source: tagesschau.de