Warum woke Versionen von Schneewittchen und Harry Potter Schaden auftischen

Man stelle sich nur einmal vor, Harry Potter wäre gar nicht Harry Potter, der Protagonist eines der erfolgreichsten multimedialen Jugendbuch-Franchises aller Zeiten, ein sympathischer Zauberlehrling, der sich den Kräften des Bösen entgegenstellt. Man stelle sich nur einmal vor, Harry Potter wäre stattdessen ein politisches Projekt. Dann wäre Harry Potter jetzt wohl tot. Oder zumindest: verbrannt. Gerade wurde der erste Trailer zu der groß angekündigten neuen Harry-Potter-Serie vorgestellt, die Ende des Jahres auf HBO anlaufen soll, da hatte man es sich schon endgültig mit dem gesamten politischen Spektrum verscherzt.

Die Linke boykottiert das Potter-Universum schon seit 2020, als erstmals der Vorwurf aufkam, Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling vertrete transfeindliche Positionen, weil sie einen Artikel kritisierte, in dem von „Menschen, die menstruieren“ die Rede war, und sie sagte, dass für sie das Geschlecht eine biologische Grundlage habe und nicht allein durch Selbstidentifikation bestimmt werde. Für die Linke war das Häresie.

Und jetzt wütet auch noch das rechte Spektrum, denn in der neuen Serie wird eine der populärsten Figuren aus dem Potter-Universum, die tragische Figur Severus Snape, von Paapa Essiedu gespielt. Von einem Schwarzen. In den Büchern wird Snape allerdings als blass und hager beschrieben und in der Filmreihe ikonisch von Alan Rickman verkörpert. Im Internet brach ein solcher Shitstorm los, dass Essiedu massiv angefeindet wird und Morddrohungen bekommt, sodass angeblich die Sicherheitsmaßnahmen am Set verschärft werden mussten.

Das ist kein neues Phänomen. Kulturkämpfe um tradierte Figuren haben auch in der Vergangenheit immer wieder zu Verwerfungen geführt. Man denke nur an die „Ghostbusters“-Neuverfilmung (2016), in der die Hauptrollen weiblich besetzt wurden, an die Realverfilmung von „Arielle, die Meerjungfrau“ (2023), in der die Figur von der afroamerikanischen Schauspielerin Halle Bailey gespielt wurde, an „Schneewittchen“ (2025), verkörpert von Rachel Zegler, einer Schauspielerin mit kolumbianischen Wurzeln, oder an die immer wieder aufflammende Debatte um James Bond, der gerüchteweise künftig weiblich besetzt werden soll.

Warum regt das die Menschen so auf? Warum wird ausgerechnet die Besetzung von Filmrollen zu einem Brandbeschleuniger des Kulturkampfes außerhalb der politischen Bühne? Das liegt wohl in erster Linie an einem Gefühl. Dem Gefühl, dass das progressiv-linke Establishment den Konsumenten umerziehen möchte. Nicht nur soll Geschichte umgeschrieben werden, auch liebgewonnene Figuren werden dabei umgedeutet. So werden selbst fiktive Charaktere zu Stellvertretern realer gesellschaftlicher Konflikte.

Man will bekannte Figuren umbesetzen, um Repräsentation von Minderheiten zu gewährleisten, argumentiert das progressive Spektrum. Aber genau hier entsteht der Konflikt, denn es geht weniger um das Ziel selbst als um den Weg dorthin. Neue Figuren zu schaffen, würde kaum Widerstand erzeugen. Die Umdeutung bestehender Figuren hingegen wird als Eingriff in etwas wahrgenommen, das vielen längst gehört. Das Gefühl der Bevormundung entsteht, weil Veränderungen an vertrauten Figuren nicht als organische Entwicklung wahrgenommen werden, sondern als von außen verordnete Korrektur.

Man darf die Rolle nostalgischer Gefühle hier nicht unterschätzen, Nostalgie ist für Menschen ein psychologischer Anker. Sie stabilisiert Identität, indem sie die eigene Vergangenheit als sinnvolle, zusammenhängende Geschichte erfahrbar macht. Gerade in unsicheren Zeiten wirkt sie wie ein emotionales Sicherheitsnetz, das Vertrautheit, Kontrolle und Zugehörigkeit simuliert. Im Kulturkampf wird Nostalgie zur Identität verklärt, und jede Veränderung wirkt wie ein Angriff auf die eigene Vergangenheit.

Wer mit einer bestimmten Version von Figuren wie Arielle aufgewachsen ist, verteidigt nicht bloß eine Ästhetik, sondern ein Stück biografische Ordnung. Wird diese visuell oder kulturell verschoben, entsteht kein rationaler Widerspruch, sondern ein emotionaler Kontrollverlust, weil plötzlich sichtbar wird, dass selbst die vermeintlich stabilen Bilder der Kindheit verhandelbar sind. Das sorgt für die besonders heftigen Reaktionen.

Der Konflikt dreht sich um Erinnerungen

So gut man es vielleicht meint – aber ein James Bond muss keine Frau sein, und niemand braucht einen woken Harry Potter. Das wäre im Übrigen auch im Interesse der Filmemacher selbst. Viele der genannten Beispiele stießen auf massive Ablehnung und blieben hinter den Erwartungen zurück, während gleichzeitig die beteiligten Schauspieler häufig zum Ziel heftiger öffentlicher Angriffe wurden.

Der eigentliche Konflikt dreht sich nicht um Hautfarben, Geschlechter oder Rollenbilder. Er dreht sich um Besitzansprüche an Erinnerung. Und wer glaubt, man könne diese Ansprüche politisch neu verhandeln, ohne Gegenwehr zu erzeugen, hat nicht verstanden, was Popkultur für viele Menschen wirklich ist. Ein Stück biografisches Eigentum. Also: Finger weg von den alten Figuren, schafft neue, starke Charaktere, statt die Alten umzudeuten! Neue Helden braucht nicht bloß das Land, sondern auch die Popkultur. Vielleicht schaffen die es dann sogar, die bestehenden großen politischen Gräben zuzudecken.

Source: welt.de

FilmHarry PotterJoanne K.LiteraturRowlingSchneewittchen