Warum welcher Iran so andersartig ist – und weshalb dies seine Stärke ausmacht

In der muslimischen Welt spielt der Iran seit jeher eine Sonderrolle. Das hat viel mit der Erinnerung an die Weltreiche des Altertums zu tun. Und mit dem Hass auf die Sunniten. Den schnellen Regimewechsel dürfte das nicht erleichtern.

Erst die blutigen Massaker, mit denen die Führung des Iran in den vergangenen Monaten ihre Macht verteidigten, haben deutlich gemacht, dass die Islamische Republik womöglich etwas anderes ist als die Regime in muslimischen Ländern, die 2010/2011 vom Arabischen Frühling erschüttert wurden. Das erklärt sich nicht zuletzt mit der Geschichte des Landes, das zwar der Botschaft des Propheten Mohammed folgt, mit ihr aber andere Wege durch die Geschichte eingeschlagen hat. Ein Grund dafür ist sicherlich eine imperiale Vergangenheit, deren Spuren sich bis in die Gegenwart verfolgen lassen, wenn der Sohn des 1979 gestürzten Schahs Reza Pahlavi eine Führungsrolle im Kampf um die Macht reklamiert.

Die Demonstrationen, die einst die Herrschaft Reza Pahlavis begleiteten, ließen vergessen, dass der Iran im Westen über Jahrtausende hinweg als Antipode galt. Für Karl Marx‘ Feindbild von der orientalischen Despotie stand er ebenso Pate wie bei der Scheidung der Menschen in Griechen und Barbaren, die der griechische Historiker Herodot im 5. Jahrhundert v. Chr. unter dem Eindruck des Gegensatzes zwischen Hellas und dem Perserreich vornahm. Mehr noch, wenn der „Vater der Geschichtsschreibung“ den Antagonismus zwischen Orient und Okzident auf den Krieg um Troja und den Raub der Europa zurückführte, dann wurde die persische Weltmacht auch konstitutiv für das Selbstbewusstsein des Okzidents.

Doch das Bild des alten Persien ist nicht nur in das Selbstverständnis des Westens eingegangen, sondern es prägt den Iran bis heute. Nicht umsonst konnte das Land als einzige der im 7. Jahrhundert von den Arabern unterworfenen Regionen seine Sprache und Kultur bewahren. Mehr noch: Das Erbe Altpersiens wirkt bis heute in die islamische Welt.

Nicht zu Unrecht wurde Iran ein großes „Passland“. Im Westen begrenzen es die steilen Ketten des Zagros-Gebirges, im Osten die Ausläufer des Hindukusch und Wüsten, die zu den unwirtlichsten der Welt zählen. Über die Jahrtausende hinweg bestimmten Migranten seine Geschichte, die aus den Steppen nördlich des Amu Darya in die reichen Kulturlande Mesopotamiens und Indiens drängten. Meder und Perser sind nur einige von ihnen.

Sie gehören zu jenen indoeuropäisch sprechenden Einwanderern, die etwa um 1000 v. Chr. nach Iran und Indien zogen. Doch während sich mit den Neuankömmlingen auf dem Subkontinent Religion und Kastensystem des Hinduismus ausformten, fanden die Wanderer im Iran eine andere Verkündigung Gottes vor. Vermutlich zu jener Zeit predigte Zarathustra seinen Glauben an Ahura Mazda, den Gott des Guten, und seinen ewigen Kampf mit Ahreman, den Herrn des Bösen. In seinen „Hymnen“ haben sich Zarathustras Glaubenssätze bis in die Gegenwart erhalten. Und wenngleich seine Anhänger schwerer Unterdrückung ausgesetzt sind, gehört seine zutiefst ethische, im Kern einen Monotheismus begründende Lehre zu den identitätsstiftenden Traditionen des Landes.

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Denn im Namen Ahura Mazdas trat um 550 v. chr. im Südwesten Irans, in der sogenannten Persis, die Dynastie der Achämeniden auf. Schnell unterwarf sie die Meder, Babylonier, Ägypter und wurde schließlich zur Herrin der Welt.

Das Persische Weltreich war das bis dahin größte Reich der Geschichte. Und es war, der jüdische Prophet Jesaja beschreibt es eindringlich, etwas grundlegend Neues. Seine Könige herrschten nicht mehr im Namen altorientalischer Stadtgötter über andere Götter und deren Völker, sondern sie verwalteten die Welt, indem sie den Unterworfenen Glauben und Eliten ließen. Der altorientalische Titel „König der Könige“ bekam damit einen neuen Klang.

Der hohle Pomp der 2500-Jahr-Feier iranischen Kaisertums, die Schah Reza Pahlavi 1971 zelebrierte, täuscht darüber hinweg, daß die Erinnerung an die „Könige der Könige“ sich bis auf den heutigen Tag bewahrt hat – als Begriff für persische Staatlichkeit und Raum ihrer Herrschaft. Denn die Diskrepanz zwischen den geografischen und kulturellen Grenzen Irans prägte schon das Reich der Achämeniden.

Ihre Zentren Persepolis und Susa sowie die alte Mederhauptstadt Ekbatana lagen jenseits des Zagros. Die „oberen“ der Satrapien aber, in die die Achämeniden ihr Reich gliederten, umfaßten den eigentlichen Bereich iranischer Kultur. Dieser reichte von den Grenzen Indiens im Osten bis zum Syr Darya im Norden und Mesopotamien im Westen. Nicht umsonst wurde das Reich von Babylon aus regiert, bauten spätere Herrscher in Ktesiphon und Bagdad am Tigris ihre Paläste. Die „Anabasis“, der Marsch in die „oberen (hochgelegenen) Satrapien“, beschreibt seit Xenophon die Eroberungszüge westlicher Eroberer. Der berühmteste war Alexander der Große.

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Die Vorstellung, in seinem Reich hätte der Hellenismus alle übrigen Zivilisationen gleichsam überlagert, ist heute einer differenzierteren Deutung gewichen. Gerade im Osten verschmolzen griechische und iranische Traditionen. Wie sehr diese aber im Schatten Roms überdauerten, zeigte sich 250 n. Chr., als mit den Sasaniden eine persische Dynastie die Herrschaft der Parther über Iran beendete und eine neue Weltmacht errichtete.

Um sich als „Könige der Könige“ zu legitimieren, traten die Sasaniden ganz als Nachfolger der Achämeniden auf. Sie machten Ahura Mazda zu ihrem Gott, setzten die Kodifizierung seiner und ihm zugeschriebener Texte ins Werk, belebten altpersische Traditionen (oder solche, die man dafür hielt). Und sie überzogen ihre Nachbarn, vor allem Rom, mit Krieg.

Es darf als sicher gelten, daß die arabische Expansion gescheitert wäre, hätte sie im 7. Jahrhundert zwei intakte Großmächte herausgefordert und nicht zwei Reiche, die sich in einem Jahrzehnte währenden Weltkrieg, der in Asien, Afrika und Europa geführt wurde, erschöpft hatten. Während Byzanz auf die Dauer Kleinasien halten konnte, brach das Sasanidenreich vollständig zusammen.

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Doch in seiner Konkursmasse barg es Prägungen, die nachhaltig zur Identitätsfindung Irans beigetragen haben. „Iran“, das „Land der Arier“, ursprünglich ein geografischer Begriff, wurde zum fernen Bild des untergegangenen Reiches und damit zu einem Vorbild für die Eigenständigkeit Irans im Arabischen Weltreich. Zugleich wurde der Zagros zur Grenze zwischen arabischem und iranischem Idiom. Diesseits löste die Sprache des Propheten das Aramäische ab, eine andere semitische Sprache, die seit den Achämeniden in der Verwaltung des Reiches gebräuchlich gewesen war. Jenseits des Zagros aber herrschten iranische Sprache und Kultur, deren Nukleus, Zarathustras Verkündung, von den Muslimen schließlich der Status einer Buchreligion zugebilligt wurde. Zu diesen Traditionen trat eine neue: die Schia.

Die arabischen Eroberer ließen zwar die sasanidischen Verwaltungsstrukturen bestehen, errichteten aber eine andere Hürde gegenüber den Unterworfenen. Zwar waren viele Iraner, vor allem Adel und Stadtbewohner, gern bereit, sich durch Übertritt zum Islam mit den neuen Herren zu arrangieren. Aber bis zum Ende der Umayyaden-Dynastie von Damaskus 750 waren nichtarabische Gläubige den arabischen noch nicht gleichgestellt. Jene mußten sich als mawáli (Klienten) Arabern anschließen, was sie für oppositionelle Programme empfänglich machte. Eines formulierte der vierte Kalif nach Mohammeds Tod, dessen Schwiegersohn Ali. Während seiner kurzen Herrschaft stellte er die mawáli den Arabern gleich.

Die Anhänglichkeit, mit der viele Iraner dies vergalten, bekam welthistorisches Gewicht, nachdem Ali 661 ermordet und sein Sohn Hoseyn bei Kerbela im Zweistromland mit seinen Anhängern von den Soldaten der Umayyaden erschlagen worden war.

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Denn die Frage, ob die Nachfolge Mohammed durch Wahl hätte bestimmt werden dürfen, oder ob es nur seinen Blutsverwandten zugekommen wäre, die Gemeinde zu führen, spaltete die Gemeinschaft der Muslime. Die Mehrzahl folgte den Umayyaden, die den Raum absteckten, den die sunnitische Mehrheit der Muslime beherrschen sollte. Eine Minderheit aber glaubt noch heute, dass sich irgendwo auf der Welt der wahre Imam aufhält, der mit seiner Rückkehr als Mahdi die Gläubigen erlösen wird. Das ist die – in mehrere Strömungen sich verzweigende – Schia, die „Partei“ Alis. Anders als die Sunna prägte sie die Erfahrung von Leid, Unterdrückung und Märtyrertum. Ihre Zentren wurden die heiligen Stätten Kerbela und Nadschaf, wo Ali begraben liegt, im heutigen Südirak. Und der Iran. In der Schia sollte das Selbstbewusstsein seiner Kultur ein religiöses Glaubensbekenntnis finden.

Dennoch blieb der Iran lange ein mehrheitlich sunnitisches Land. Das garantierten zunächst arabische Heere, die um 750 im äußersten Nordosten, am Fergana-Tal, chinesische Invasoren abwehrten. Vor allem aber sorgte dafür das äußerst ambivalente Mittel der nunmehr in Bagdad residierenden Abbasiden-Kalifen und anderer muslimischer Dynastien, ihre Heere mit Kriegssklaven aus Zentralasien aufzufüllen. Diese zumeist türkischstämmigen Kämpfer übernahmen bald selber die Macht. Sie folgten in der Regel einem ziemlich schlichten sunnitischen Islam.

Unter ihnen erlebte das mit arabischen Buchstaben geschriebene Neupersische als Sprache des Hofes und vor allem der Literatur, Poesie und Wissenschaft eine Blüte. Höhepunkt ist das um 1000 entstandene Epos „Schahnameh“ (Königsbuch) des Ferdousi, das den Nationalisten des 20. Jahrhunderts zur Quelle iranischer Identität wurde. Schon zuvor hatten zahlreiche Übersetzungen mittelpersischer Werke ins Arabische dafür gesorgt, dass sasanidische Herrschaftstraditionen wie der göttliche Auftrag des Königs im Islam Fuß fassen konnten.

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Neben dieser persisch sprechenden Elite, die zahlreichen muslimischen Dynastien zwischen Euphrat und Indus diente, war Iran aber auch Heimat der Opposition gegen die übermächtige Sunna. Einen Nährboden fand sie in der radikalen schiitischen Sekte der Ismailiten. Ende des 11. Jahrhunderts entwickelte ein gewisser Hasan-e Sabbah das Konzept des religiösen Terrors. Nachdem er sich in den Besitz der Burg Alamut im Elburs-Gebirge gebracht hatte, sandte er seine Anhänger zu Selbstmordattentaten in die sunnitische Welt. Diese „Opferbereiten“ des „Alten vom Berge“ gingen als Assassinen (Meuchelmörder) in die Geschichtsbücher ein – mit Wirkung bis auf den heutigen Tag.

Doch nicht einmal die Assassinen konnten sich des Grauens erwehren, das im 13. Jahrhundert über Iran und die muslimische Welt kam. Die Mongolen zerstörten weite Landstriche, löschten Städte aus, deportierten die Überlebenden. Iran wurde wieder ein Land, durch das Nomaden zogen, die einer volkstümlichen Koranauslegung folgten. Aber die Ilchane, wie die mongolischen Herrscher sich nannten, taten das ihre, um die iranische Identität zu fördern. Sie machten Iran zum Zentrum ihres Reiches und waren als Landfremde bestrebt, die Erinnerung an die vorislamische Größe zu beleben, sodass „,Iran‘ als politische Idee und Reichsidee wieder auftauchte“, so die Islamwissenschaftlerin Monika Gronke.

Der letzte Baustein im Fundament iranischer Selbstfindung wurde 1501 gelegt. Damals gelangte mit den Safawiden eine Dynastie zur Herrschaft, die mit dem Titel „schahanschah“ (König der Könige) auf uralte Traditionen zurückgriff, zum anderen die eher moderate, sich auf eine Linie von zwölf Imamen zurückführende Zwölfer-Schia zur Staatsreligion erklärte. Ihr Stammvater Ismail entstammte einer der zahllosen Derwisch-Gemeinschaften, die in den unruhigen Zeiten nach dem Untergang der Mongolen einen schwärmerischen Volksislam verbreiteten. Warum Ismail schließlich zum Bahnbrecher der Schia wurde, ist unklar. Vielleicht orientierte sich sein religiöses Sendungsbewusstsein am Ideal des kommenden Mahdi.

Erst vor 500 Jahren gingen Schia und Iran also jene Verbindung ein, die noch heute charakteristisch ist. Hinzu kam, dass Iran, eingezwängt zwischen den sunnitischen Großmächten der Osmanen, Großmoguln und Usbekenchane, sich bald selbst als belagerter Hort der Partei Alis empfand.

Doch die beiden Erbteile, gelebte Schia und erinnerte antike Größe, fanden kein harmonisches Auskommen. Bis auf den letzten Schah Reza Pahlavi haben Modernisierer stets auf das Beispiel der Großkönige des Altertums verwiesen, um Iran ein Vorbild für die Zukunft aufzuzeigen. Auf der anderen Seite etablierte sich die Geistlichkeit als Hüterin der letzten schiitischen Wahrheit, dem Willen des verborgenen Imams zu folgen, bis dieser wieder die Herrschaft übernehmen werde. Anders als im sunnitischen Islam bilden die Mullahs der Schia, ähnlich der katholischen Kirche, ein Netzwerk, dessen Tragfähigkeit ein Grund für die Widerstandsfähigkeit der Iranischen Republik sein dürfte. Wer jetzt von einem schnellen Regimewechsel im Iran träumt, sollte das bedenken.

Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.

Source: welt.de

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