Sheinbaums Werk und Trumps Beitrag: Mit dem Tod von Drogenboss „El Mencho“ korrigiert die mexikanische Linksregierung die schweren Fehler ihrer gescheiterten Anti-Drogen-Politik – und geht damit ein erhebliches Risiko ein.
Überall steigen Rauchsäulen in den Himmel, Schüsse und verzweifelte Schreie hallen durch die Straßen. Banden schmeißen Brandsätze in Supermärkte, eine Frau wird gerade noch so aus dem Flammenmeer gerettet. Auch Tankstellen werden gezielt angezündet „Was passiert hier“, ruft eine Frau erschrocken angesichts der Bilder, die sie mit ansehen muss. Sie steht auf der Dachterrasse eines Luxus-Hotels in Puerto Vallarta an der Pazifikküste im Bundesstaat Jalisco im Osten Mexikos. Und erlebt mit eigenen Augen gemeinsam mit anderen kanadischen Touristen wie die gefürchteten Drogenbande „Cártel Jalisco Nueva Generación“ (CJNG) unten auf den Straßen mit blanker Gewalt auf den Tod eines der meistgesuchten Narco-Bosse der Welt reagiert. Nemesio Oseguera Cervantes, alias „El Mencho“, Kopf des CJNG auf dessen Ergreifung 15 Millionen US-Dollar ausgesetzt waren. Er wurde im Rahmen einer Polizeiaktion tödlich verletzt.
Am Abend bilden sich lange Schlangen vor Selbstbedienungsläden, Touristen aber auch Einheimische wollen sich mit Lebensmitteln eindecken, um für die nächsten Tage gewappnet zu sein. Einige der im Netz geposteten Clips sorgen für Panik, es machen Gerüchte die Runde, es seien Touristen entführt und Flughäfen attackiert worden. Auch in Guadalajara, Spielort der kommenden Fußball-WM, wo im Juni unter anderem Gastgeber Mexiko und Spanien auflaufen werden, herrscht Panik, Passagiere laufen aufgeschreckt durch die Gänge des Flughafens. Konzerte werden abgesagt, auf den Handys poppen Alarmmeldungen auf, man solle lieber zu Hause bleiben.
Die Operation gegen den gefürchteten Drogenboss „El Mencho“ bedeutet einen Kurswechsel der mexikanischen Regierung im Kampf gegen die Narco-Mafia. Die linkspopulistische Regierung unter Andres Manuel Lopez Obrador (2018 – 2024) – genannt AMLO – hatte einen Kuschelkurs gegenüber den Banden gefahren, der das Motto „Umarmungen statt Schüsse“ trug. Nun fallen unter seiner Nachfolgerin Claudia Sheinbaum eben diese Schüsse – und mit ihnen die ersten Drogenbosse.
Jüngst hatte sich Sheinbaum noch vehement gegen „eine Rückkehr zum Krieg gegen die Drogen“ ausgesprochen. Dies sei keine Option, weil ein solcher Krieg sich außerhalb des Gesetzes befände. Ein solcher Krieg sei eine Erlaubnis ohne Gerichtsverfahren zu töten. Und damit seien in Mexiko niemand oder nur sehr wenige einverstanden. Der Krieg gegen die Drogen habe zu nichts anderem geführt, als die Zahl der Morde in Mexiko und das Ausmaß der Gewalt zu erhöhen. Eine solche Politik bewege sich also in Richtung Faschismus.
Wenige Wochen vor der Fußball-WM in Mexiko, den USA und Kanada ist dieser Kurs nun ein Risiko für die amtierende Präsidentin Claudia Sheinbaum. Denn die Bilder von Chaos und Gewalt dürften vor allem noch unentschlossene Touristen davon abhalten, nach Mexiko zu reisen – egal ob zur WM oder zum normalen Sommerurlaub. Zudem generieren die Bilder die Gefahr, Sheinbaum entgleite die Lage. Die gibt sich am Abend gefasst und ruft dazu auf, die Ruhe zu bewahren.
„Es gibt viele Sperren. Straßen und Flughäfen sind dicht“
Nun hat sich die Linkspolitikerin offenbar entschieden mit Unterstützung des US-Militärs zu attackieren und damit den Kurs ihres Vorgängers und Parteifreundes zu beenden. Die Sprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, bestätigte am Abend, dass „die Vereinigten Staaten der mexikanischen Regierung nachrichtendienstliche Unterstützung bei einer Operation in Jalisco“, geleistet hätten. Das ist eine klare Ansage an die Kartelle, dass die USA jetzt tatsächlich mit im Boot sitzen, wenn es um die aktuelle Verbrecherjagd geht.
„Das CJNG gilt laut der Drug Enforcement Administration (DEA) als eine der mächtigsten und gewalttätigsten kriminellen Organisationen Mexikos. Die Gruppe entstand in den 2010er-Jahren aus den Resten des einst mit dem Cártel de Sinaloa verbundenen Cartel Milenio und entwickelte sich rasch zu einem zentralen Akteur im internationalen Drogenhandel, insbesondere beim Schmuggel von Methamphetamin, Kokain und Fentanyl in die Vereinigten Staaten“, sagt Sicherheitsexpertin Katharina Krawkow von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung aus Mexiko-Stadt im Gespräch mit WELT. Sie untersucht seit Jahren die organisierte Kriminalität. Sie erlebte die Unruhen in Nayarit in unmittelbarer Nähe von Puerto Vallarta mit. „Es gibt viele Sperren. Straßen und Flughäfen sind dicht“, sagte Krawkow im Telefongespräch.
Das Ergebnis von Obradors Drogenpolitik war verheerend: Fast 200.000 gewaltsam umgekommene Menschen bedeuteten einen neuen Negativrekord innerhalb einer sechsjährigen mexikanischen Präsidentschaft. Die Drogenkartelle bauten in dieser Zeit ihre Macht und ihre Strukturen aus, stiegen noch intensiver in den Menschenhandel ein und überschwemmten den US-Markt mit Fentanyl. Optischer Höhepunkt war der Handschlag von Lopez Obrador mit der Mutter des legendären Drogenbarons „El Chapo“ Guzman, der inzwischen in den USA in einem Hochsicherheitsgefängnis sitzt. Der Wahlsieg von Donald Trump in den USA 2024 war deswegen zum Teil auch eine Folge der gescheiterten Drogenpolitik Mexikos. Nun arbeiten Mexiko und die USA nicht mehr nur beim Grenzschutz, sondern auch im Kampf gegen die Drogenkartelle offenbar enger zusammen.
Wie sich die Situation nun nach dem Tod von „El Mencho“ weiterentwickelt hänge von mehreren Faktoren ab, sagt Krakow. „Es ist zu erwarten, dass das Kartell weiter gegen die Behörden und den Sicherheitsapparat des Staates vorgeht. In welchem Ausmaß bleibt abzuwarten. Von weiterer großer Bedeutung ist, ob Machtkämpfe innerhalb des Kartells um die Führung ausbrechen, die eine Zunahme der Gewalt auslösen können – wie es in Sinaloa nach der Auslieferung von ‚El Chapo‘ in die USA im Jahr 2023 zu beobachten war.“
Während Sheinbaum in ihren Reden großen Wert auf die Souveränität und eine verbale Distanz zur US-Regierung legt, geht sie in der Realpolitik auf nahezu allen Ebenen den konsequenten Weg einer Kooperation mit der Trump-Administration. „Wir haben noch mit keiner mexikanischen Regierung so gut zusammengearbeitet wie mit der aktuellen Administration“, ließ US-Außenminister Marco Rubio jüngst wissen. Die Kooperation zahlt sich für Sheinbaum auch in der Handelsbilanz aus: Trotz bisweilen markiger anti-mexikanischer Sprüche aus Washington erreichten die Exporte aus dem Land des südlichen Nachbarn in die Vereinigten Staaten 2025 einen neuen Meilenstein: Waren im neuen Rekordwert von 534,8 Milliarden Dollar wurden laut aktuellen Zahlen des US-Handelsministeriums aus Mexiko in die USA geliefert.
Source: welt.de