Warum Jette Nietzard denn Polit-Influencerin ohne Rest durch zwei teilbar was auch immer richtig macht

Das neue Jahr beginnt und Jette Nietzard provoziert mal wieder. Sie hat längst verstanden, wie man die digitale Aufmerksamkeitsökonomie für sich nutzt. Ihr größtes Kapital sind ausgerechnet ihre Gegner. Und dahinter steckt mehr als Provokation.

In der populären Kultur ist es eine Kunst für sich, dem größten Hit seiner Karriere noch einmal eine zweite Laufzeit zu verschaffen. Jette Nietzard, Ex-Junge-Grüne-Vorsitzende und baddest young girl der Partei, ist das in diesem Jahr gelungen. Sie hat es mit dem Remix ihres bislang viralsten Posts, dem Neujahres-Böller-Tweet, der ihr 2024/2025 erstmals eine breite Prominenz im Polit-Mainstream bescherte, erneut geschafft, das Internet anzuzünden. Zumindest sinnbildlich.

Damals schrieb Nietzard auf „X“, dass Männer, die ihre Hand beim Böllern verlieren, wenigstens keine Frauen mehr schlagen können. Dieses Jahr schreibt sie, wer beim Böllern seine Hand verliert, könne wenigstens keinen Wehrdienst mehr leisten. Nun, zumindest streng formal ist das immerhin richtig. Die Reaktionen sind dennoch ziemlich wütend. Im besten Fall. Die Kommentarspalten füllen sich schnell: Wie kann man nur? Unmöglich! Männerfeindlich! Dumm!

Es fällt natürlich sehr leicht, dem Ton und dem Inhalt zu widersprechen, aber nein, dumm ist das alles eigentlich nicht, das Prinzip hinter ihren Posts nennt sich Ragebait, kalkulierte Provokation, die den Gesetzmäßigkeiten der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie folgt. Je mehr Menschen sich über eine völlig überspitzte Botschaft aufregen, desto größer die Viralität, desto besser die ökonomische Verwertbarkeit. Denn im 21. Jahrhundert ist Reichweite längst zum kostbarsten Kapital im durchdigitalisierten Raum geworden.

Dass der größte Teil der Reaktionen reine Wut und Gegenhass sind – kalkuliert. Mit der Ablehnung wird auch der Zuspruch skaliert, denn je breiter der Hass, desto breiter die Empfängermasse und so größer auch die Gegenbewegung derjenigen, die den vermeintlichen Kern der Aussage trotz Überspitzung verteidigen. Oder sich einfach an dem Trolling erfreuen, dass man sich an offensichtlich überspitzten Botschaften so leidenschaftlich im politisch verfeindeten Lager abarbeitet. Solidaritätsgefühl bindet Follower.

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Davon profitieren im Übrigen alle. Nietzard, weil sie die Aufmerksamkeit bekommt, die sie will. Ihre Gegner, weil sie in ihr eine ideologisch verbrämte Symbolfigur gefunden haben, an der sie sich abarbeiten können. Die Medien, denen diese Debatte Reichweite bringt. Willkommen in der neuen digitalen Realität der vielen Gewinner. Das ist der Wirkmechanismus der modernen Politik der Ränder. Schlecht für die politische Mitte, klar, aber super für sendungsbewusste Menschen, die Social Media verstehen.

Gestaltungsmacht liegt in der Partei. Deutungshoheit in den sozialen Medien

So wie Nietzard, die sehr gut begriffen hat, dass sie als die Polit-Influencerin, die sie mittlerweile ist, deutlich wirkmächtiger sein wird, als sie es auf einem Parteiposten in der dritten Reihe jemals hätte sein könnte. Dass sie ihren Posten als Grüne-Jugend-Sprecherin kein zweites Mal antreten konnte, wird sie wohl gut verkraftet haben, denn sie weiß, dass der wichtigste Diskurs längst im vorpolitischen Raum, dort insbesondere in der digitalen Welt, geführt wird. Gestaltungsmacht liegt vielleicht in der Partei. Deutungshoheit aber in den sozialen Medien. Und wer die erlangen will, der muss besonders laut und besonders aggressiv sein. Nietzard hat das Potenzial, das Gesicht einer lauten, wütenden und sehr linken grünen Jugend zu werden.

Aber fernab der schnöden Ideologie lässt sich Reichweite mittlerweile natürlich auch hervorragend monetarisieren. Auch hier läuft es gut für Nietzard. Vor einigen Wochen konnte sie stolz ihre erste Kooperation verkünden. In ihrer Instagram-Story machte sie bezahlte Werbung für ein ganz unpolitisches Produkt. Periodenunterwäsche. Ja, wer heute Politik machen und Geld verdienen will, braucht kein Programm mehr. Ein funktionierender Algorithmus reicht.

Dennis Sand schreibt über Popkultur und Zeitgeist. Seine Bücher, u.a. mit Jan Ullrich, Bushido und Montanablack hielten sich monatelang in den Bestsellerlisten.

Source: welt.de

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