Ein letzter Blick, ein Gefühl – dann ist ihr Sohn tot. Die ehemalige Weitspringerin Susen Tiedtke spricht über den Verlust von Max (†17), die tragischen Stunden danach und ihre Schuldgefühle.
Er holte sich in der Küche nur noch schnell was zu essen. Dann ging er die kleine Treppe hinauf zu seinem Zimmer. Es war das letzte Mal, dass Susen Tiedtke ihren Sohn Max (†17) lebend sah.
„Als er hochging, hatte ich das Gefühl, ich muss ihm winken. Das habe ich sonst nie getan“, sagt die ehemalige Weitspringerin. Für sie ist es heute rückblickend ein Zeichen. Eines von vielen.
Es ist der 3. März 2025. In zwei Wochen wird Max 18. Endlich volljährig. Er will an diesem Abend am Computer zocken, wie es Jugendliche heutzutage so oft tun. Mit Kopfhörern auf bis in den frühen Morgen. Daher kommt es seiner Mutter auch nicht komisch vor, dass sie von Max am nächsten Tag lange nichts hört. Gegen 15.30 Uhr bekommt sie den Anruf eines seiner Freunde. Er könne Max nicht erreichen, sie seien verabredet.
Tiedtke sagt: „Ich bin dann hoch, habe geklopft, auch gerufen, aber keine Reaktion. Sein Zimmer hat er immer abgeschlossen, weil er nachts Angst hatte.“
Die Mutter ruft Tochter Maria (damals 19) zur Hilfe. Sie bauen schließlich das Schloss aus und betreten das Zimmer. Tiedtke: „Er lag im Bett, als würde er friedlich schlafen. Aber als ich ihn berührte, war er schon steif und kalt, blau an den Waden. Das war ein krasser Schock. Mir war sofort klar, was los war.“
Bevor Max abtransportiert wird, darf sich Mutter Susen von ihrem Sohn verabschieden.
„Da wusste ich: Der Körper ist nur eine Hülle“
Tiedtke: „Als sie ihn auf den Rücken legten, waren seine Augen noch offen, so leer und ausdruckslos. Das kann man nicht beschreiben. Man merkte, sein gesamtes Ich, das, was ihn ausmachte, war weg. Da wusste ich: Der Körper ist nur eine Hülle. Faszinierend und schockierend zugleich. Mein Grundverständnis ist seitdem: Nicht der Körper hat eine Seele, sondern die Seele hat einen Körper.“
Als der 1,90 Meter große und 100 Kilo schwere Max die Treppe hinuntergetragen wird, schließt die Familie die Tür zum Wohnbereich. Tiedtke: „Maria spielte Klavier, damit wir in diesem Moment abgelenkt waren. Einen Song aus ,Ziemlich beste Freunde‘.“
Die Obduktion ergibt, dass das Herz von Max schwer entzündet war. Tiedtke: „Ich habe ihm nichts angesehen und er hat nie was gesagt. Monate vorher hatte er Schmerzen im Herzbereich. Ich wollte mit ihm zum Arzt, er nicht. Und nach zwei Tagen waren die Schmerzen weg. Ich dachte, es hing mit dem Wachstum zusammen …“
Erst zwei Tage vor seinem Tod war ihr etwas aufgefallen. „Er sah grau im Gesicht aus, wie ein 80-Jähriger. Aber er fühle sich gut, sagte er.“ In der Todesnacht rief Max seine Mutter noch mal an. Tiedtke: „Ich schlief schon, hatte mein Handy aus. Was wollte er mir sagen?“
„Und schlafen tun sie auch nicht wirklich …“
Dass sein Tod indirekt mit dem Zocken zusammenhängt, davon ist sie überzeugt. Die 57-Jährige sagt: „Er hat sich nicht mehr groß bewegt, sich so schlecht ernährt, dass ich am Ende selbst gekocht habe. Und schlafen tun sie auch nicht wirklich. Zocken ist Dauerstress.“
Macht sie sich Vorwürfe? Die Olympia-Fünfte von 2000 gibt zu: „Irgendwie schon. Warum habe ich nichts bemerkt, nichts gesehen?“
Was der heutigen Heilpraktikerin in dieser Zeit Kraft gibt, ist ihr Glaube an ein Leben vor der Geburt und nach dem Tod. Sie ist sich sicher: „Es ist alles vorbestimmt. Wann wir sterben und wie wir sterben.“ Das Schlüsselerlebnis dazu hatte sie vor 34 Jahren: „Ich hatte eine Nahtoderfahrung. Daher weiß ich, dass da was ganz Schönes kommt. Seitdem habe ich keine Angst mehr vor dem Tod.“
Was war passiert? Tiedtke: „Ich hatte 40 Fieber, bin umgekippt, auf eine Tischkante geschlagen und war ohnmächtig. In dem Moment kam der berühmte Tunnel mit dem Licht. Es war so ein krasses Licht. So warm, so schön, so farbig und einladend. Ich wollte ganz schnell dahin, aber ich kam kaum vorwärts. Als ich es fast greifen konnte, hat mich mein damaliger Freund zurück ins Leben geholt. Ich war so sauer!“ Tiedtke lacht. Und weiter: „Ja, ich freue mich auf das, was nach dem Leben kommt.“
Zwei Monate war sie nach Max’ Tod völlig von der Rolle. Rückblickend sagt die Ex-Sportlerin: „Ich war wie in Trance, funktionierte nur noch. So was kannst du nicht begreifen. Ich kauerte zwei Monate auf dem Sofa und Maria kochte, damit ich nicht verhungere.“
Tochter Maria zog nach Bielefeld
Düstere Gedanken stiegen in ihr auf. „Nach dem Motto: Was willst du eigentlich noch auf der Welt? Ich wachte jeden Morgen auf und war frustriert darüber. Ich rief die göttliche Fügung an: ‚Holt mich, ich will bei Max sein! Ich will raus aus diesem Leben.‘ Ich wollte ja wissen, dass es ihm gutgeht und wo er ist.“
An Suizid dachte sie aber nicht. Tiedtke: „Das war kein Thema. Ich habe ja auch noch eine Tochter. Und ein Selbstmord wirft dich in deinen Erfahrungen für das nächste Leben zurück. Dann fängst du wieder von vorn an. Darauf habe ich keinen Bock.“
Maria zog damals nach Bielefeld zu ihrem Vater Hendrik Dreekmann, einem früheren Tennis-Profi. Mit ihm war Tiedtke von 2005 bis 2008 verheiratet, nun war Susen ganz allein in dem Haus am Rande Berlins.
Ein Grab, an das sie gehen kann, hat sie nicht. Max wurde in Bielefeld beigesetzt. Tiedtke: „Hendrik kann seinen Tod überhaupt nicht verarbeiten, kann auch nicht darüber sprechen. So hat er was von ihm. Ich brauche kein Grab.“ Sie selbst habe ihren Weg, mit dem schlimmsten Verlust umzugehen, der einer Mutter widerfahren kann, gefunden: „Ich stehe in Kontakt mit Max.“
Wie das? Bei einem ihrer vielen Spaziergänge nach seinem Tod sei er ihr erschienen. „Als Abbild, als eine Art Energie. Nun war mir klar: Er ist da, er ist nicht weg. Ich spreche täglich mit ihm, spüre seine Präsenz. Da bekomme ich Gänsehaut. Dadurch konnte ich wieder anfangen zu leben.“
„Jetzt kann ich ihn loslassen, er braucht mich nicht mehr“
Aber auch physisch hat die ehemalige Leichtathletin ihren Sohn immer bei sich. Tiedtke: „Ein Teil seiner Asche ist in einem Anhänger. Den trug ich anfangs auch immer, aber nach einem halben Jahr fiel er plötzlich ab. Da wusste ich, ihm geht’s gut, wo er jetzt ist. Jetzt kann ich ihn loslassen, er braucht mich nicht mehr. Max konnte mit meiner Sicht auf die Dinge nie was anfangen. Ich bin sicher, jetzt versteht er mich richtig.“
Sie selbst hat aus seinem Tod etwas gelernt. „Max fragte mich nahezu täglich, ob ich happy bin. Ich bin immer ausgewichen. Durch seinen Tod hat sich mein Leben komplett geändert. Ich lebe viel bewusster, mache nur noch Dinge, die mir Spaß und Freude bereiten. Nun kann ich sagen: Ich bin happy.“
Natürlich hätte sie ihn lieber noch bei sich, lebend. Tiedtke: „Das Körperliche, also sich umarmen, lachen und trösten, das fehlt mir sehr.“
Dieser Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) verfasst und erschien zuerst in BILD AM SONNTAG.
Source: welt.de