Warum dies die „schönste und aufregendste Live-Show Deutschlands“ ist

„Let’s Dance“ ist zurück – und zeigt, wie perfekt inszeniertes Fernsehen wirklich funktioniert. Ja, mit Stars und Schicksalen. Aber das reicht nicht. Warum es RTL gelingt, mit der Tanzshow alle Generationen zu begeistern.

Die eine hat man zuletzt gesehen, als sie im TV mit einer anderen Frau geknutscht hat, die andere hat vor Kurzem ein Buch über ihre Kindheit mit einer alkoholkranken Mutter geschrieben und die Dritte war vor 25 Jahren einer der größten Popstars Deutschlands. Nun tanzen sie gemeinsam Cha-Cha-Cha. Es ist eine Kombination und Inszenierung, die nur diese eine deutsche TV-Show genauso hinbekommt.

Deutschland genießt die ersten Sonnentage, der Winter scheint fürs Erste geschafft – dazu scheint nichts passender als dass der RTL-Zuschauer nach einer anstrengend diskutierten Dschungelcamp-Staffel endlich mit wohlverdienter TV-Leichtigkeit belohnt wird. Und so startete von vielen heiß ersehnt auch dieses Jahr wieder die Prominenten-Tanzshow „Let‘s Dance“.

Let’s Dance ist zurück!“, verkündete die Eröffnungsnummer der Show dann auch gewohnt perfekt inszeniert. Seit 2006 läuft die Show auf RTL, vier bis fünf Millionen Menschen schauen im Schnitt zu. Prominente, Schauspieler, Sängerinnen, Menschen der Öffentlichkeit, Social Media-Stars, Models und TV-Phänomene tanzen zu Radiosongs und werden von einer Jury, die selbst längst Kult ist, bewertet. Joachim Llambi, Motsi Mabuse und Jorge Gonzàles spielen ihre Rollen (der Strenge, die Nette, der verrückte Vogel) perfekt aber nicht allzu penetrant und mussten seit Jahren nicht ausgetauscht werden, anders als die Jurys rund um die Kollegen Heidi Klum oder Dieter Bohlen.

Es ist eine Show, der es auch 2026 gelingt, Unterhaltung ziemlich unangestrengt so zu inszenieren, dass mehrere Generationen damit Spaß haben können.

Und dafür braucht es keine ollen Samstagabendshows, die von den Tokio Hotel-Superstars Bill und Tom Kaulitz moderiert werden. Dafür braucht man vielleicht nur den stillen, übersehenen Schlagzeuger von Tokio Hotel, von dem man noch nie viel gehört oder gesehen hat und der deshalb umso mehr interessiert. Dafür braucht man eine gut darstellbare Mischung an Geschichten, an Protagonisten, die genug Material, Substanz und Ausdauer auf allen Ebenen mitbringen, um über Wochen ihr Heldennarrativ zu ertanzen.

Die Kandidatenmischung ist auch dieses Jahr wieder ziemlich gut, wenn auch nicht ganz so perfekt wie in Vorsaisons. Doch, auch das eine Stärke der Sendung, oftmals zeigt sich erst im Verlauf der Staffel, dass der vermeintlich uninteressante Influencer (Willi Banner?) und das sicherlich verwöhnte Promi-Kind ja doch etwas zu erzählen haben, Diego Pooth verkörpert die positivste Überraschung von 2025 (und wurde dafür auch mit dem Sieg belohnt).

Auch dieses Jahr bringt beinahe jeder eine Geschichte mit, ein Thema, das sich „vertanzen“ lässt. Die Kandidaten sind nicht alle auf den ersten Blick Superstars, aber haben eine gewisse Qualität an Prominenz – da ist etwa Schauspielerin Esther Schweins, die durch „RTL Samstag Nacht“ zum Fernsehstar wurde, aber seit dem Tod ihres Lebensgefährten zurückgezogen auf Mallorca lebt. Oder Bianca Heinicke, für die Generation YouTube einst ein Megastar, Megavermögen, Megafollowerzahlen. Dann Scheidung, Rückzug, Neuerfindung – wie wird sie sich präsentieren?

Irgendetwas reizt immer, irgendetwas will man sehen oder wissen. Wird Nadja Benaissa ihre HIV-Infektion thematisieren? Wie wird das, wenn „Princess Charming“ (eine Art lesbische „Bachelorette“) Vanessa Borck mit einer Frau tanzt? Es wird gar nicht riesengroß angekündigt, Sichtbarkeit, einfach nebenbei.

Manchmal waren es große Namen, die man plötzlich tanzend, zweifelnd, versagend erlebte, mal Menschen, die man überhaupt zum ersten Mal im TV „kennenlernt“ (wie vergangenes Jahr Diego Pooth), mal ist es einfach eine smarte Idee. Und meist leider auch der obligatorische Darsteller aus „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ (Jan Kittmann) oder jemand, den RTL überhaupt erst prominent machen will (oder was soll das mit dem oberkörperfreien Sieger von Ninja Warrior Österreich?).

Divers ist die Mischung sowieso, ohne dass das auch nur einmal angestrengt thematisiert werden müsste. Anders als bei Klum oder Bohlen wird niemand bloßgestellt, es fallen Spitzen und Andeutungen, aber alles im Gute-Laune-Familienfernsehen-Modus.

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Dazu gibt es die gerade angemessene Menge Sex und Erotik und immer natürlich auch die Profitänzer mit denen das funktioniert: Ekaterina Leonova ist natürlich wieder dabei, das Interessanteste der Kennenlernshow ist stets die Antwort auf die Frage, mit wem sie wohl tanzen wird. Diesmal ist es Comedian Simon Gosejohann, den man noch aus dem linearen Fernsehen kennt. Wird „Ekat“ mit ihm ein erneuter Ingolf-Lück-Triumph gelingen?

Manchmal passieren Affären hinter den Kulissen oder es entstehen echte Beziehungen, Entwicklungen, die Fans über Jahre verfolgen. Was war da mit Gil Ofarim? Massimo Sinató wiederzusehen, ist wie einen alten Bekannten beim Bäcker zu sehen, den man ein Jahr lang fast vergessen hatte.

„Wenn die Leute hören, dass ich bei ‚Let’s Dance‘ mitmache, freuen sich alle“, fasst Simon Gosejohann es zusammen. Selbst Schlagerstar Anna-Carina Woitschak, die wohl in jeder Live-Show des deutschen Fernsehens schon gesungen hat, sagt, Let’s Dance sei für sie „die schönste und aufregendste Live-Show Deutschlands“. Weil sie nicht mit dem Holzhammer irgendwelche Verjüngungsprogramme durchzieht, die bei den Öffentlich-Rechtlichen meist nur darin bestehen, unmotiviert ein paar Influencer oder „junge Leute“ in ihre Shows einzuladen (oder sie sie moderieren zu lassen). Weil nicht alles an einem Abend passieren muss, sondern sich aufbauen darf über Wochen.

Für die nächsten Wochen jedenfalls ist der Freitagabend heile Fernsehwelt. Und dann ist schon bald Sommer.

Source: welt.de

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