Warum die Ausstellung „Metamorphosen“ ein Highlight des Frühlings ist

Das Rijksmuseum in Amsterdam hat sich mit der Galleria Borghese in Rom zusammengetan, um der Wirkung von Ovids „Metamorphosen“ auf die Bildende Kunst nachzuspüren. Zu bestaunen ist ein hochkarätiger Reigen aus Werden und Vergehen.

Am Anfang war das Feuer. In der dramatischen „Allegorie der vier Elemente“ des flämischen Künstlers Louis Finson ist es der von der Sonne gebräunte Mann im roten Umhang, der mit schierer Muskelkraft alles in Gang setzt. Er zwingt das weißbärtige Wasser in die untere linke Ecke und schiebt die weibliche Luft am bleichen Unterarm von sich. Die faltige alte Erde liegt flach am Boden, wo sie hingehört. Und doch könnte es jetzt noch weitergehen, merkt man, nichts steht still.

Finsons Bild von 1611 ist aus Houston nach Amsterdam gereist. Es ist nur ein Beispiel für die Inspiration, die Künstler aus Ovids „Metamorphosen“ über die Jahrhunderte gezogen haben. Das Rijksmuseum in Amsterdam hat sich mit der Galleria Borghese in Rom zusammengetan, um diesen Reigen aus Werden und Vergehen erstmals in großem Stil in Szene zu setzen. Tatsächlich ist die schreckliche Unruhe und schwer vorstellbare Ungestalt der frühesten Welt nirgends besser ausgedrückt als bei Ovid: „Zwar gab es da Erde, Wasser und Luft; doch konnte man auf der Erde nicht stehen, die Woge ließ sich nicht durchschwimmen, und die Luft war ohne Licht. Keinem Ding blieb die eigene Gestalt, im Wege stand eines dem anderen, weil in ein und demselben Körper Kaltes kämpfte mit Heißem, Feuchtes mit Trockenem, Weiches mit Hartem, Schwereloses mit Schwerem.“

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Es ist der Lauf der Welt: Formen entstehen aus dem Chaos, Formen wandeln sich. Die „Metamorphosen“ des Publius Ovidius Naso, kurz Ovid, entstanden in den ersten Jahren unserer Zeitrechnung, wurden das Mittelalter hindurch abgeschrieben und nie vergessen. Im Gegenteil, die 12.000 Verse helfen Generationen beim Lateinlernen und prägen insbesondere die Kunst der Renaissance. Die erste gedruckte Übersetzung der „Metamorphosen“ ins Italienische erschien 1497. Ein Jahrhundert später hatten die Geschichten von leidenschaftsgetriebenen Göttern und ihren Verwandlungen auch die Niederlande voll erfasst. In seinem einflussreichen Lehrbuch für Künstler, dem „Schilder-Boeck“ von 1604, bezeichnet Karel van Mander die „Metamorphosen“ als „Bibel der Künstler“. Und auch im barocken Frankreich wird dem Dichter gehuldigt. Um 1624 herum malt Nicolas Poussin den „Triumph des Ovid“, heute in der Galleria Nazionale d’Arte Antica di Roma. In einem weiten, hellrosa Gewand und feinen blauen Sandalen kniet der Römer vor Apoll. Der Gott selbst ist souveränerweise nackt. Er hat einen currygelben Umhang auf die Felswand hinter sich gelegt und flößt dem Dichter aus einer flachen goldenen Schale etwas ein, das man nur als verflüssigte Inspiration bezeichnen kann.

„Was du siehst, ist nur Schatten“

Nicolas Poussin arbeitet diesen Moment sehr differenziert und lebensnah heraus. Die Harfe hat Apoll kurz auf den Boden gelegt, und es sieht so aus, als habe er in dem goldenen Henkelgefäß noch literweise Eingebung, doch der eine Schluck reicht offenbar schon aus. Ovids Hände sind geöffnet und vom Körper weggehalten, er hat sie bewusst von der Schale ferngehalten. Es ist dieser seltsame Moment, den der Katholik vom Abendmahl kennt – dieser ungewohnte Vorgang, als Erwachsener etwas eingeflößt zu bekommen. Apolls Augen sind denn auch genau auf die Dichterlippen und den Trinkvorgang gerichtet, so als achte er darauf, dass Ovid auch wirklich schluckt, was er ihm kredenzt. Am Ende muss man als Gott ja auch auf seine PR achten, und die besorgt Ovid wie kein anderer. Der Lohn dafür ist ewiger Ruhm: Zwei Lorbeerkränze hält der schwebende Putto hinter Ovid bereit, weitere Zweige sind bereits im Anflug, wenn auch noch nicht gewunden.

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Weltbekannt ist der „Narziss“ von Caravaggio, dessen dramatischem Helldunkel Louis Finson einige Jahre später nacheifern wird. Der schöne, aber an allen Verehrern desinteressierte Narziss schaut in eine Quelle und verliebt sich in sich selbst. Der Mythos ist auch ein Gleichnis der Kunst, die Abbild und Wirklichkeit ununterscheidbar macht. Ovids Warnung könnte auch auf die Bildschirmsüchtigen der Gegenwart gemünzt sein: „Was greifst du vergeblich nach dem flüchtigen Bild! Was du erstrebst, ist nirgends; was du liebst, wirst du verlieren, sobald du dich abwendest. Was du siehst, ist nur Schatten, nur Spiegelbild.“

Um die achtzig Werke sind in Amsterdam zu sehen – und reisen im Juni weiter nach Rom. Vertreten sind Tizian, Correggio, Cellini, Caravaggio, Rubens, Rodin, Constantin Brâncuși, René Magritte und Louise Bourgeois. Die Leihgaben sind auffällig international. Aus dem Louvre ist, selten genug, der schlafende Hermaphrodit gekommen. Die 1619 ausgegrabene römische Antike liegt auf einer weichen Marmormatratze, die Gian Lorenzo Bernini 1620 eigens für sie geschaffen hat. Die Verwandlung findet hier in der Wahrnehmung der Betrachter statt – von einer Seite erscheint die Figur als Frau, beim Umkreisen dann als Hermaphrodit mit Brüsten und Penis. Die Entstehung dieses mythischen Zwitterwesens ist eine Geschichte sexueller Gewalt. Es ist die Frau, genauer, die Nymphe Salmakis, die den unwilligen Hermaphroditos beim Baden nicht mehr loslassen will: „Wie wenn einer, der Zweige unter die Rinde pfropft, sie miteinander verschmelzen und gemeinsam heranwachsen sieht, so sind die Glieder durch die feste Umarmung eins geworden, keine zwei Leiber, sondern eine Zwittergestalt, die man weder Frau noch Mann nennen kann.“

Das Rijksmuseum ist in der Lage, von Mythen wie Narziss oder Danae unterschiedliche, jeweils herausragende Versionen zu zeigen. Bei Correggio sieht man Danae im Bett liegen, während ein goldener Regen aus einer ebenso goldenen Wolke auf das Laken zwischen ihren Beinen fällt (um 1530). Der Engel streckt die Hand aus, wie um diese kleinen Tropfen zu spüren: „Ja, es passiert wirklich.“ Bei Tizian (1551, Wellington Collection, London) ist es die alte Dienerin, die den Goldregen mit einem Tuch einzufangen sucht. Jupiter bricht tröpfchenweise aus einer Gewitterwolke heraus, die Danae schmachtend ansieht.

In der Schau wie im Katalog wird auf Ovids Schilderungen als Quelle verwiesen, doch wer dort nachliest (am besten in der famosen Übersetzung von Michael von Albrecht), wird enttäuscht. Die Episode, in der Zeus sich in Goldregen verwandelt, wird in den „Metamorphosen“ nicht auserzählt. Sie wird beim Leser vorausgesetzt. Ovid schrieb mit den „Metamorphosen“ kein Mythologie-Lexikon, sondern ein Verwandlungsepos. Ihn interessierte weniger der Akt als die Folge: dass aus dieser Verbindung Perseus hervorgeht – der Held, der Medusa enthauptet, Andromeda rettet und mit ihr viele Nachkommen zeugt. Die eigentliche Metamorphose liegt also nicht im Goldregen, sondern im genealogischen Effekt: Aus einem göttlichen Trick entsteht eine Weltveränderungsmaschine namens Perseus. Aber das wäre wohl zu kompliziert für einen Blockbuster.

Das Rijksmuseum fügt lieber noch ein Kapitel an, das vor allem das veränderliche Gesicht des Menschen umkreist: anthropomorphe Landschaften, ein Vexierbild aus Papst und Teufel, ein Gesicht aus Phalli. Das alles hat nur sehr indirekt mit den „Metamorphosen“ zu tun, ist aber kurios anzusehen. Und dann ist da die auch für Altmeister-Museen immer zwingender notwendig werdende sogenannte Gegenwart. Fotografische Selbstporträts von Roman Opalka, eine Videoarbeit mit lebendigen Schlangen (Medusa!) und die Riesenspinne von Louise Bourgeois docken an die Jetztzeit an. Neben der Dichte und dem Reichtum, mit dem Renaissance und Barock vertreten sind, wirkt das wie drangestückt. Aber das sind, zugegeben, Luxusprobleme. Die Ausstellung „Metamorphosen“ ist ein Highlight des beginnenden Frühlings.

Rijksmuseum Amsterdam, bis 25. Mai

Source: welt.de

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