Er gilt weithin als Englands größter Maler. Aber trotz seines enormen Werks sind Teile der Persönlichkeit von William Turner, der 1775 bis 1851 lebte, im Dunkeln geblieben.
Jetzt hat sich eine wegweisende BBC-Dokumentation mit Turners 37.000 Skizzen, Zeichnungen und Aquarellen befasst, um ein psychologisches Porträt des Malers zu erstellen. Turners einzigartige Sichtweise könnte demzufolge ihre Ursache in Kindheitstraumata und Neurodiversität haben.
In der Doku Turner: the Secret Sketchbooks beteiligen sich an dem Versuch, die Lebensgeschichte des Künstlers zu entschlüsseln, unter anderem der Schauspieler Timothy Spall, der ihn in Mike Leighs Film Mr Turner – Meister des Lichts (2014) gespielt hat, die Künstler:innen Tracey Emin und John Akomfrah, Rolling-Stones-Gitarrist Ronnie Wood, die Psychologin Orna Guralnik und der auf Naturthemen spezialisierte TV-Journalist Chris Packham.
„Außergewöhnliche“ Liebe zum Detail und „Hyperfokussierung“
„Wie bei allen Menschen, von Alan Turing bis Isaac Newton, bei denen wir davon ausgehen, dass sie neurodivers waren, ist es unmöglich, eine rückwirkende Diagnose zu stellen. Wir können also nur Vermutungen darüber anstellen“, räumt Packham ein. Packham, der ein Botschafter der britischen Hilfsorganisation National Autistic Society ist, verweist auf Turners „außergewöhnliche“ Liebe zum Detail und seine „Hyperfokussierung“, einen Zustand intensiver, anhaltender Konzentration auf eine bestimmte Aufgabe oder ein bestimmtes Thema, der häufig bei ADHS und Autismus beobachtet wird.
„Ich sehe Parallelen zu meinem eigenen autistischen Denken und meiner Herangehensweise an verschiedene Dinge“, erklärte Packham. „Turner war eindeutig ein Mann, von dem wir heute sagen würden, dass er ein Spezialinteresse hatte. Ich habe auch nichts dagegen, es Besessenheit zu nennen. Er kehrte aus verschiedenen Gründen immer wieder an verschiedene Orte zurück, deren Landschaft er gemalt hatte – unter anderem wahrscheinlich, weil er mit dem, was er dort erreicht hatte, nie zufrieden war.“
Mit 14 Jahren studierte William Turner an der Royal Academy of Arts
Er sieht noch mehr Anhaltspunkte: „Seine Aufmerksamkeit, was Details angeht, und seine akribische Sichtweise. Dafür gibt es insbesondere Beispiele aus seinen jüngeren Jahren, als seine Werke weniger impressionistisch waren.“ Bezeichnend findet Packham: „Schon allein diese Wahrnehmungsfähigkeit – jeden Stein, jeden Ziegel, jedes Fenster – und wie die jeweiligen Formen ineinandergreifen.“
Aufgewachsen im düsteren Zentrum Londons im ausgehenden 18. Jahrhundert, wurde Turner trotz seiner bescheidenen Herkunft schnell zu einem jungen Star der Kunstwelt. Bereits mit 14 Jahren begann er an der Royal Academy of Arts zu studieren und stellte dort ein Jahr später sein erstes Werk aus. Der Künstler hatte eine schwere Kindheit. Als er acht war, starb seine fünfjährige Schwester. Seine Mutter Mary soll psychisch krank gewesen sein und neigte zu starken Wutausbrüchen (sie wurde schließlich in die psychiatrische Klinik Bethlem Hospital eingewiesen, wo sie 1804 starb).
Die US-amerikanische Psychologin Orna Guralnik interpretiert Turners Bilder als Ausdrucksformen „einer turbulenten, unruhige Innenwelt, die sich hinter seinem äußeren Auftreten verbarg“. Die angeborenen Fähigkeiten und Talente des Künstlers hätten sich zusammen mit den Erfahrungen, die er als Kind gemacht hat, „zu dieser unglaublichen Kraft vereint“, ist sie überzeugt.
Plötzlich öffnete sich diese riesige Tür zu dem, was William Turners Gemälde tatsächlich ausdrücken
„Ich kannte Turners Werk schon lange“, erzählte die in New York lebende Psychologin. „Aber diese Dokumentation war eine Einladung, ein bisschen etwas über ihn als Person zu erfahren und plötzlich öffnete sich diese riesige Tür zu dem, was seine Gemälde tatsächlich ausdrücken. Die innere Welt, die sich im Wasser, den Wolken, im Wetter spiegelt.“ Turners frühe Vorliebe, Gebäude zu zeichnen, ist für Guralnik Ausdruck seines inneren Bedürfnisses nach Stabilität.
Laut Dr. Amy Concannon, der leitenden Kuratorin für historische britische Kunst an der Tate Britain in London, wo Ende November dieTurner & Constable-Ausstellungeröffnet wird, bieten die rund 300 Skizzenbücher aus dem Nachlass Turners die Möglichkeit, „sein Leben zusammenzusetzen“. „Sie erzählen uns, wo er sich aufhielt und wann. Und sie bringen uns näher an das, was in seinem Kopf vorging, als alles andere“, erklärt sie. „Aus diesen Skizzen ergibt sich ein starker Eindruck von Turner als sehr zielstrebigem und fokussiertem Menschen… Er war ein erstaunlich produktiver Künstler, der in Blitzgeschwindigkeit Skizzen zeichnete und auf seinen Reisen Seite um Seite füllte.“
„Sie zu interpretieren ist häufig schwierig“, räumt sie ein. „Aber es gibt immer etwas Neues auf ihnen zu entdecken, was zum Teil der Grund dafür ist, dass es über 20 Jahre gedauert hat, sie fertig zu katalogisieren.“
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Die BBC-Dokumentation verfolgt die These, dass Turner möglicherweise der erste Künstler war, der den Klimawandel dokumentierte. „Er wurde im Zeitalter der Segelschiffe geboren und starb im Zeitalter der Dampfmaschine“, erklärte Packham. „Dieser schnelle technologische Wandel ist klar in seinen Gemälden zu sehen. Auf dem Bild Die letzte Fahrt der Temeraire (1839) wird dieses gespenstische, prächtige alte Stück Schiffstechnik, das in der Schlacht von Trafalgar gekämpft hat, von einem schwarzen und leistungsstarken Dampfschlepper gezogen. Regen, Dampf und Geschwindigkeit (1844) porträtiert die Dampfeisenbahn als eine nicht zu stoppende Kraft der industriellen Revolution mit allem was daraus folgt.“
Concannon verweist auf die Bilder Kohlenverladung bei Mondschein (1835) und Schneesturm (1842), auf dem ein Dampfschiff vor einem Hafeneingang zu sehen ist, als Beweis für Turners wachsende Faszination mit der sich verändernden industriellen Infrastruktur, Arbeitsweisen und Umweltverschmutzung. „Turner war sich sicher nicht des Klimawandels bewusst, wie wir ihn kennen. Aber er hatte großes Interesse an Meteorologie und beschäftigte sich natürlich mit den atmosphärischen Auswirkungen, um seine Bilder zu malen. Er hat zwar keine Hinweise darauf hinterlassen, dass er es bewusst tat, aber es ist davon auszugehen, dass einige seiner farbenprächtigeren Sonnenuntergänge durch die Folgen des Ausbruchs des Vulkans Tambora im Jahr 1815 inspiriert wurden.“
Dieser Vulkanausbruch auf einer indonesischen Insel, die damals Teil der holländischen ostindischen Inseln war, „beschleunigte praktisch den Klimawandel in einem verkürzten Zeitraum“, sagt Packham. „Turner mochte es, sich angesichts der schier unbegreiflichen Kraft und Erhabenheit der Natur demütig zu fühlen. Es ist ziemlich tragisch, dass es jetzt nicht mehr ein Vulkan ist, der unser Klima prägt und zu Hungersnöten und Katastrophen auf der Erde führt, sondern wir selbst.“