Wann sind die Ziele erreicht?: „Für die israelische Kriegsführung ist das hochbrisant“

Wann sind die Ziele erreicht?„Für die israelische Kriegsführung ist das hochbrisant“

16.03.2026, 18:32 Uhr

Bei einer Kundgebung in Teheran zeigen regimetreue Demonstranten Bilder von US-Präsident Trump und dem israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu im Fadenkreuz. (Foto: picture alliance / SIPA)

Das wichtigste Kriegsziel für Israel ist, Gewissheit über die vermutlich 400 Kilogramm hoch angereicherten Urans zu bekommen. „Solange der Verbleib dieses Materials nicht geklärt ist, besteht die Gefahr, dass der Iran immer wieder in die Lage kommen könnte, das Uran weiter anzureichern“, sagt der Nahost-Experte Thomas Volk. Das Problem: Es ist kaum zu überprüfen, ob die Uran-Vorräte zerstört wurden. Israel strebt deshalb einen Regierungswechsel, zumindest aber einen „Regime-Kollaps“ an. Das wiederum dürfte nur sehr schwer zu erreichen sein. „Stand heute scheint das Regime fester im Sattel zu sitzen, als viele, vermutlich auch in der US-Administration, für möglich gehalten hatten.“

ntv.de: Die Regierung von US-Präsident Donald Trump hat sehr unterschiedliche Ziele für den Krieg im Iran verkündet, von „Freiheit für die Iraner“ bis „das Gegenteil von Regime Change“. Gibt es überhaupt klar definierte Ziele?

Thomas Volk: Die US-Regierung scheint ihre Ziele in den letzten zwei Wochen in der Tat verändert zu haben. Anfangs hat Präsident Trump sehr deutlich formuliert, dass es um die Zerstörung des ballistischen Raketensystems geht und um die Beseitigung der nuklearen Kapazitäten. Und dann wollte man den Iranerinnen und Iranern selbst das Schicksal des Landes überlassen und von innen heraus einen Wandel gestalten lassen.

Thomas Volk ist Leiter der Nahost-Abteilung der Konrad-Adenauer-Stiftung. (Foto: privat)

Und mittlerweile?

In den letzten zwei Wochen konnte man unterschiedliche Signale aus den Vereinigten Staaten vernehmen. Die großen Fragen in der dritten Woche des Kriegs lauten: Sind die Ziele der Vereinigten Staaten und Israels noch deckungsgleich? Und was sind eigentlich die Kriegsziele?

Trump sagt, die Ziele der USA und Israel seien „ähnlich, könnten aber ein bisschen unterschiedlich sein“.

Die Kriegsziele der USA und Israels wurden von Anfang an unterschiedlich formuliert. Premierminister Netanjahu hat zu Beginn des Kriegs sehr deutlich von einem Regime Change gesprochen. Wenn man sich mit israelischen Vertretern unterhält, wird inzwischen eher ein Regime-Kollaps angestrebt. Auf jeden Fall scheint für Israel festzustehen, dass das Schicksal der angereicherten Uranvorkommen geklärt sein muss. Im Iran scheinen noch um die 400 Kilogramm hochangereichertes Uran vorhanden zu sein. Solange der Verbleib dieses Materials nicht geklärt ist, besteht die Gefahr, dass der Iran immer wieder in die Lage kommen könnte, das Uran weiter anzureichern.

Dieses Ziel teilen die USA?

Ja. Für Israel sind die nuklearen Kapazitäten des Iran eine existenzielle Bedrohung. Aber auch die Amerikaner haben seit Kriegsbeginn keinen Zweifel daran gelassen, dass es um die Beseitigung der nuklearen Kapazitäten geht.

Wie kann man überprüfen, ob oder wie stark das iranische Nuklearprogramm beschädigt oder zerstört worden ist?

Das ist schwierig. Nach dem Zwölftagekrieg 2025 deuteten amerikanische und israelische Angaben darauf, dass die Anlagen zur Anreicherung des Urans zerstört wurden. Gleichwohl gab es schon damals Meldungen, das Uran selbst sei möglicherweise in Sicherheit gebracht worden. Heute gibt es starke Indizien dafür, dass das angereicherte Uran dezentral im Land gelagert wird, vermutlich in tiefen Bunkern – in der Gegend von Isfahan, so war zuletzt zu lesen und zu hören. Aber klar ist: Wir haben keine Gewissheit.

Dann wäre kaum zu überprüfen, ob das zentrale Kriegsziel erreicht wurde.

Für die israelische Kriegsführung ist das hoch brisant. Auch deshalb wird der Krieg vermutlich noch einige Wochen dauern. Der Idealzustand für die israelische Regierung wäre eine Regierung im Iran, die kein Ansinnen hat, Israel zu zerstören und deshalb gar nicht erst in Versuchung kommt, die Urananreicherung voranzutreiben.

Wie realistisch ist das?

Der Iran ist geographisch ein riesiges Land. Zudem hat sich dieses Regime seit knapp 50 Jahren auf dieses Szenario vorbereitet – auf den Kampf gegen den „großen Satan USA“ und den „kleinen Satan Israel“. Auch Rache spielt nach dem Tod des sogenannten Obersten Führers eine große Rolle. Stand heute scheint das Regime fester im Sattel zu sitzen, als viele, vermutlich auch in der US-Administration, für möglich gehalten hatten.

Am Donnerstag verkündete das Zentralkommando der US-Armee, rund 6000 iranische Ziele seien angegriffen worden. Kann man abschätzen, wie viele der iranischen Raketenabschussrampen zerstört sind oder wie groß das iranische Raketenarsenal noch ist?

Die Militärinfrastruktur des Iran ist deutlich geschwächt. Man geht davon aus, dass mindestens 80 Prozent der iranischen Abschussrampen in den ersten zwei Kriegswochen zerstört wurden. Aber nach dem Zwölftagekrieg hat sich das iranische Regime dezentraler aufgestellt. Es hat gleichzeitig günstige, schnell herstellbare Drohnen beschafft, die keine Abschussrampen benötigen und mit denen der Iran die Kriegskosten für die andere Seite in die Höhe treiben kann. Mit einer solchen Kamikazestrategie kann das iranische Regime über Wochen hinweg seine Gegner in Atem halten. Es genügen täglich ein paar Drohnen, um Alarm auszulösen, den Flugverkehr einzuschränken und die Energieproduktion zu behindern.

„Wir haben den Iran eigentlich vernichtet“, hat Trump der „Financial Times“ gesagt. „Sie haben keine Marine, keine Flugabwehr, keine Luftwaffe, alles ist weg. Das Einzige, was sie noch tun können, ist, ein wenig Ärger zu machen, indem sie eine Mine ins Wasser lassen“. Wie stark geschwächt ist der Iran?

Ich wäre vorsichtig mit allzu pointierten Aussagen. Es gibt weiterhin das Netzwerk der Stellvertreter in der Region. Die Huthi-Milizen in Jemen haben in der Vergangenheit bereits gezeigt, dass sie in der Lage sind, die internationale Schifffahrt vor allem in der Straße von Hormuz einzuschränken. Bisher sind die Huthis in diesem Krieg deutlich weniger stark involviert, als viele es vermutet hätten. Dennoch besteht die Möglichkeit, dass die Huthi-Miliz stärker in den Krieg eingreift. Vielleicht ist es Teil der iranischen Strategie, die Stellvertreter in unterschiedlichen Phasen einzusetzen: in der ersten Phase vor allem die Hisbollah, um direkt an der Grenze zu Israel für Destabilisierung und eine weitere Kriegsfront zu sorgen. Und in der nächsten Phase die Huthi-Miliz, um in der Straße von Hormus die Schifffahrt stärker einzuschränken.

Der iranische Präsident Massud Peseschkian hat sich vor gut einer Woche bei den Nachbarstaaten für die Angriffe entschuldigt und wurde dafür umgehend aus dem Regime heraus kritisiert. Was stand dahinter?

Der iranische Präsident ist nicht die zentrale Figur in diesem Krieg. Die Fäden werden im Iran von den Revolutionsgarden gezogen, und auch die Ernennung von Modschtaba Chamenei, dem Sohn des früheren obersten geistlichen Führers, belegt, dass die Macht der Revolutionsgardisten noch stärker ist als zuvor: Modschtaba Chamenei kommt aus dem Dunstkreis der Revolutionsgarden, er verfügt über exzellente Netzwerke, auch wirtschaftlicher Natur, dorthin. Wenn dieses Regime den Krieg übersteht, wird man von einem sogar noch autoritäreren, noch radikaleren System ausgehen müssen, das dann sicher nichts unversucht lassen würde, weiter an einer nuklearen Kapazität zu arbeiten.

Halten Sie den Einsatz von US-Bodentruppen im Iran für eine realistische Option?

Eine Bodenoffensive würde enorme Folgen und Opfer mit sich bringen. Nach wie vor gibt es im Iran Hunderttausende Revolutionsgardisten und Zehntausende Basidsch-Milizen. Auch wenn die Führungsriege des Regimes eliminiert würde, diese Struktur ist weiterhin da. Diese Leute sind hochideologisiert, sie würden bis zur letzten Kugel kämpfen. Das wäre ein blutiger und langanhaltender Kampf. Insofern halte ich das aktuell für unwahrscheinlich.

Wie lange wird Israel den Krieg gegen die Hisbollah im Libanon fortsetzen?

Die Hisbollah ist in den Krieg eingestiegen, sie ist zwar geschwächt, aber weiterhin der wichtigste Stellvertreter des iranischen Regimes in der Region. Die libanesische Regierung positioniert sich deutlich gegen die Hisbollah und hat Einreisen von Iranern untersagt. Aber bisher war sie nicht in der Lage, diese Terrorgruppe zu entwaffnen. Für Israel ist es keine Option, dauerhaft mit dieser Gefahr an der Nordgrenze zu leben. Von daher dürften die Kämpfe gegen Hisbollah noch einige Zeit andauern, und zwar so lange, bis sichergestellt ist, dass südlich des Litani-Flusses keine Gefahr mehr für Israel von der Hisbollah ausgeht.

Dann bleiben die Einwohner des südlichen Libanon dauerhaft vertrieben?

Nicht alle Einwohner sind mit der Hisbollah verbunden. Vielleicht ist es möglich, dass im Rahmen der UN-Mission UNIFIL eine Rückkehr von Bevölkerungsgruppen sichergestellt werden kann. Das erste Ziel ist aber, die Hisbollah zurückzudrängen und zu entwaffnen.

Mit Thomas Volk sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

Source: n-tv.de