Wandel durch KI: Jetzt kann man mit seinem Finanzterminal reden

Daten gelten als das Rohmaterial des 21. Jahrhunderts, der Künstlichen Intelligenz (KI) kommt die Rolle zu, dieses Material zu veredeln. Würde diese Rollenverteilung zwischen Informationen und Technik eingehalten, müsste eigentlich niemandem bange werden. Doch da der KI auch disruptive Kraft nachgesagt wird, wackeln in vielen Geschäftsfeldern gerade die Fundamente.

Das amerikanische Unternehmen Bloomberg steckt als Datendienstleister für Finanzmärkte mitten in diesem Spannungsfeld. Und so sieht sich auch Vlad Kliatchko, seit dem Jahr 2023 Vorstandsvorsitzender von Bloomberg, in einer spannenden Phase der Entwicklung: „Ich bin ein Technologe und habe so viele technologische Revolutionen erlebt. Aber diese ist am aufregendsten“, sagte er im Gespräch mit der F.A.Z. während einer geschäftlichen Reise nach Frankfurt.

Bloomberg verdient sein Geld mit Informationen und Dienstleistungen, die auf Bedürfnisse von Bösenhändlern, Analysten und Portfoliomanagern zugeschnitten sind. Zentrales Produkt sind Terminals, auf denen solche Berufsgruppen nach Millionen von Finanzdaten suchen können, die strukturiert aufbereitet, aufgerufen und zur Grundlage von Finanzmarktentscheidungen gemacht werden können.

Trotz höheren Wettbewerbsdrucks sieht Bloomberg mehr Chancen

In den vergangenen Monaten hatten einige KI-Unternehmen vollmundig erklärt, mit ihrer Technik bald Anbietern wie Bloomberg Konkurrenz machen zu können. Als Ziel gaben sie an, eine Art Bloomberg-Terminal für Verbraucher zu schaffen. Kliatchko bringt das nach eigener Darstellung nicht aus der Ruhe: „Es gehört zu meinem Beruf, immer über neue Wettbewerber im Bilde zu sein. Ich sehe momentan vor allem eine gewaltige Gelegenheit für Bloomberg.“

Wer schon einmal mit den Terminals gearbeitet hat, bekommt eine Ahnung davon, was ihn und sein Team umtreibt. Um gezielt aus den Millionen an Daten sinnvolle Informationen herauszuziehen, braucht es für die Marktteilnehmer ein tiefes Verständnis davon, was alles in dem Hilfsinstrument steckt. Mit speziellen Akronymen finden diese dann die Seiten, die für ihre Zwecke erhellendes Wissen bereithalten.

Mit seinen jüngsten Innovationen will Bloomberg ein neues Erlebnis für Finanzspezialisten ermöglichen. „Das Terminal ist ein kraftvolles Instrument, das alles ermöglicht“, sagt Kliatchko: „Aber es ist oft sehr komplex. Das können wir mit KI ändern.“ Musste man sich bislang anhand der Befehle durch die umfangreichen Datenbanken hindurch navigieren, wird es mit der jüngsten Fassung möglich, stärker mit dem Gerät zu interagieren.

Ein Gespräch mit dem Terminal wird möglich

„Nutzer können mit dem Terminal sprechen, statt über Abkürzungen Werte abzufragen. Sie können Fragen in natürlicher Sprache stellen“, sagt Kliatchko. Seit dem Jahr 2003 ist der Absolvent der St. Petersburger Universität für Mathematik und Mechanik bei Bloomberg angestellt und tief in die Produktentwicklung eingetaucht. Seit August 2023 führt er das Unternehmen, das seinen Hauptsitz in New York hat und dessen Haupteigentümer bis heute Gründer Michael Bloomberg ist.

Seine potentiellen Wettbewerber sieht Kliatchko noch nicht in der Lage zu solchen Dienstleistungen. „Wir haben über Jahrzehnte Expertise gesammelt und wissen, wie Finanzmärkte auf Daten blicken“, sagt er: „Was jetzt gefragt ist, entspricht dem, was wir gut können: Daten zusammenstellen, analysieren und miteinander verknüpfen.“ Aus seiner Sicht werde sich in den kommenden Jahren auszahlen, dass die Bloomberg-Teams nah an den eigenen Kunden seien und somit selbst Finanzexpertise angesammelt hätten.

Wer professionell an den Märkten arbeite, verbringe viel Zeit an den Terminals. Solche Nutzer teilten ihr Wissen mit den Teams des Betreibers: Analysten, die eine Gruppe von Unternehmen bewerten, Portfoliomanager, die eine überzeugende Anlagestory entwickeln, Händler, die nach bestimmten Mustern Zu- und Verkäufe steuerten. Aus Gesprächen ergebe sich, welche Bedürfnisse diese hätten, aus ihrem Nutzungsverhalten an den Terminals zeigten sich Standards der Unternehmen, für die sie arbeiten.

Die Terminals sollen auch Fragen der Nutzer antizipieren können

Für Kliatchko ist dieser enge Austausch mit den Kunden ein Mehrwert, den KI-Unternehmen mit dem Wunsch, in dieses Feld einzusteigen, bisher noch nicht bieten könnten. „Wir liefern Kontext für eine Handlung oder einen Austausch, die auf modernsten wissenschaftlichen Methoden, unserem fundierten Verständnis für Daten und unterstützt durch KI basieren“, sagt er. Die neuen Funktionen sind schon seit einigen Monaten verfügbar. Die Terminals seien zunehmend in der Lage, spezifische Fragen der Nutzer mit Hilfe von Big Data gezielt zu beantworten – und zum Teil sogar, ihre Fragen zu antizipieren.

Bald heißt es nicht mehr: Man findet eine Information auf dem Terminal, sondern: Man hat sie sich erfragt.AFP

Als er dies im Gespräch ausführt, wird es für einen Moment etwas futuristisch und mit weniger Wohlwollen auch dystopisch. „Das kann zu einem KI-getriebenen System führen, das die spezifischen Bedürfnisse kennt, diese dann vor dem Nutzer selbst sieht und daraus Erkenntnisse ableitet“, sagt Kliatchko. Könnte ein Bloomberg-Terminal sich also verselbständigen und eigene Order ausführen? Zumindest die Entwicklung von Large Language Models zu agentischer KI ist schon angelegt. Es ist also durchaus beabsichtigt, dass die Maschine den Menschen Handlungen abnimmt, die sich aus vordefinierten Befehlen und neuen Informationen ergeben. Aber immer als Helfer.

„Wann wird KI selbst Wissen kreieren?“, fragt der Bloomberg-Chef selbst und gibt sich die Antwort: „Wir sind auf dem Weg dahin.“ Doch die selbständige Maschine, die Finanzmärkte durcheinanderbringt, sei nicht zu befürchten. Das Versprechen von Bloomberg beruhe auf Vertrauen. Nicht beabsichtigte Anwendungen würden durch aufwendige Sicherheitsnetze ausgeschlossen. Bloomberg werde sich weiterhin davon fernhalten, Finanzmarkt-Rezepte auszusprechen oder juristische Empfehlungen abzugeben. „Spürbare Ausgaben in Sicherheit und Qualität sind ein wichtiges Feld für Investitionen“, sagt Kliatchko. Aber immer mehr sollten die Terminals zu einem leicht nutzbaren Assistenten werden, um Probleme zu lösen.

Source: faz.net