Marc Herter postiert sich in der Fußgängerzone von Hamm vor dem ehemaligen Kaufhof-Gebäude. Wie aus vielen anderen Städten hat sich der einstmals florierende Kaufhauskonzern auch aus Hamm zurückgezogen, weil immer weniger Kunden kamen. Seit fünf Jahren schon steht die Immobilie in bester Citylage leer. Die Schaufenster sind mit hässlichen Spanplatten gesichert. Es ist ein trostloser Anblick.
Aber heute gibt es gute Nachrichten. Zusammen mit zwei Investoren und einem Architekten entfaltet Herter für die Journalisten der örtlichen Medien ein großes Transparent, auf dem der neueste Hammer Zukunftsplan als Computersimulation zu sehen ist: An der Stelle des fensterlosen Klotzes soll bald ein locker bebautes Quartier mit Wohnungen, Gastronomie und Arztpraxen entstehen.
Herter streicht das Transparent glatt. „Das ist die wichtigste Eigenschaft eines Oberbürgermeisters: Einen Plan haben und ihn zeigen.“ Ein Meilenstein für die schon seit Jahren betriebene Transformation der Hammer City von der Einkaufs- zum Wohn-, Dienstleistungs- und Erlebnisviertel sei das Vorhaben, das nach dem früheren Bundespräsidenten benannte Heinemann-Quartier, schwärmt Herter.
Ein triumphaler Sieg
Am Sonntag vor einer Woche erlebte die SPD bei den Kommunalwahlen in ihrer einstigen Hochburg Nordrhein-Westfalen ein Debakel, kam nur noch auf 22,1 Prozent der landesweiten Stimmen, ein historischer Tiefstwert. Selbst im einstmals tiefroten Ruhrgebiet müssen viele sozialdemokratische Amtsinhaber am 28. September in die Stichwahl. Doch in Hamm am nordöstlichen Rand des Ruhrgebiets setzte sich der 51 Jahre alte SPD-Mann Marc Herter im ersten Durchgang mit triumphalen 63,3 Prozent durch. Wie gut es den Genossen in Hamm gelungen ist, die Hammer Identität nicht nur mit Herter, sondern auch mit der Partei zu verknüpfen, macht das Ratswahlergebnis deutlich.
In der knapp 180.000 Einwohner zählenden Großstadt kam die SPD auf 46,2 Prozent und gewann alle Wahlkreise, die AfD legte zwar auch in Hamm stark zu, blieb aber unter ihrem Landeswert. Mit weitem Abstand vor der CDU ist die SPD nun stärkste Kraft im Rat.
Das ist umso erstaunlicher, als Herter erst seit 2020 Oberbürgermeister ist. Vor fünf Jahren folgte er Thomas Hunsteger-Petermann von der CDU, der mehr als zwei Jahrzehnte die Geschicke der Stadt leitete und äußerst beliebt war. So wie jetzt Herter, bei dem die große Mehrheit der Wähler offensichtlich den Eindruck hat, dass es aufwärtsgeht mit ihrer Stadt, die wie so viele Ruhrgebietsstädte vom Strukturwandel herausgefordert ist. Die letzte der vier Hammer Steinkohlezechen schloss erst 2010.
Das Erfolgsrezept des Sozialdemokraten besteht aus mehreren Komponenten. In der Stadtentwicklung verfolgte er den Kurs seines Vorgängers weiter. Anders als andere Städte dieser Größe gelang es Hamm, den Niedergang seiner City zu stoppen. Als die Post ihr riesiges Paketzentrum aufgab, baute es sich die Stadt zum technischen Rathaus um. An der Stelle des Horten-Kaufhauses direkt gegenüber dem Hauptbahnhof steht heute das schicke Heinrich-von-Kleist-Forum, das eine private Hochschule, die Stadtbibliothek und die Volkshochschule beherbergt. Bald soll das einstmals dritte Kaufhaus am Platz durch ein Hotel ersetzt werden.
Hamm, das vor einigen Jahren vom Entschuldungsprogramm „Stärkungspakt“ des Landes Nordrhein-Westfalen profitierte und zu den wenigen Städten in Nordrhein-Westfalen zählt, die 2024 den Haushalt noch ausgeglichen abschließen konnten, versteht es schon lange, möglichst viele Städtebaufördermittel zu akquirieren.
Unter Herter investiert die Stadt zudem kräftig in Kitas, Schulen, Radwege und Straßen. Sind die Straßen in vielen anderen Ruhrgebietskommunen in wortwörtlich erschütterndem Zustand, muss man in Hamm beinahe schon auf die Suche gehen, um noch Schlaglöcher zu finden. Heute regen sich manche in Hamm über die vielen Baustellen auf. Fünf Jahren müsse das Sanierungsprogramm aber noch laufen, heißt es aus der Verwaltung. „Ich glaube, die Hammer machen die Erfahrung, dass ihre Stadt gut funktioniert“, sagt Herter westfälisch bescheiden.
„Nicht die klassische Politik eines Sozialdemokraten“
Eine der wichtigsten Erfolgskomponenten ist nach Einschätzung von Mathias Eggendorf vom Verband „Die Familienunternehmer“, dass der Oberbürgermeister konsequent Wirtschaftspolitik betreibe. Durch den von Herter ins Leben gerufenen Hammer Wirtschaftsbeirat sei eine produktive Verbindung aus Unternehmen, Gewerkschaften und Politik entstanden. „Er hat es geschafft, ein Wir-Gefühl zu entwickeln“, sagt Eggendorf, der selbst CDU-Mitglied ist. „Wahrscheinlich wird er sich jetzt nicht freuen, wenn ich sage: das ist nicht die klassische Politik eines Sozialdemokraten, das ist die Politik der Vernunft.“
In den Rankings stehe Hamm heute besser da als noch vor wenigen Jahren. Die gute Ausstattung mit Kitaplätzen habe nicht nur dazu geführt, dass Frauen früher auf ihre Stellen zurückkehren könnten, sondern auch zahlreiche Fachkräfte zum Umzug nach Hamm motiviert. „Es geht wirtschaftlich aufwärts. Und alles, was in den nächsten fünf Jahren kommt, macht es noch besser.“ Vor allem aber habe Herter die seltene Gabe, wirklich jeden Bürger niederschwellig zu erreichen, lobt Familienunternehmer-Lobbyist Eggendorf.
Manche frotzeln, Herter gehe auf jede Katzenkirmes. Aus seinem Mitarbeiterstab heißt es, es sei schon erstaunlich, wie viele Termine der Chef absolviere. Keine Veranstaltung scheine ihm zu klein, jedes Grußwort wichtig.
Und noch wichtiger sind ihm die 30 Hammer Schützenvereine. Schützenfeste sind in Westfalen so bedeutsam wie im Rheinland der Karneval. Das Schützenwesen sei alles andere als verstaubt. „Das Gegenteil ist richtig: Es geht darum, eine gute Zeit miteinander zu haben, Gemeinschaft zu pflegen“, sagt Herter. „Die Gesellschaft braucht mehr Gemeinschaft.“ Nebenbei erfährt der Oberbürgermeister von den Sorgen, Nöten und Erwartungen der Leute. „Wie gewinnt man als Politiker Glaubwürdigkeit? Indem man über alles mit den Menschen redet, was sie bewegt.“
Als Herter 2020 erstmals in den Kommunalwahlkampf zog, versprach er, sich um die Dinge zu kümmern, „die die Menschen am Abendbrottisch beschäftigen“. Um mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen, erfand Herter Formate, die er bis heute anbietet. Regelmäßig steht er auf dem Wochenmarkt an der Pauluskirche oder an einem belebten Ort in einem Hammer Bezirk hinter seiner „Ansprech-Bar“. Selbsterklärend ist das Format „Ihr kocht Kaffee, ich bringe den Kuchen“.
Junge Mutter: „Er hat uns eine Stimme gegeben“
Bei dem Format hat Lisa Martin den Sozialdemokraten kennengelernt. Heute ist die parteilose junge Mutter Mitglied im Familienbeirat. Aufgabe des von Herter ins Leben gerufenen Gremiums ist es, die Perspektive der Familien in alle relevanten Planungs- und Entscheidungsprozesse der Stadt einzubringen. „Der Oberbürgermeister hat uns eine Stimme gegeben“, sagt Martin.
Als Herter im Wahlkampf 2020 versprach, Hamm zur familienfreundlichsten Stadt Deutschlands zu machen, belächelten manche das frei nach dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder als „Gedöns“. Herter ließ den großen Worten Taten folgen. Die Elternbeiträge für die Kindertagesbetreuung wurden halbiert, in die Sanierung und Instandsetzung der Spielplätze wurden 2,4 Millionen Euro investiert. Damit junge Eltern sich nicht im Behördendschungel verirren, gibt es seit zwei Jahren das sogenannte Familienrathaus, wo alle Leistungen und Angebote rund um die Geburt bis zum dritten Lebensjahr gebündelt sind.
Marc Herter galt schon einmal als Kronprinz der nordrhein-westfälischen SPD. Ein Jahr nach dem Landtagswahldebakel von 2017 – das Ergebnis von 31,2 Prozent wirkt heute wie eine magische Zahl aus goldenen Zeiten – hatte sich das damalige Establishment der Landes-SPD auf ein strikt den Regeln sozialdemokratischen Regionalproporzes folgendes Personaltableau geeinigt. Herter, damals Parlamentarischer Geschäftsführer, sollte als Vertreter der machtbewussten SPD-Region westliches Westfalen neuer Fraktionschef werden, ein Rheinländer war für den Parteivorsitz vorgesehen. Doch die Fraktion probte den Aufstand gegen die Altvorderen und wählte Thomas Kutschaty zu ihrem Chef – der dann bei der Landtagswahl 2022 scheiterte.
Bald wollen die nordrhein-westfälischen Genossen entscheiden, wer 2027 in das nach aktuellem Stand der Umfragen aussichtslose Rennen gegen den laut Umfragen beliebten Ministerpräsidenten Hendrik Wüst (CDU) geht. Manche finden, für Herter spreche sein hohes Maß an politischem Talent. Andere sind überzeugt, Herter habe in Hamm die Erfahrung gemacht, nirgendwo so viel mit und für die Bürger bewegen zu können wie in der Kommunalpolitik. Fragt man Herter selbst, bekommt man diese Antwort: „Mich zieht gerade nichts nach Düsseldorf.“
Source: faz.net