Wahlkampf Der Linken: Auf dem Weg in den Kampf jener Kulturen

Am Ende hatte alles nichts genützt, der Absturz der Linkspartei von sieben auf knapp vier Prozent in Baden-Württemberg war die Folge einer – aus Sicht der Kleinparteien – erbarmungslosen Polarisierung zwischen Cem Özdemir und Manuel Hagel. An dem Schicksal der Linken konnten auch die sprachlichen Fähigkeiten von Parteichef Jan van Aken nichts ändern, der sich anlässlich der Wahlen multiplem Sprachunterricht unterzogen hatte. Der Wahlkampf wurde fortan nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Arabisch, Griechisch oder Italienisch geführt. Eine Strategie, die im industriell-ökologischen Ländle nicht funktionierte, die womöglich aber eher als Testballon für die anstehende Wahl in Berlin intendiert war.

Pragmatisches Werkzeug oder risikoreiches Spiel?

Was zunächst wie Fortschritt klingt, ist auf den zweiten Blick ein risikoreiches Spiel, das sich die Strategen vom Erfolg der britischen Grünen oder der New Yorker Demokraten abgeschaut haben. Souverän ist in Wahlen schließlich zunehmend, wer Kontrolle über die rare Aufmerksamkeitsspanne der Wähler erlangt. Die Ansprache auf Arabisch oder Griechisch mag in Einwanderungsgesellschaften genau jenen „feinen Unterschied“ ermöglichen, den es in polarisierenden Wahlkämpfen braucht, ist also weniger „ein Zeichen des Respekts“, wie van Aken erklärte, sondern eine geschickte Strategie, die auch noch jene Differenz zum rechten Rand ermöglicht, von der sich die Linkspartei elektoral ernährt.

Es wäre aber ein Trugschluss anzunehmen, dass dieser Duolingo-Wahlkampf ein neues Deutschland, das exponentiell diverser wird, würdigt. Er mag eine kulturelle Repräsentationslücke schließen, öffnet dabei aber – en passant oder délibérément – unzählige neue interkulturelle Gräben, weil die heterogene Gesellschaft von Voraussetzungen lebt, die nur der homogene Staat garantieren kann. Oder, in anderen Worten: Ein multilingualer Wahlkampf in nationalstaatlichen Gebilden geht auf Kosten des freiheitlichen Staates.

Auf den Spuren des Kampf der Kulturen

Der Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington hatte mit seinem „Kampf der Kulturen“ in den Neunzigerjahren jene Leitlektüre vorgelegt, von der die modernen Spengler-Ziehsöhne bis heute leben. Die intra- und interstaatliche Unvereinbarkeit von Kulturen wurde zum Dogma, um sich nicht einzugestehen, dass westeuropäische Staaten schon länger Einwanderungsgesellschaften waren, die – im Großen und Ganzen – gut funktionierten. Der Wahlkampf der Linken zielt darauf ab, dass jene rechtskonservativen Ressentiments – die ohnehin durch die AfD das politische Klima bestimmen – hervorkommen. Er wartet auf scharfe Gegenreaktionen. Die Linkspartei zeichnet eine Karikatur der Einwanderungsgesellschaft. Sie bildet nicht die Diversität der deutschen Gesellschaft ab, die Ausdifferenzierung der Essenskultur, der Nachbarschaften und der Arbeitskollegen, sondern schafft Spaltungen, wo keine sein sollten.

Wer sich mit der Geschichte multiethnischer Staaten befasst, weiß, dass sie sich im Nahen Osten, im Kaukasus oder auf dem Balkan nur durch einen starken Leviathan aufrechterhalten konnten. Mit dem Ende des Autoritarismus kam es regelmäßig zu ethnischen Bürgerkriegen. Wenn der freiheitliche Staat, wie es der Verfassungsrechtler Böckenförde einst so treffend formulierte, ein „Wagnis“ ist, dann sind es liberale Einwanderungsgesellschaften umso mehr. Sie müssen beweisen, dass sich auch mit einem gezähmten Leviathan ein friedliches Zusammenleben garantieren lässt. Der Staat heute ist begrenzt mächtig dazu: Eine gemeinsame Verfassung, eine gemeinsame Sprache und eine gemeinsame politische Kultur – mehr bleibt aus guten Gründen nicht.

Die Vereinigten Staaten als unschönes Vorbild

In erster Linie, wusste schon Böckenförde, lebt der freiheitliche Staat aber von seiner Gesellschaft. Wahlkämpfe, die die AfD auf Rumänisch, die CDU auf Italienisch, die Linkspartei auf Arabisch, die SPD auf Türkisch oder die FDP auf Persisch führt, haben immenses Spaltungspotential. Die hier implizierten Parteizugehörigkeiten sind unterkomplexe Stereotype, aber ein multilingualer Wahlkampf führt zu solchen unschönen Assoziationen.

Die USA, wo der türkisch-amerikanische Leiter der Centers for Medicare & Medicaid in armenischen Vierteln nach Korruption sucht, sind in dieser Hinsicht Avantgarde. Während die alltägliche Multilingualität ein Vorteil liberaler Einwanderungsgesellschaften bleibt, sollte man im Ausnahmezustand des Wahlkampfes beim Deutschen bleiben. Dass es eine berechtigte Ausnahme gibt, haben Özdemir und Hagel bewiesen: Schwäbisch.

Source: faz.net