Es war die Mündung einer Pistole, die aus dem kiffenden Musikstar einen der populärsten Politiker Afrikas gemacht hat. So hat es Bobi Wine jedenfalls immer wieder erzählt.
Mit 23 Jahren sei er, der Junge aus dem Ghetto, die „heißeste Nummer überhaupt“ gewesen in Uganda, habe Hits über Partys, schöne Mädchen und teure Autos gelandet, mit den Reichen und Mächtigen gefeiert und sich nicht die Bohne für Politik interessiert. Bis ihn an einem Abend im Jahr 2005 ein Geheimdienstler aus seinem Cadillac zerrte, ihm die Waffe an die Schläfe hielt und sagte: „Was protzt du hier herum? Weißt du nicht, dass dieses Land Besitzer hat?“
Demütigungen können politisches Bewusstsein wecken. In diesem Fall mit weitreichenden Folgen nicht nur für Bobi Wine, sondern für sein Land.
Seit Wochen geht der heute 43-Jährige nur mit Schutzhelm und kugelsicherer Weste auf die Straße. Umjubelt von Anhängern, die ihn am Donnerstag zum Präsidenten von Uganda wählen wollen. Auf Schritt und Tritt beobachtet von einem Sicherheitsapparat, der das verhindern soll.
Es ist der zweite Versuch des Bobi Wine, in seiner Heimat einen Machtwechsel herbeizuführen. Sein Gegner, Amtsinhaber Yoweri Museveni, 81, regiert seit vier Jahrzehnten. Über drei Viertel der rund 50 Millionen Uganderinnen und Ugander sind jünger als 40, sie kennen keinen anderen Präsidenten. Bei den letzten Wahlen 2021 gewann er mit 59 Prozent. Wine wurde mit 35 Prozent Zweiter. Es war Musevenis bislang schlechtestes Ergebnis und auch das war vermutlich geschönt. Bei fast keinem seiner Wahlsiege, so behauptet die Opposition, sei es mit rechten Dingen zugegangen.
Viele Menschen in Uganda lassen sich nicht einschüchtern
Uganda macht in Deutschland gerade Schlagzeilen als sogenannter sicherer Drittstaat für Abschiebezentren, in denen abgelehnte Asylsuchende aus EU-Ländern eingesperrt werden sollen. Für Anhänger von Bürgerrechten und freien Wahlen ist das Land alles andere als sicher. Armee und Polizei haben in diesem Wahlkampf Kundgebungen der Opposition auseinandergetrieben. Am vergangenen Wochenende bezogen Soldaten mit gepanzerten Fahrzeugen Stellung in der Hauptstadt Kampala. Dienstagabend wurde das Internet gesperrt.
Das Erstaunliche ist jedoch nicht die wachsende Repression – die liegt im globalen Trend. Das Erstaunliche ist, dass sich so viele Menschen in Uganda nicht einschüchtern lassen. Bis zuletzt kamen immer wieder Tausende zu Wines Kundgebungen.
Ugandas Dauerpräsident Museveni hat Erfahrung im Umgang mit Oppositionellen, aber Wine ist der Erste, der ihm gefährlich geworden ist. Museveni war 1986 als Rebellenführer ins Amt gekommen, verzeichnete zunächst Erfolge im Kampf gegen Armut, Analphabetentum und Aids und distanzierte sich von Amtskollegen, die „sich zu lange an die Macht klammern“. Die wollte er bald selbst nicht mehr abgeben, sicherte sich mit Verfassungsänderungen, Kooption und Repression eine Wiederwahl nach der anderen. Einstige Weggefährten wurden zu politischen Gegnern. Museveni ließ sie entweder isolieren, inhaftieren oder auch bestechen. Dann kam Bobi Wine.
Geboren 1982 als Robert Kyagulanyi Ssentamu. Sohn einer alleinerziehenden Krankenschwester, aufgewachsen in einem Slum in Kampala, musikalisch begabt. Erste Hits landete er mit 18, 19 Jahren. Anfang der Nullerjahre kannte jeder den schlaksigen Sänger mit Dreadlocks, Joints und seinem unverkennbaren Mix aus Hip-Hop, Dancehall, Reggae und Afrobeats. Der wiederum schätzte schnell die Vorzüge des Reichtums, die ihm seine Musik brachte – wie den besagten Cadillac.