Während die USA die Waffenruhe mit dem Iran zur Aufrüstung benötigen, provoziert Israel neue Eskalationen im Libanon mit hunderten zivilen Opfern. Ein möglicher Frieden rückt damit in die Ferne
Beirut nach einem israelischen Luftangriff am 8. April 2026
Foto: Chris McGrath/ Getty Images
Es heißt, dass die Vereinbarung der Waffenruhe von allen Konfliktparteien getroffen wurde. Das verhieß nicht nur ruhigere Tage und Nächte für Iraner und Israelis, sondern auch ein weltweites Absinken der Ölpreise. Da der Iran im Laufe des Tages aber weiterhin US-Basen in Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten angriff, entstand der Verdacht, dass es sich womöglich nur um eine einseitige Waffenruhe handle.
Immerhin ist bekannt, dass den Vereinigten Staaten und Israel die Munition für Angriffe auf den Iran wie auch für die Abwehr iranischer Raketen knapp geworden ist. Beide Armeen sind es offensichtlich, die eine Atempause benötigen, um ihre Arsenale aufzufüllen. Dafür müssen Waffen geborgt werden – wie eine diesbezügliche Anfrage Trumps an Polen zeigte. Warschau winkte allerdings ab. Um Länder abzuschrecken, die dem Iran während der Feuerpause Waffen zukommen lassen könnten, drohte der US-Präsident mit Strafzollaufschlägen von 50 Prozent.
UN-Generalsekretär António Guterres hat diese Operationen klar verurteilt
Pakistan hat keinen Zweifel daran gelassen, dass die Waffenruhe auch für den Südlibanon gilt. Israel hat die damit verbundenen ermutigenden Aussichten mit den stärksten Angriffen auf Hisbollah-Stellungen und Orte im Libanon durchkreuzt, die es seit Langem gab und die fast 200 Opfer gefordert haben – größtenteils Zivilisten. Von einem Blutbad zu reden, erscheint angebracht. UN-Generalsekretär António Guterres hat diese Operationen klar verurteilt. Er sei „zutiefst alarmiert über die steigende Zahl ziviler Opfer“.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron äußerte sich in ähnlicher Weise und erklärte: „Wir verurteilen diese Angriffe auf das Schärfste.“ Sie stellten eine direkte Bedrohung für den gerade erzielten Waffenstillstand dar. Der Libanon müsse vollständig unter dessen Schutz stehen. Dazu wird es aber nur kommen, wenn Israel von seinen Verbündeten stark unter Druck gesetzt wird.
Iran erteilt eine Lektion
Neben prekär gewordenen Waffenvorräten fußte Trumps Entscheidung zur Feuerpause auch auf der nur mit einem solchen Agreement erreichbar scheinenden Wiedereröffnung der Straße von Hormus. Zumal auch noch die Schließung von Bab al-Mandab droht, der „Tor der Tränen“ genannten Meerenge zwischen Rotem Meer und Indischem Ozean. Deren Blockade könnten die jemenitischen Huthi bewerkstelligen und dadurch die Schiffe im Suezkanal stilllegen.
Die schon jetzt unabsehbaren Folgen der Unterbrechung der Handelsschifffahrt am Hormus-Knie werden weniger dem Iran als den USA und Israel angelastet und schädigen deren Ansehen weltweit – besonders in der Golfregion. Diese, auch von iranischen Angriffen auf die dortigen US-Basen betroffenen Staaten fahren zurzeit eine Doppelstrategie: Sie können sich der Basen, die ihnen offenbar keinerlei Schutz gewähren, noch nicht entledigen, haben aber zur Kenntnis nehmen müssen, dass sie ihre wirtschaftliche Zukunft nur in Abstimmung mit dem Iran sichern können.
Verteidigungsbündnis Saudi-Arabien – Pakistan
Dass als künftiger Verhandlungsort Islamabad zur Verfügung stehen soll, beruht auf dem guten Verhältnis zwischen Iran und Pakistan einerseits und andererseits auf einem kürzlich geschlossenen Verteidigungsbündnis zwischen letzterem und Saudi-Arabien. Aber noch ist unklar, ob es jetzt überhaupt schon zu Verhandlungen kommt.
Sowohl der Iran als auch die USA und Israel halten an ihren Maximalforderungen fest. Trump verlangt nach wie vor nicht nur den vollkommenen Verzicht auf Irans Atomprogramm, sondern auch die Einstellung der Produktion jener ballistischer Raketen, die weder von der amerikanischen noch von der israelischen Luftabwehr vollständig abgefangen werden können.
Der Iran wiederum fordert dauerhaften Respekt seiner staatlichen Souveränität, was sein Recht auf Urananreicherung, auf Selbstverteidigung und die Kontrolle der in seinen und Omans Hoheitsgewässern liegenden Straße von Hormus einschließt. Vor allem verlangt er – übrigens ähnlich wie Russland im Ukraine-Krieg – umfassende Friedensgarantien, die bewaffnete Angriffe auf lange Sicht ausschließen sollen. Und nicht zuletzt fordert Teheran auch den völligen Rückzug der US-Armee aus dem Nahen Osten.
Absehbar ist, dass die von beiden Seiten gestellten Bedingungen nicht so bald erfüllt werden und in einen umfassenden Friedensprozess münden können. Es sei denn, Donald Trump entschließt sich wirklich wieder zu einer seiner überraschenden taktischen Wendungen und verwirklicht, was er in der Nacht zum 8. März ebenfalls hinausposaunt hat: künftig mit den Iranern „viel Geld verdienen“ zu wollen.
In seiner nationalen Existenz bedroht
Da bislang alle Konfliktparteien auf ihre Weise verloren haben, ist es unangebracht, dass von europäischer Seite bereits von einem „fatalen Sieg Irans“ gesprochen wird. Das Land hat die schwersten Verluste an Menschen und Sachwerten zu beklagen. Das hat es auf sich genommen, weil es sich in seiner nationalen Existenz bedroht sieht, was – so wird immer wieder berichtet – auch die Opposition zum Einlenken brachte.
Dagegen wurden die ebenfalls als existenziell benannten Gründe, die Israel und die USA für ihren Angriff in Anspruch nahmen, weder von den eigenen Geheimdiensten noch von der Internationalen Atomenergiebehörde bestätigt. Sicher ist einstweilen nur, dass der Iran eine Lektion erteilt hat: Auch diesen Gegner haben die USA, Israel und mit ihnen der gesamte Westen unterschätzt. Aber stärker als Afghanistan, Somalia, Libyen und letztlich auch Venezuela hat Iran eine militärische Technik und Strategie entwickelt, die ihm vorerst eine erfolgreiche Verteidigung ermöglichen