Waffenruhe in Iran: Böses Erwachen zum Besten von Netanjahu

Vor ein paar Wochen sah die Welt für Benjamin Netanjahu noch geradezu rosig aus. Jahrzehntelang hatte der israelische Ministerpräsident von einem Großangriff auf den „Erzfeind“ Iran geträumt. Ende Februar wurde der Wunsch Wirklichkeit. Seite an Seite mit seinem Washingtoner Verbündeten griff Jerusalem das Teheraner Regime an. Netanjahu triumphierte.

Nur einen guten Monat später hat sich das Blatt gewendet. Die vorläufige Waffenruhe mit Iran, die der amerikanische Präsident Donald Trump über den Kopf seines israelischen Freundes hinweg erklärte, gleicht einem bösen Erwachen für ihn. Netanjahu steht vor einem derart ernüchternden Ergebnis, dass er sich im eigenen Land den Vorwurf der Opposition gefallen lassen muss, auf voller Linie gescheitert zu sein.

Von den Zielen, die Israel zu Beginn des Krieges ausgegeben hatte, ist bislang keines erreicht. Das iranische Regime hält sich trotz der massiven Schläge gegen die oberste Führung hartnäckig an der Macht, die getöteten Anführer wurden längst ersetzt. 440 Kilogramm hochangereicherten Urans, mit denen Iran eine „schmutzige Bombe“ oder noch Schlimmeres herstellen könnte, befinden sich weiter in den Händen des Regimes. Und selbst die Bedrohung durch das ballistische Raketenprogramm ist offenbar nicht beseitigt.

Militärische Erfolge – aber kein strategischer Sieg

Zweifellos hat Israel dem Regime in Teheran schwer zugesetzt. Doch in Iran wiederholt sich, was auch an anderen Schauplätzen wie dem Gazastreifen zu Netanjahus größten Problemen gehört: Militärisch kann die Armee beachtliche Erfolge verzeichnen. Doch der Regierungschef vermag sie nicht in einen strategischen Sieg zu verwandeln.

Eine herbe Enttäuschung für ihn dürfte auch die Verschiebung im Verhältnis zu den USA sein. Gerade noch schien die Beziehung zu Washington enger denn je. Unterstützt von Trump, inszenierte sich Netanjahu als starker Mann der Region. Die vorläufige Waffenruhe mit Teheran aber wurde maßgeblich von den USA ausgehandelt, Netanjahu blieb nicht viel mehr übrig, als im Nachhinein seine Unterstützung zu erklären.

Das Heft hat nun wieder Trump in der Hand. Israel, das noch nicht einmal in die anstehenden Verhandlungen einbezogen werden soll, muss der Linie folgen. Vorerst kann Netanjahu nur den Krieg in Libanon weiterführen.

Benjamin Netanjahu und Donald Trump am 29. Dezember 2025 in Mar a LagoAFP

Schwierigkeiten im Verhältnis zu den USA dürfte es aber nicht nur hinsichtlich des unberechenbaren Präsidenten geben, sondern auch mit Blick auf die amerikanische Bevölkerung. Das Ansehen Israels, das bereits infolge des Gazakrieges gesunken war, hat durch den Krieg in Iran weiter eingebüßt. Immer mehr Amerikaner werfen Netanjahu vor, ihr Land in einen Krieg hineingezogen zu haben, den sie nicht wollten und dessen wirtschaftliche Folgen sie nun ausbaden müssen.

Ähnliche Kritik schlägt Israels Regierungschef vonseiten der Golfstaaten entgegen, die von den iranischen Gegenschlägen teils schwerer getroffen wurden als der jüdische Staat selbst. Allein die Vereinigten Arabischen Emirate wollen ihre Beziehungen zu Israel weiter vertiefen. Ansonsten gilt das Land in der Region vor allem als aggressiver Störenfried.

Der Krieg gegen die Hizbullah wird keinen Ausweg bieten

Dass Netanjahu an seiner Kriegsrhetorik festhält und beteuert, die Angriffe auf Iran jederzeit wieder aufnehmen zu können, dürfte auch mit innenpolitischen Erwägungen zu tun haben. Denn vor allem gegenüber der eigenen Bevölkerung, die seit Wochen in Schutzräumen und Bunkern ausharrt, muss der Ministerpräsident die Militäroffensive als Erfolg verkaufen.

Zu Beginn des Krieges hatte sich selbst die Opposition noch nahezu geschlossen hinter die Angriffe auf das Teheraner Regime gestellt. Doch längst werden Stimmen laut, die erhebliche Zweifel daran anmelden, ob sich der hohe Preis für die mageren Ergebnisse gelohnt hat. Mit Blick auf die Wahlen in diesem Herbst kommt eine solche Bilanz einem Tiefschlag für Netanjahu gleich.

Die andauernden Angriffe auf die von Iran gelenkte Hizbullah in Libanon, an denen sich der Ministerpräsident nun festhält, werden ihm kaum einen Ausweg bieten. Selbst das eigene Militär gesteht mittlerweile ein, dass sich die Schiitenmiliz auf diesem Wege kaum zerschlagen lasse. Stattdessen isoliert sich Israel, das nun auch noch im Verdacht steht, den Waffenstillstand zu torpedieren, auf internationaler Bühne immer weiter.

Wie ernst Netanjahus Ankündigung zu nehmen ist, nun doch mit der libanesischen Regierung über eine Friedenslösung zu verhandeln, bleibt abzuwarten. Vorerst kann von Erleichterung aber auch an dieser Front keine Rede sein. Beirut fordert eine Feuerpause vor Beginn der Gespräche. Teheran droht, das Abkommen platzen zu lassen, sollte die Gewalt andauern. Netanjahu aber schießt weiter.

Source: faz.net