Vorweihnachtliches Traumtheater

Der Kreis des Lesens schließt sich diesmal urschön auf der Bühne im Deutschen Schauspielhaus. „Die Stadt der Träumenden Bücher“ von Walter Moers wird in der Inszenierung von Traumfänger und Traumdeuter Viktor Bodo ein Theaterspektakel für furchtlose Familien. Die Zeit zum Träumen bleibt knapp.

In Buchhaim, einer Stadt auf dem Kontinent Zamonien, ist ganz schön was los. Noch mehr als, sagen wir mal, Hamburg. Wie kann das sein? Nun, unter der „Stadt der Träumenden Bücher“, wie Buchhaim auch genannt wird, gibt es statt Wasser, Strom und Fernwärme, statt U-Bahn, Glasfaserleitungen und S-Bahn-Tunneln ein ganzes Labyrinth vergessener Bibliotheken. Darüber liegen Antiquariate, da leben verschrobene Schriftsteller und schräge Verleger, geldgierige Literaturagenten sowie anstrengende Literaturkritiker und nicht zuletzt Touristen, die sich einmal in der Welt der Fiktion erholen wollen oder die sich für die Herkunft eines ganz bestimmten Manuskripts interessieren, wie ein gewisser Hildegunst von Mythenmetz. Und wie in Hamburg, so gibt es auch in Buchhaim Eingänge zur Unterwelt.

Antitotalitäres Turbotheater

Weil es ein sehr unterhaltsames Erlebnis sein kann, wenn jemand in oder unter Buchhaim unterwegs ist, hat das Schauspielhaus in Hamburg beschlossen, das Labyrinth auf die Bühne zu stellen, damit jeder Zuschauer für knapp zwei Stunden dabei sein kann, wenn Mythenmetz als angehender Schriftsteller und kommender Held der Bücherwelt gegen drohenden Totalitarismus kämpft. Dafür nutzte das Theater den durch Sybille Meier, Anna Veress und Daniel Neumann in ein Stück übersetzten Roman „Die Stadt der Träumenden Bücher“ von Walter Moers, in dem alles genau drinsteht. Dann bat es den Regisseur Viktor Bodo (Stadt-Theater-Experte („Die gläserne Stadt“)), das Stück mit acht tollen Schauspielern zu inszenieren, und der hat es zum Glück getan. Deshalb ist der Abend nun krachend lustig, gruselig, spannend und ein klein wenig lehrreich. Also fast völlig unschädlich. Das Theater empfiehlt den Abend für Gäste vom Alter von zehn Jahren an. Wer jedoch zart besaitet ist, sollte die Grundschule besser hinter sich gelassen haben, damit das Traumtheater nicht zum Traumatheater wird.

Das fantastische Bühnenbild der Katakomben von Buchhaim erfand Zita Schnabel, und die vielseitigen, phänomenalen Kostüme stammen von Eszter Kálmán. Zusammen mit der Musik von Klaus von Heydenaber, gespielt von einer Liveband im Orchestergraben, bilden sie eine spätmittelalterlich anmutende Parallelwelt, die irgendwo zwischen Mittelerde, der Magischen Welt und der Scheibenwelt angesiedelt ist. Die Handlung folgt über wesentliche Strecken der Romanhandlung, die Dramatisierung aber verkürzt die Schauer- und Horrorstory. So bleibt für den Zuschauer, der die Zamonien-Romane nicht gelesen hat, manches schwer verständlich – auch manche Wendung der Handlung entspringt nicht folgerichtig, sondern eher zufällig, es entstehen mitunter Erzählwirren.

Buchlinge und Bücherjäger in der Unterwelt

Das ist aber nicht weiter schlimm. Denn der höchst einfallsreiche Regisseur und sein einsatzfreudiges Ensemble kreieren gemeinsam mit der Band und einer siebenköpfigen Tanztruppe immer wieder tolle Bilder und Momente, wenn in der großen Parodie jeder in der Buchwelt durch den Kakao gezogen wird. Denn im Labyrinth leben nicht nur die Überlebenden, die aus der Oberwelt hierher gelangten. Sie ist bevölkert von lebenden Büchern und von Buchlingen. Letztere, Zwergzyklopen mit einem Sinn für Lyrik und Prosa, lernen ganz Werke auswendig und ernähren sich zugleich von der Lektüre. Um sie herum leben Bücherjäger, die Büchern den Garaus machen und die nicht vor Kannibalismus zurückschrecken. Des Weiteren gibt es spinnenartige Monster und nicht zuletzt den Schattenkönig, dem alles in diesem Schattenreich Untertan ist. Roman und Stück sind zudem Wimmelbilder literarischer Anspielungen, damit auch Eltern und vor allem Großeltern beim Theaterbesuch einen gewissen Zusatzgenuss erfahren.

Auf der Bühne steigern sich neben Jan-Peter Kampwirth in der Hauptrolle der Hildegunst auch Michael Weber (Bibliothekar, Kellner, Kritiker Laptantidel Latuda, Buchling Danzelot) und sechs wandlungsfähige Mitspielerinnen und Mitspieler in einen wahren Rausch. Ute Hannig verfinstert das Antlitz der Erde als machtgieriger Phistomefel Smeik und wirkt in ihrer Zweitrolle als Bücherjäger Rongkong Coma auch nicht sympathischer. York Dippe missachtet Autoren als Literaturagent Claudio Harfenstock sowie als Hoggno der Henker, der ihnen den Kopf mit einem Beil vom Körper zu trennen trachtet. Welcher von beiden gruseliger ist, muss jeder für sich entscheiden. Alberta von Poelnitz glänzt an der Seite von Weber als Buchling Gofid, spielt die Schreckse Inazea Anazazi und ist im Minijob als Ausrufer tätig. Katja Danowski darf als Buchling Golgo so literaturfreundlich sein wie als dreigehirniger Antiquar Hachmed Ben Kibitzer. Jan Thümer spielt den verschollen geglaubten Bücherjäger Colophonius Regenschein sowie Ovidios von Versschleifer und schließlich die Schlüsselfigur, den Schattenkönig. Schauspielhaus-Chefinspizient und Darsteller Olaf Rausch geistert als Dealer durch die Kulisse.

Der Schattenkönig wird entdeckt

Wenn der Monarch des Labyrinths endlich gefunden ist und zu einem finalen Kampf aufbricht, scheint das Stück zu Ende zu sein, aber Vorsicht: Mit jedem Ende fängt eine neue Geschichte an. Das ist der Kreis des Lesens, der keinesfalls mit einem Lesezirkel verwechselt werden sollte.

Deutsches Schauspielhaus: „Die Stadt der Träumenden Bücher“, nächste Termine: 1., 2., 7.-10. Dezember

Source: welt.de

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