Nutzwertartikel stehen hoch im Kurs im „Wochenblitz“, der „deutschsprachigen Zeitung für Thailand“. Vor den Parlamentswahlen etwa, die an diesem Sonntag in dem südostasiatischen Land stattfinden, erklärt ein „Ratgeber“ den deutschen Lesern im Detail, wie das 24 Stunden dauernde Verkaufsverbot für Alkohol gemeistert werden soll, das am Wahltag bis 18 Uhr gilt: „Vorausschauend planen“. Noch mehr interessierte Ende Januar eine ausführliche Analyse, ob es möglich sei, mit Ersparnissen von einer Million Baht (27.000 Euro) in Thailand 14 Jahre lang zu leben und so die Zeit bis zur Rente zu überbrücken.
Die Redaktion kam zum Schluss: Mit 6000 Baht (160 Euro) im Monat auskommen zu wollen, sei selbst in Thailand „zweifelhaft“. Allerdings vermag das Argument, Dinge wie der Strom für die obligatorische Klimaanlage würden auch in dem tropischen Land immer teurer, derzeit nicht recht überzeugen.
Im Januar hat Thailand den zehnten Monat in Folge sinkende Preise erlebt. Vor allem dank der gesunkenen Kosten für Elektrizität lag die Inflationsrate bei minus 0,66 Prozent. Es ist möglich, dass die Deflation noch eine ganze Weile anhält. Schließlich hat Thailand nach Ansicht vieler Ökonomen gewaltige strukturelle Probleme wie die stagnierenden Einkommen.
Wer verschuldet ist, kann wenig konsumieren
Vor der Wahl bereitet vor allem die extrem hohe Verschuldung der Privathaushalte Sorgen, die mit fast 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nicht weit entfernt von der Haushaltsverschuldung in den USA vor der Finanzkrise (99 Prozent) steht. Wer verschuldet ist, kann wenig konsumieren, was sich im Wirtschaftswachstum niederschlägt. Das schätzt die Zentralbank für das laufende Jahr auf gerade mal 1,5 Prozent, was – die Pandemiejahre ausgenommen – der schwächste Wert seit 2014 wäre.
Früher galt Thailand in Asien als verheißungsvoller „Tigerstaat“. Mittlerweile sind nicht nur Wettbewerber wie Vietnam enteilt. Selbst die Wirtschaft Kambodschas, auf das viele Thais verächtlich herabblicken, wächst mehr als doppelt so schnell. Thailands Deflationssorgen hat die Regierung in Bangkok zwar abgetan.
Doch dass etwas gehörig faul ist im Staate, weiß auch Ministerpräsident Anutin Charnvirakul. Einen „Neustart“ hat Thailands vierter Regierungschef in fünf Jahren im Wahlkampf angekündigt. Doch die Strategie, mit der Anutin den „Albtraum“ beenden will, dass in Südostasien nur noch das Bürgerkriegsland Myanmar schlechter dasteht als die einst stolze thailändische Wirtschaftsnation, ist gelinde gesagt umstritten.
Die Autoindustrie lahmt
2,5 Millionen Autos hat Thailand im Jahr 2013 produziert. Das Land war mal eine Automacht, deren Stärke getrieben wurde von den örtlichen Fabriken japanischer Hersteller und thailändischen Zulieferern. Doch im vergangenen Jahr betrug die Zahl der im Land produzierten Autos nicht mal mehr 1,5 Millionen. An der Malaise sind zum einen die Chinesen schuld, deren günstige Elektroautos in Asien den früher so erfolgreichen Verbrennern aus Thailand wie etwa von Toyota auf der Welt den Rang abgelaufen haben.
Zwar produziert auch BYD aus Shenzhen jährlich 150.000 Fahrzeuge in Thailand. Doch allein Toyotas Kapazitäten im Land kommen auf das Fünffache. Auch die Stärke der thailändischen Währung, deren Wert gegenüber dem Dollar im vergangenen Jahr um fast neun Prozent gestiegen ist und alles aus Thailand teuer macht, hilft dabei nicht.
Vor lauter Schulden können sich die Thais selbst keine Autos mehr leisten. Dass die Verkäufe im vergangenen Jahr wieder etwas angestiegen sind, hat allein mit der Preisschlacht zu tun, in der chinesische Anbieter ihre Modelle wie die Elektrolimousine „Seal“ in Thailand fast so günstig verschleudern wie in China. Doch gegenüber 2012 betragen die Verkäufe im Land heute nicht mal mehr die Hälfte.
Kaufen auf Pump: Kaffee mit Kreditkarte bezahlt
Der Grund dafür ist simpel: Ein guter Teil der Thais aus der Mittelschicht mit Bürojobs lebt in der Praxis wie ein Fabrikarbeiter, weil er fast nur noch die Zinsen für Kreditkartenschulden begleicht, anstatt zu konsumieren. Mit 700.000 Baht (19.000 Euro) steht der durchschnittliche Haushalt laut einer Studie der Krungthai Bank in der Kreide, wovon ein Siebtel „informelle Schulden“ sind – aufgenommen bei Kredithaien, die bis zu achtmal so hohe Zinsen berechnen wie eine Bank.
Auf die 72 Millionen Thais kommen 24 Millionen Kreditkarten, die oft erst am Jahresende ausgeglichen werden müssen, was den Anreiz zu neuen Schulden noch mehr erhöht. Lippenstifte, das Mittagessen, ja selbst den Becher Kaffee kaufen viele Thais auf Kredit.
Am meisten von den Schulden belastet sind Angestellte im Alter von 40 bis 45 Jahren. Von einem Monatseinkommen von 30.000 Baht (800 Euro) gehen der Studie zufolge oft 20.000 Baht für die Tilgung drauf. So bleiben zum Leben umgerechnet 270 Euro. In der Folge sind fast sechs Millionen Thais „chronische“ Schuldner, deren Verbindlichkeiten sich stetig erhöhen, anstatt sich zu verringern.
Thailands Industrieverband hat am Mittwoch gewarnt, dass das Land bald nicht mehr nur der „kranke Mann in Asien“ sein könnte. Schuldenerlasse oder Bargeldauszahlungen an jeden Bürger allein brächten nicht viel, warnte Verbandschef Kriengkrai Thiennukul. Schaffe die Regierung keine neuen Einnahmequellen wie in der Landwirtschaft, die ein Drittel der Thais beschäftigt, aber nur sechs Prozent zur Wirtschaftsleistung beiträgt, drohe der endgültige Abstieg des Landes. Nach der Wahl dürfe es deshalb bei der Regierungsbildung nicht nur um taktische Spielchen gehen wie bisher üblich in Thailand. Stattdessen müsse ein „ökonomisches Dream-Team“ das Land retten.
Ein frommer Wunsch. Im Sommer war die damalige Regierung zerbrochen, weil ihr vorgeworfen wurde, im blutigen Konflikt mit Kambodscha nicht entschlossen genug gewesen zu sein. Der neue Ministerpräsident Anutin Charnvirakul, dessen Bhumjaithai Partei in den Umfragen zwar hinten liegt, aber vom mächtigen Militär unterstützt wird, hat wenige Tage vor der Neuwahl am Sonntag seine Prioritäten klargemacht: mit einem Ausflug an die thailändisch-kambodschanische Grenze, an der sich beide Länder seit Juli bekriegen, was rund hundert Menschen getötet und Hunderttausende vertrieben hat. Die Voraussetzung für wirtschaftliche Aufschwung sei Sicherheit, hat Anutin gesagt. Seine Lösung: „Ich werde euch eine Mauer bauen.“