Knapp ein Jahr nach dem großflächigen Stromausfall in Spanien und Portugal hat der Verband der europäischen Stromnetzbetreiber (ENTSO-E) am Freitag eine Reihe von Empfehlungen vorgelegt, welche die Stabilität der Netze künftig gewährleisten sollen. Zugleich machte er deutlich, dass aus seiner Sicht eine Verkettung unglücklicher Umstände dazu geführt habe, dass am 28. April 2025 Millionen Verbraucher auf der Iberischen Halbinsel sowie in einem kleinen Teil von Frankreichs Süden mehr als 15 Stunden lang ohne Elektrizität auskommen mussten.
„Der Stromausfall ereignete sich nach einem unkontrollierten, raschen Anstieg der Netzspannung und dem Verlust der Spannungsregelung an einem Tag, an dem mehrere Ereignisse gleichzeitig auftraten“, heißt es in dem 472 Seiten langen Bericht, an dem 49 Fachleute aus ganz Europa fast elf Monate lang gearbeitet haben. „Dieser wurde durch rasche Reduzierungen und Abschaltungen der Erzeugungsleistung beschleunigt, was zu einer Spannungsinstabilität und einer Kettenreaktion von Netzabschaltungen in Spanien führte.“
Hintergrund ist, dass in Europa Strom auf vier verschiedenen Spannungsebenen über die Stromnetze transportiert wird. Je höher die Spannung, desto geringer die Verluste. In Deutschland wird Strom im Höchstspannungsnetz mit maximal 380 Kilovolt übertragen, in Spanien mit 400 Kilovolt. Konventionelle Kraftwerke bilden normalerweise die Stützpfeiler im System, welche die Spannung hochhalten. Schon am Vormittag, zwei Stunden vor dem eigentlichen Blackout, sei die Spannung im Netz auf bis zu 435 Kilovolt gestiegen, heißt es in dem Bericht. Ab 12.03 Uhr kam es dann zu Schwingungen innerhalb der Iberischen Halbinsel.
Um diese zu dämpfen, reagierten die spanischen Übertragungsnetzbetreiber unter anderem mit einer Verringerung der Exporte von Spanien nach Frankreich und der Kopplung mehrerer Stromleitungen im Süden Spaniens. Diese Maßnahmen verringerten zwar die Schwingungen, verschlimmerten aber den Anstieg der Spannung. In der Folge wurden mehrere Hochspannungstransformatoren im Netz und an einzelnen Erzeugungsanlagen zu ihrem Schutz abgeschaltet. Dadurch wurden zusätzliche Netzgebiete abgetrennt, die zur Regelung der Spannung beigetragen hatten. Es folgte eine Kaskade abgeschalteter Erzeugung, die auch durch die Abschaltung großer Verbraucher nicht mehr zu stoppen waren.
Konzepte zum Neustart in der Schublade
Für den deutschen Übertragungsnetzbetreiber Amprion, der an der Erstellung des Berichts beteiligt war, lässt sich die Situation auf der Iberischen Halbinsel nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen. „Der Blackout auf der iberischen Halbinsel war der größte Stromausfall in Europa seit 20 Jahren. Ein vergleichbarer Blackout ist in Deutschland sehr unwahrscheinlich“, sagte Vorstandsmitglied Hendrik Neumann am Freitag. „Die Ergebnisse zeigen uns jedoch, wie wichtig es ist, unsere Maßnahmen für ein robustes und zukunftsfähiges Netz entschieden voranzutreiben und in einem sich wandelnden System fortlaufend weiterzuentwickeln.“ Eine Lehre sei, dass alle Anlagen im Netz einen Beitrag zur Systemstabilität leisten müssten. Amprion baue seit Jahren seine Anlagen zur Spannungshaltung aus. Für den Ernstfall lägen Konzepte zum Neustart des Netzes in der Schublade, die regelmäßig trainiert würden.
ENTSO-E-Chef Damian Cortinas sagte, es gehe nicht darum, ob erneuerbare oder konventionelle Erzeugung die Verantwortung für den Stromausfall trage, sondern darum, dass man künftig stärker auf die Spannungshaltung achten müsse. „Die gute Nachricht ist: Wir wissen, was wir tun müssen, und wir haben die Technologien dafür.“ Auch Wissenschaftler sehen den hohen Anteil von Solaranlagen im spanischen Stromsystem grundsätzlich nicht als Ursache für den Blackout. Leonhard Gandhi vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme kritisierte entsprechende Berichte kurz nach dem Stromausfall als „grundlegend falsch“. Die Argumente seien schon damals „erkennbar nicht nachvollziehbar“ gewesen.
Die anfänglichen Schwingungen innerhalb der Iberischen Halbinsel hätten nicht mit zu viel Solarstrom im Netz gelegen. Vielmehr hätten mehrere konventionelle Kraftwerke entgegen ihrer vertraglichen Verpflichtungen zu wenig Blindleistung eingespeist, mit welcher man den Spannungsanstieg hätte begrenzen können. Dies müsse in Zukunft engmaschiger überprüft und bei Nichteinhaltung gegebenenfalls auch finanziell sanktioniert werden. Auch in Deutschland müsse man an dem Punkt genauer hinschauen.
In Deutschland arbeiten Netzbetreiber und Stromproduzenten schon seit zwei Jahren an vielen kleinteiligen technischen Maßnahmen zur Umsetzung der „Roadmap Systemstabilität“, die der ehemalige Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) aufgesetzt hatte. Die soll ein stabiles Netz auch mit einem Anteil von 100 Prozent erneuerbarer Energien sicherstellen. Die Erhaltung der Spannung ist jedoch nur ein Teil davon. Noch wichtiger für Deutschland dürfte die Frage nach der Frequenz sein, die stets stabil bei 50 Hertz liegen muss.