Die deutschen börsennotierten Unternehmen haben im vergangenen Jahr 118 Mal den Kapitalmarkt warnen müssen, dass sich ihre Geschäfte deutlich schlechter entwickelten als ursprünglich prognostiziert. Diese im Finanzdeutsch als „Gewinnwarnung“ bezeichneten Mitteilungen beziehen sich nicht zwingend auf einen niedrigeren Gewinn, es kann sich auch um die Ankündigung von Verlusten handeln. Im Vergleich zum Jahr 2024 ist dies ein Rückgang, damals hatte es 153 solcher Mitteilungen gegeben. Im Jahr 2023 sogar 160.
Die Studie wurde vom Turnaround- und Restrukturierungs-Team der Strategieberatung EY-Parthenon erstellt, „um die Entwicklung und die makroökonomischen Ursachen von Gewinnwarnungen deutscher Unternehmen zu analysieren“. Die Autoren betonen, dass die Finanzvorstände der Unternehmen nach mehreren Krisenjahren die Unsicherheiten in den Planungen für 2025 eingepreist hätten und das krisenhafte Umfeld besser kalkulieren konnten als noch 2023. Damals hatten den Unternehmen die plötzlichen und kräftigen Zinserhöhungen nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Vorjahr die Finanzierungsbedingungen drastisch verschlechtert. Auch jetzt werden noch für 54 Prozent der Warnungen vor schlechteren Geschäftszahlen die hohen Finanzierungskosten als Grund genannt. Es folgen mit deutlichem Abstand die Unsicherheiten in den Lieferketten, die Umsatzrückgänge und höhere Personal- und Materialkosten als Gründe.
Auf schwieriges wirtschaftliches Umfeld eingestellt
„Die weiterhin hohe Zahl der Gewinnwarnungen ist auch ein verdichteter Ausdruck makroökonomischer Belastungen“, sagt Sandra Krusch, Deutschland-Chefin von EY-Parthenon. Besonders betroffen sind die Chemieindustrie und der Automobilsektor. Sechs Warnungen gab es aus der deutschen Chemieindustrie im Jahr 2025; eine recht hohe Quote angesichts von zwölf Unternehmen aus der Branche in Dax, M-Dax und S-Dax. Im Jahr 2024 waren es nur drei Warnungen, 2023 hingegen zehn.
Auch die Autoindustrie scheint sich auf ihr sehr schwieriges wirtschaftliches Umfeld eingestellt zu haben. Gleichwohl mussten im vergangenen Jahr noch neun Warnungen abgesetzt werden, bei 15 Branchenunternehmen in den einschlägigen Aktienindizes. Im Jahr 2024 waren es sogar zwölf Warnungen; in den Jahren davor nur drei und zwei. Auch aus den Branchen Medien, Finanzen und der Schwerindustrie wurden überdurchschnittlich viele Warnungen an die Kapitalmärkte verzeichnet.
Beharrungskraft struktureller Probleme in Deutschland
Andreas Warner, Mitautor der Studie und Leiter Performance, Turnaround & Restructuring von EY-Parthenon, sieht in der aktuellen Situation weitere Risiken: „Sollten die Energiepreise länger auf dem erhöhten Niveau bleiben, könnten sich die Planungen einiger Unternehmen rasch wieder als überholt erweisen.“ Wer in den niedrigeren Zahlen des Jahres 2025 zudem eine Wende erkennen wolle, unterschätzte die Beharrungskraft der strukturellen Probleme am Standort Deutschland.
„Bemerkenswert ist weniger die absolute Zahl der Warnungen als ihre anhaltend hohe Verteilung über mehrere Jahre hinweg. Darin zeigt sich, wie fragil die wirtschaftliche Lage vieler börsennotierter Unternehmen weiterhin ist“, sagt Warner. Da das Geschäftsjahr für die meisten Unternehmen noch jung ist, dürfte sich die Zahl der Hiobsbotschaften an den Aktienmärkten zunächst noch im Rahmen halten. Meistens wird im dritten Quartal gewarnt, dass sich die Jahresziele nicht mehr erreichen lassen.