Von Planwirtschaft zu Strategie – welches die Vorhaben Chinas z. Hd. die Welt bedeuten

Welche Chancen bietet Chinas neuer Fünfjahresplan der Hamburger und deutschen Wirtschaft? Darüber diskutierte eine hochkarätige Runde in der Handelskammer Hamburg. Klar ist: Die wirtschaftliche Konkurrenz aus Fernost dürfte noch deutlich härter werden.

Wenn China einen neuen Fünfjahresplan in Kraft setzt, hat das Folgen für die gesamte Weltwirtschaft. Seit Mitte März gilt für Chinas Wirtschaft der 15. Fünfjahresplan für den Zeitraum bis 2030. In den 1950er Jahren übernahm die damals noch junge Volksrepublik China unter Mao Zedongs Führung Fünfjahrespläne aus dem Instrumentenkasten der Sowjetunion. „Chinas Fünfjahresplan ist heutzutage allerdings kein Instrument der Planwirtschaft mehr, sondern eine mittelfristige Strategie“, sagte der chinesische Ökonom Professor Di Dongsheng von der Pekinger Renmin Universität am Dienstag in der Handelskammer Hamburg. Es gehe um „koordinierte Bewegung“, sagte Di und unterlegte das bei seinem Vortrag mit der Illustration eines Schwarmbildes.

China ist innerhalb weniger Jahrzehnte von einem Entwicklungsland zur – nach den USA – zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen. Die Fünfjahrespläne seien dafür die unverzichtbare Grundlage gewesen, sagte Lin Dong, Chinas Generalkonsul in Hamburg. Und die Hansestadt bleibe „weiterhin eine Brücke für unsere deutschen Freunde, um Chinas Wirtschaft besser zu verstehen“.

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Das allerdings wird in den kommenden Jahren wohl deutlich schwieriger und anspruchsvoller werden. Viele teils widersprüchliche Trends überlagern sich bei Chinas wirtschaftlicher Entwicklung – staatliche Steuerung und kapitalistischer Wildwuchs, nationalstaatliche Öffnung und regionaler Protektionismus, der Bau neuer Kohlekraftwerke und zugleich riesiger Solar- und Windparks.

Klar ist aber dies: China schaltet seit Jahren um von Masse auf Klasse, auf technologisch höherwertige Produkte und immer modernere, teils bereits vollautomatische Fabriken. Der Binnenmarkt soll weiter gestärkt werden, die erneuerbaren Energien ausgebaut, Künstliche Intelligenz und Digitalisierung, Bio- und Medizintechnologien in aller verfügbaren Bandbreite genutzt werden. Dekarbonisierung und „grüne“ Transformation stünden im Zentrum des neuen Fünfjahresplans, sagte Di Dongsheng, mehr als die Hälfte seines Inhaltes beschäftigten sich mit der Abkehr von fossilen Energien. Verbessern wolle China mithilfe des Plans zudem die Sicherheit der Energieversorgung und der Ernährung. Zweistellige jährliche Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes (BIP) verfolgt China aktuell nicht mehr, Experten gehen für die Zeit bis 2030 eher von vier bis fünf Prozent jährlichem Wachstum aus.

Grundsätzlich würde Chinas Strategie perfekt zu den Ideen der Handelskammer Hamburg passen. Die zentrale Vertretung von rund 180.000 Hamburger Unternehmen hat ihr Zielbild bis zum Jahr 2040 ebenfalls um Megatrends herum formuliert – es geht um die Chancen, mit der Entwicklung einer dekarbonisierten, hoch technisierten und resilienten Wirtschaft gutes Geld zu verdienen. „China schaltet um von quantitativem Wachstum um auf eine hochqualitative Entwicklung“, sagte Philip Koch, Leiter des Stabsbereichs Strategie und internationale Beziehungen bei der Handelskammer Hamburg. „Für Hamburger Unternehmen bietet das enorme Chancen.“ Allerdings sehe man derzeit auch, dass die Importe aus China zunähmen und Deutschlands Exporte nach China stärker „unter Druck stehen“.

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Rund 600 Hamburger Unternehmen geben laut Handelskammer Geschäftsbeziehungen mit und nach China an. Rund 80 von ihnen haben demnach eine Niederlassung vor Ort, rund 30 eine Produktionsstätte. Im vergangenen Jahr kamen Waren aus China für rund 8,8 Milliarden Euro über Hamburg nach Deutschland, Güter für etwa 4,8 Milliarden Euro wurden via Hamburg nach China exportiert. China ist der mit Abstand wichtigste Außenhandelspartner in der Statistik des Hamburger Hafens. Auch im Hafen selbst hat China seine Präsenz vor einigen Jahren ausgebaut, mit einem Anteil des staatlichen Maritimkonzerns Cosco von 24,9 Prozent am HHLA-Containerterminal Tollerort.

Der weltgrößte Chemiekonzern BASF eröffnete dieser Tage in Südchina das größte Werk, das das Unternehmen je im Ausland errichtet hat. China, das Land mit der nach Indien zweitgrößten Bevölkerung der Welt, ist für das Ludwigshafener Unternehmen unverzichtbar. Auch Europas Staats- und Regierungschefs reisen wieder öfter nach Peking, seit die USA unter Donald Trump als zuverlässiger Partner der Europäischen Union ausfallen. Und China nutzt sein neues Gewicht, um den regelbasierten Freihandel und langfristige gegenseitige Bindungen zu preisen. Tatsächlich aber hat China kein Problem damit, die internationalen Märkte als Überlaufbecken für seine zumeist konkurrenzlos billig hergestellten Waren zu nutzen, wenn sein Binnenmarkt nicht so läuft wie erhofft.

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Deutsche Unternehmen seien in China nach wie vor sehr willkommen, sagte Ferdinand Schaff, Chinaexperte beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Dennoch werden sie aus seiner Sicht auch weiterhin Anteile am chinesischen Markt verlieren. Das liege auch an einer „verschärften Konkurrenz chinesischer Unternehmen untereinander am heimischen Markt“. Jost Wübbeke vom Berliner Beratungsunternehmen Sinolytics fügte hinzu, chinesische Unternehmen aus verschiedenen Branchen würden immer stärker von „Technologiefolgern zu Technologieführern“. Bei der Solarenergie haben man dies vor 20 Jahren schon gesehen, bei der Elektromobilität wiederhole sich dies nun in weit größerem Umfang: „Und das liegt nicht nur an der chinesischen Wirtschaftspolitik, sondern auch an der Innovationsdynamik chinesischer Unternehmen.“

Bei aller chaotisch wirkenden Dynamik gibt es aber aus Sicht vieler Unternehmen und Branchen in China auch eine Zahl mit geradezu magnetischer Wirkung: Die kaufkräftige chinesische „Mittelschicht“ umfasse derzeit rund 300 Millionen Menschen, sagte Song Lifang, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Pekinger Renmin Universität. Gemessen an Chinas Gesamtbevölkerung von rund 1,4 Milliarden Menschen seien das gerade einmal rund 21 Prozent. In Deutschland und anderen westlichen Staaten stehe die „Mittelschicht“ für 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung. Es sei also realistisch, sich vorzustellen, dass die Mittelschicht in China schon in absehbarer Zeit 500 bis 600 Millionen Menschen umfassen werde – Konsumentinnen und Konsumenten mit dann viel mehr Einkommen, als sie es zur Deckung ihres alltäglichen Bedarfs benötigen.

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit vielen Jahren unter anderem über den Außenhandel im Norden.

Source: welt.de

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